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Volkes herbeiführen und dasselbe dem KommuniSmuS in die Arme treiben müßten. Dr. Falk wies diese Klage damit zurück, daß er darauf hinwieS, daß solche Sim ltanschulen nur da errichtet würden, wo ein ganz besonderer Anlaß vorliege und daß ja der Religionsunterricht konfeisionsweise ertheilt werde. — Das preuß. Abg.-Haus beschäftigte sich zunächst mit der 3. Berathung des Entwurfs über die Umzugskosten der Beamten. — Graf Hany Arnim ist um Zurücknahme des neulich hinter ihm erlassenen Steckbriefes eingekommen, da er krankheitshalber gezwungen sei, Karlsbad zu besuchen. Das königl. Kammergericht hat dieses Gesuch jedoch abfällig beschützen, da die von Arnim beiaebrachten Atteste von ausländischen Aerzten herrühren. Arnim wiid sich nun ein Zeugniß von deutschen Aerzten ausstellen lassen und da n wird der Steckbrief sicherlich suspendirt werden. Möglicher Weise taucht alsdann der Graf auch einmal in Berlin auf, ohne von den Behörden genirt zu werden. — Das deutsche Mittelmeergeschwader war am 18. d. Mts. auf seiner Fahrt nach den türkischen Gewässern bei der Insel Malta glücklich angekommen. Kaiser Alexander hat am 18. Bad Ems nach herzlichem Abschieds vom Kaiser Wilhelm verlassen und sich nach Jugenheim begeben.
Die österi eichische Regie ung hat Montenegro, den türkischen Ju- surrekiionssqauplatz und die angrenzenden Gebiete des eigenen Landes in telegraphischen Blokadezustand versetzt; sie läßt nämlich keine der allarmuenden südjlavischen Depeschen mehr durch. Ob damit freilich irgend etwas Gutes erreicht werden wird, ist die Frage. Das Wiener Kabinet hat gegen das kürzlich von der serbischen Regierung erlassene Moratorium, resp, die gesetzliche Vertagung der Zahlungstermine auf 3 Monate, Einspruch erhoben. Srbien hat darauf ausweichend geantwortet, aber alsdann seine „Kronjuristen" zu Rathe gezogen, welche die Frage, ob d:e Belgrader Regierung das Recht habe, auch die Vertagung 0er an das Ausland zu machenden Zahlungen anzuordnen, bejaht haben. Oesterreich scheint aber gesonnen, dieser Praxis eventuell mit den energischsten Mitteln entgegenzutreten. Der schon halb zurückgetretene Kriegsminister von Koller hat auf den Wunsch Kaiser Franz Joses'S sich doch noch dazu h-rbeigelassen, sein Portefeuille zu behalten.
Das politische Tagesgespräch in Frankreich bildet noch immer die Wahl des Exmrnisters B> ff t zum lebenslänglichen Seva'or. Man sagt: die Majorität von 144 St., welche für Büffet abgegeben wurden, müssen doch L'Uten angehören, die dessen Gesinnungen theilen und die bereit sind, den Kampf gegen die zweite Kammer und das Ministerium aufzunehmen. Die Sache scheint j doch nicht so schlimm zu stehen, da ca. 5 Senatoren von der Lmk<n an der Abstimmung nicht theilnahmen, die antirtpubllkaaische SenatSmehrheit Line feste und sichere ist. Das Kabinet hat denn euch in der Wahl seines Todfeindes Büffet noch keinen Grund zum Rücktritte gesehen; Letzterer kann erst dann erfolgen, wenn der Senat den von der zweiten Kammer bereits genehmigten Entwurf, betreffs Abänderung des Un versitätsgesetzes, verwirft. Von klerikaler Seite wird allerdings auf die Verwerfung hingearbeitet. — Inzwischen hat die französ. Regierung eine weitere Reihe von republik- serndlichen Präsikten und Unterpräfekten abgesetzt und durch Republikaner ersetzt. Mac Mahon gab gutwillig seine Unterschrift zu den derfallsigen Dekreten, obwohl er insgeheim mit zur Senatorwahl Buf- fet's beigetragen haben soll.
