800
der Schuß einer Kanone in Folge der Ungeschicklichkeit eines Kanoniers nach rückwärts, wodurch 1 höherer Offizier und zwei Kanoniere schwer verwundet wurden.
— München, 19. Juli. Die Zahl der Unterschriften zu der an den Reichskanzler abzusendenden Münchener Adresse beträgt bis jetzt ungefähr 3000.
— Der „Schw. Merk." ist voll Berichte über die günstigsten Ernteaussichten. Unter anderm schreibt er: Laupheim, 17. Juli. Getreide- und Viehmarkt stark befahren; bei dem Getreide in allen Gattungen pr. Ctr. 1 fl. und mehr Abschlag; beim Vieh gingen die Preise um 25—30 Proz. zurück. In Folge dessen sind auch die Fleischpreise heruntergegangen. Der Segen in allen Getreidearten ist so groß, daß seit Jahren keine so reiche Ernte nach Qualität und Quantität da gewesen. Das Heu, an Menge weniger wie sonst, ersetzt durch die Güte den Ausfall. Die Ernte des Seegrases hat begonnen und ist eine reichliche, unbeschädigt durch Hochwasser; durch die anhaltend trockene Witterung geht das Dörren normal vorüber. Bei dem reichen Ertrag der Ernte ist, sobald das Gras gesponnen ist, Nachfrage auch zum Export erwünscht. Die Torfstiche liefern heuer guten Ertrag und besonders wohl getrocknete Waare. Tausend Torf werden mit 3 fl. 15 kr. bis 3 fl. 30 kr., frei vor das Haus geliefert, bezahlt. Wenn auch die Viehpreise im Sinken sind, so wurde dennoch für eine Kalbin 125 fl. bezahlt, da lohnt es sich wohl, Vieh zu züchten. Die Milchwirthschaft ist lohnend, das Pfd. sogen. Bauernbutter wird mit 28 kr., Schweizerbutter mit 35 kr. bezahlt. Die Käspreise sind gesunken; die Ausfuhr nach dem Norden stockt. Die Erträgnisse der Thiere, Pflanzen und Mineralien in der Landwirthschaft sind ergiebig und bod) sind die Güterpreise im Fallen begriffen, was besonders in Laupheim der Fall ist. Landwirthe, die ein größeres Güterareal bewirthschaften oder erwerben wollten, hätten dazu auf der großen hiesigen Markung gute Gelegenheit.
— Straßburg, 15. Juli. Die Kasernenbauten in der Citadelle sind nun zum Abschluß gelangt; dieselben bestehen in einer großen dreistöckigen Kaserne für das 8. württ. Jnf.-Reg. Nro, 126, einem großen Familienhause für Unteroffizierwohnungen und gegenüber der Kaserne in dem Gebäude für die Offizierspeiseanstalt des gen. Regiments. Die gegenwärtig durch die Citadelle führende Straße wird nach der Seite der Speiseanstalt verlegt und führt dicht vor derselben vorbei, während jenseits der Straße und in der Mitte vor dem letztgenannten Gebäude das Fundament zu dem Denkmal, welches für die im letzten Kriege gefallenen Offiziere und Mannschaften des Jngenier- und Pionierkorps errichtet werden soll, bereits ausgeführt ist. Von diesem Denkmal bis an die neue Kaserne dehnt sich dann der neu anzulegende Exerzierplatz aus. Nach den Manövern soll die Kaserne bezogen werden, das Unteroffizierwohnhaus ist es zum Theil schon jetzt, und es wird dann hoffentlich die Unterbringung der Mannschaften in den Baraken, die mancherlei Unzuträglichkeiten zur Folge hat, nicht mehr nöthig sein. — Auch an der Kehler Eisenbahnbrücke sind die Mauerbauten zur Wiederherstellung des gesprengten Landpfeilers beendet und ist das Montiren der neuen Blechträgerbrücke, welche die letzte Spannung nach dem Landpfeiler überbrückt, so weit vorgeschritten, daß dieselbe nach der demnächstigen Legung des Geleises binnen Kurzem dem Verkehr wird übergeben werden können. Alsdann soll auch die hölzerne Nothbrücke des zweiten Geleises, welches jetzt in Benutzung ist, durch eine eiserne ersetzt werden; jedoch ist der neue Brückentheil nicht wieder als Drehbrücke konstruirt worden, und es ist eine solche nur noch auf dem linken Rheinufer vorhanden.