Nunmehr hat auch der spanische Senat den die KultuSfreiheit gewährleistenden Art. 11 des VerfassungSentwurss genehmigt, und zwar mit 113 gegen nur 40 St Dieser Erfolg ist vornehmlich der schlauen Beredsamkeit deS Ministerpräsidenten CanovaS bei Eastillo zu verdanken.
Die Verstimmung der belgischen Liberalen über den AuSfall der Wahlen zur th^ilweffen Ergänzung der Deputirtenkammer hält noch immer an. Man hatte darauf gerechnet, das die liberale Partei in der K immer veiftnti werden würde; da aber das Landvolk die ©labte* bevölkerung mojonsirte, so blieb eS beim Alten. Nun machte die liberale Volltwaffe in den größeren Städt n sich durch Exz sie Luft, die das Auf^iettN von Militärmacht und zur Wahrung der Ruhe und Ordnung wohnende Aufrufe der liberalen Führer zur Folge hatten. Diese aber hab n eine Agitation eingeleitet, welche auf die Abänderung des Wahlgesetzes gerichtet ist, so daß die Städte in Zukunft ihre eigene Vertretung in der Kammer haben sollen, auch fordern sie den Rücktritt deS klerikalen KabinetS.
DaS holländ. Ministerium hat sich zum Rücktritt entschloffen, da die Kammer sich gegen de Erhöhung des Militärkontingent» von 11 auf 14 000 auSge'p ochen hat.
Im englischen Oberhause gab Minister Derby auf ein- Interpellation hm die Antwort, -aß sich im gri denSverira e von 1856 Eng- land, Frankreich, Oestreich und Italien verpflichtet hätten, die Ein- wichung anderer Mächte in die inneien Ang>l genheiten der Türkei zu verhindern und daß ein event. Krieg zwischen Serbien und der Pforte als eine solche innere Angelegenheit zr b trachten sei.
Die kürzlich von Serbien der Türkei gegebene« Friedensverfiche- rungen haben nicht nur lerne Abrüstung zur Folge gehabt, sondern eS sind sich seitdem die beiderseitigen Strestkräfte nur noch näher gerückt,
i so daß ihre Feldposten nur auf Schußweite von einander entfernt sein sollen. Die am 16. Juni von einem Anhänger des entthronten Sultans ermordeten türk. Minister sind bereits ersetzt worden; der Mörder aber wurde schon am folgenden Tage hingerichtet.
TugesschKA.
— Berlin, 22 Juni. Das Herrenhaus setzte die Berathung der Städteordnung fort. § 15 wurde mit dem Zusatzantrage Kleist R-tzow's angenommen, welcher für den Erwerb des Bürgerrechts die Einführung eines höheren Census als 12 Mark zuläßt. Die §§. bis 74 werden nach den CommmissionSanträgen genehmigt.
— Berlin, 23. Juni. Abgeordnetenhaus. (Fortsetzung.) In der gestrigen Sitzung wurde ohne Debatte die Uebersicht über den Fortgang des Baues und die Ergebnisse des Betrieb-s der Staatseisenbahnen in den Jahren 1873 und 1874 genehmigt. Es folgte der Bericht der Budgetkommission, betreffend die Uebersicht und den Fortgang der Staatseisenbahnbauten im Jahre 1875 Zu der allgemeinen Rechnung über den Staatshaushalt des Jahres 1873 nebst den dazu gehörigen Anlagen, einem Vorbericht und den Bemerkungen der Obe^Rcchnungs- kammer, sowie der Rechnung über die Fonds des ehemaligen Staatsschatzes für dasselbe Jahr wurden nach . dem Anträge der Rechnunns- kommission, Namens welcher Abg. Strecker referirte, verschiedene Beschlüsse gefaßt.