— Kufstein, 18. Juli. Vicar Hauthaler aus Walchsee, dessen Freilassung erfolgte, nachdem es sich herausgestellt, daß er an dem Attentate gegen den Fürsten Bismarck gar keinen Antheil hat, ist soeben (5 Uhr) hier eingetroffen. Derselbe ist seiner Aussage zufolge während seiner Haft überaus human behandelt worden.
— Man beginnt jetzt, so schreibt die „Trib.", die dritte Expedition nach Atchin zu organisiren. Den holländischen Truppen, welche gegenwärtig in Indien stehen, ist es nicht gelungen, die Atchinesen zu demüthigen und zu unterwerfen. Nur mit Mühe behaupten sie ihren Beobachlungsposten im feindlichen Lande und mußten noch vor wenigen Tagen ihre bedrohte Rückzugslinie sich durch einen blutigen Kampf wieder frei machen. Dazu decimiren Krankheiten die Mannschaft, welche von energielosen und unkundigen Führern geleitet wird. Ob die künftige Expedition bessere Erfolge haben wird, muß abgewartet werden. Die Schlaffheit bei kriegerischen Unternehmungen, welche Völker und Regierungen zeigen, deren Dichten und Trachten sich nach und nach ausschließlich auf den materiellen Erwerb gerichtet und die in dem Ruhestuhl des Manchesterthums ihre Jugendkraft verschlummert haben, erscheint ebenso naturgemäß wie es selbstverständlich ist, daß sie von traurigen Erfahrungen geleitet wird. Die Generalstaaten, welche einst dem furchtbaren Philipp II. Trotz geboten, welche den königlichen Besitzern der beiden Indien einen großen Theil dieses kostbaren Beutestückes entrissen haben, zeigen sich jetzt unfähig, eine von Halbbarbaren bewohnte Küstenstrecke zu behaupten. Und kaum vermag noch das kauf
männische Interesse den trägen Ehrgeiz zu stacheln. Die neue Kraftanstrengung, welche gemacht werden muß, damit das holländische Prestige in den ostasiatischen Gewässern nicht eine unheilbare Einbuße erleide, dürfte wieder nur halb gewollt und halb vollführt werden. Vorläufig werden durch einen königlichen Erlaß Werbeprämien ausgesetzt für Soldaten, welche sich entschließen, an der Expedition Theil zu nehmen. Ueber weitere Vorbereitungen verlautet zur Stunde noch nichts.
— Paris, 20. Juli. Das „Journal officiell" meldet, daß der Minister des Innern, Fourtou, seine Demission gegeben hat und daß dieselbe vom Präsidenten der Republik angenommen worden ist. Mit der interimistischen Verwaltung des Ministeriums des Innern ist dec Vize-Präsident des Minister-Konseils und Kriegs-Minister de Cissey beauftragt worden.
— Wie man jetzt erfährt, besitzt die Exkaiserin Eugenie über 40 Häuser in Paris. Selbstverständlich sind die Häuser nicht unter dem Namen der Exkaiserin eingetragen. Das ganze Vermögen der Exkaiserin wird auf ungefähr 50 Millionen geschätzt.
— Als die Professoren der römischen Universität auf den Gedanken kamen, eine Adresse an Döllinger zu richten, verweigerten die Clericalen ihre Unterschriften und schlugen, nachdem sie ihre Entlassung eingereicht hatten, ihre Zelte im Vatican auf, wohin ihnen ein paar Studenten folgten. Diese Universität fristet nun seit zwei Jahren ein kümmerliches Dasein und ihre Studenten haben keine Aussicht, von der Regierung angestellt zu werden, weil die Universität des Vaticans vom Staate nicht anerkannt ist und keine Diplome ausstellen kann. Jetzt haben 103 'Studenten das Municipium ersucht, ihnen das Abiturientenexamen abzunehmen, damit sie auf der römischen Universität studiren können, und das Municipium hat ihnen darauf im Einverständniß mit dem Ministerium des öffentlichen Unterrichts entgegnet, daß sie sich einschreiben lassen sollen, um hernach examinirt zu werden. Man glaubt, daß die Universität im Vatican geschlossen werden wird.
— Madrid, 19. Juli. Die amtliche „Gaceta" publicirt ein Dekret der Regierung, durch welches ganz Spanien in Belagerungszustand erklärt und über das Vermögen derjenigen Personen, welche in einer carlistischen Truppenabtheilung dienen oder überhaupt der Sache des Prätendenten Dienste leisten, der Sequester verhängt wird. Aus den Erträgen dieses mit Beschlag zu belegenden Vermögens soll eine Entschädigung von 100,000 Pesetas für die Familie jedes von den Carlisten erschossenen höheren Offiziers, eine Entschädigung von 50,000 Pesetas für die Familien anderer erschossenen Offiziere, eine solche von 25,000 Pesetas für die Familien von erschossenen Soldaten und Freiwilligen aufgebracht werden. Jede Uebertragung von Eigenthum, seitens der Carlisten an Dritte, die nach dem Erlasse dieses Dekretes erfolgt, wird für null und nichtig erklärt. Ferner werden durch ein weiteres Dekret alle nicht ausdrücklich erlaubten Gesellschaften aufgelöst. Es wird verboten, irgendwelche Nachrichten über den carlistischen Aufstand und überhaupt andere Nachrichten als diejenigen zu veröffentlichen, die durch die „Gaceta" zur öffentlichen Kenntniß gelangen. — Der Befehlshaber der Carlisten in Biscaya hat angeordnet, sämmtliche der liberalen Partei in der Provinz Angehörige gefänglich einzuziehen und von denselben bei einem Angriff der republikanischen Streitkräfte auf die cantabrischen Küstenstädte Repressalien zu nehmen. Der Kommandant soll erklärt haben, daß er für jeden Kanonenschuß, der von den Republikanern auf eine der Städte abgefeuert würde, einen feiner Gefangenen füsiliren lassen werde.
— Amerika. Der Julibericht des Agrikultur-Departements zeigt, daß der Stand der Baumwollsaaten 8 bis 13 Prozent günstiger, als der im Juni, und im Allgemeinen auch besser, als der der Saaten im Juli 1873 ist.
— Die „Neue Frstr. Pr." schreibt unterm 20. Juli aus Frankfurt a. M.: Die Hessische Ludwigsbahn-Verwaltung hat versuchsweise zwei Personenwagen I. und II. Classe mit Coupè-Abtheilung und Jn- tercommunication durch Seitengang in Bestellung gegeben, wodurch die Verbindung der Passagiere mit dem Zugpersonal in vollkommenster Weise hergestellt wird. — Der Frankfurter Lebensmittelverein verkauft ein gutes schmackhaftes Weißbrod zu 33 kr. per 6 Pfund, mithin den Laib Brod um 5 kr. billiger als die Bäcker. — Die Häfnergesellen haben einen sonderbaren Zeitpunkt zur Erzielung von Lohnerhöhung, nämlich den Sommer, gewählt. Dieselben fordern dermalen eine Tariferhöhung von 25—30 pCt.
Lokales und Provinzielles.
Hanau, 21. Juli 1874.
—8— Die Betheiligung an der Jahresversammlung des hessischen Geschichtsvereins, die nächsten Donnerstag um 10 Uhr Vormittags im Theatergebäude zu Wilhelmsbad stattfindet, scheint auch von auswärts eine zahlreiche zu werden. Namentlich werden Theilnehmer von Cassel, Frankfurt und Gelnhausen erwartet. Von Persönlichkeiten, die in der wissenschaftlichen Welt von Ruf sind, haben die Vorstände der Wiesbadener und Mainzer Museen, Obrist z. D. v.