Hierauf folgte auf die definitive Annahme deS Nothstandsgesetzes die dritte Bedachung deS Gesetzentwurfes, betreffend die Ablösung der Servituten, die Theilung der Gemeinschaften und die Zusammenlegung der Grundstücke für die Provinz Schleswig Holstein und fand Genehmigung. Es folgte die Berathung der Schreiben des Präsidiums des Königlichen StaatSMinffteriumS, betreffend die Uebersicht der von der Staatsregierung gefaßten Entschließungen auf Anträge und Resolutionen des HauseS der Abgeordneten aus der Session 1875. Der Abg. Berger bedauerte, daß die Staatsregierung auf viele Anträge und Resolutionen des Hauses nicht antworte. In dem vorliegenden Schreiben werde über die beantragte Vorlegung prinzipiell wichtiger Gesetze vollständig geschwiegen. Der Minister für londwii th chaftliche Angelegenheiten, Dr. Friedenthal, vertheidigte die Handlungsweise oer SlaatSre- gierung, welche nur auf Beschlüsse über solche P-tmonen, die der Regierung als Material zur Gesetzgebung oder zur Kenntnißnahme über« wiesen sind, keine Antwort ertheilt habe, weil sie d eselbe für üveiflüsig gehalten. Uebrigens sei de» Wünschen des Hauses nach Möglichkeit Rechnung getragen worden, wie er dies an Beispielen aus seinem Ressort beweisen könne. Nachdem der Abg. Dr. V rchow die Klagen d s Abg. Berger unterstützt, dieser selbst aber sich mit den Ausführungen des Ministers zufrieden erklärt hatte, wurde der Gegenstand für erledigt erklärt, worauf sich daS Haus um 3'/, Uhr ver tagte.
In der heutigen (73) Sitzung des Hauses der Abgeordneten trat nach «iüisen geschäftlichen Mittheilungen des Präsidenten dar HauS in die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Uebernahme einer ZinSgarantie deS StaateS für eine Prioruätranleihe der Berlin-DreS- dener Eifenbähngescllsckaft bis zur Höhe von 23.100,000 Mk. ein und wurde die Vorlage nach längerer Debatte an die Budgetkommission ver« Wiesen.
ES folgte die Berathung deS Schreibens des Präsidium» deS Kö- uiglichen StaatS-MimsteriumS, betreffend die Ernennung des Staatssekretärs im AuSuärtigen Amte v. Bülow und des Präsidenten de» ReichSkanzler-AmteS Hofmann zu Staats-Ministern und Mitgliedern des StaatS-MimsteriumS.
(Fortsetzung folgt.) <*. . et -*.)
— S. M. Kanonenboot „Comet" ist am 21. d. M. in Sa^onichi angekommen.
— Um über die Zahl der bei der mikroskopischen Fleischbeschau trichinös oder sinnig befundenen Schw-ine, sowie über die in den amerikanischen Speckseiten oder sonstigen Schwein fleischwaaren nackoew'ese- nen Trichinen regelmäßige Nachrichten tu erhalten, sind die BezirkSre« gierungen re. von dem Min-ster der geistlichen re. Angelegenheiten veranlaßt worden, im März eines jeden Jahres über das Ergebniß der dieLfälligen, in dem vorhergegangenen Jahre stattgefundenen Untersuchungen zu berichten und sich über etwaige besondert Umstände, welche dabei in sanitätSpolizeilicher Beziehung in Betracht komme» sollten, zu äußern.
— Meldorf. Laut Anzeige deS hiesigen LandrathSamteS ist an der Hannoverschen Elbküste eine Flasche aufoefunden, in welcher sich ein Zettel mit einer Notiz befand, die auf den Untergang eine» Schiffe» Bezug zu haben scheint. Die Notiz- welche für die Rheder de» Schiffe» und für die Angehörigen der Schiffsbesatzung von Interesse sein dürfte, lautet: „Wir sind durch Explosion des Dampfkessels „John Laube* sämmtlich verloren.
— Wien, 21. Juni. Der Kaiser ist heute Abend von Schön- brunn nach Jschl abgereist. — Gestern früh fand in Schönbrunn in Anwtsenheit der Kaiser» und im Beisein mehrerer Gäste (darunter Präsident ». Schmerling und Bank-Gonverneur v. Pipitz) die Prüfung bei