ST«
— Im Abgeordnetenhause hat am 19. Dez. der Handels- minifter die große Eisenbahnvorlage eingebracht, welche bezweckt: 1) die Herstellung einer directen Verbindung zwischen Eydtkuhnen und Metz; 2) die Herstellung einer Eisenbahnverbindung zwischen Hanau und Friedberg; 3) einer solchen zwischen Godelheim und Ottenbergen; 4) einer solchen zwischen Welver und Dortmund: 5) einer solchen zwischen Haarburg und Hannover; 6) einer solchen zwischen Saarbrücken-Neunkirchen; 7) die Beendigung der Berliner Verbindungsbahn. Die Kosten hierfür belaufen sich auf 101,920,000 Thlr. Ferner werden verlangt- 3 Millionen für zweite und dritte Geleise, für Vermehrung von Betriebsmaterial 9 Millionen.
— Die KriegSregierungen und die MedizinalauSschüsse in Bayern sind, wie das „Korr. Bl. v. u. f. D." mittheilt, zu Gutachten darüber aufgefordert worden, ob für die Apotheken KonzessionSpflichtigkeit oder Gewerbefreiheit zweckmäßiger sei.
— Cassel, 17. Dez. In allen Gewerken wird Strike gemacht, Lohnerhöhung folgt aus Lohnerhöhung, eine Preissteigerung zieht die andere nach sich. Was wird das Ende vom Liede fein ? So lesen wir jetzt, daß auch die Barbiere mit ihren Preisen in die Höhe gehen wollen. Und warum auch nicht? Läßt sich doch das Publikum unserer Tage von hohen Börsen- und Industrie-Rittern das . Einseifen" um hundert von Procenten über den wahren Werth gefallen, warum sollten wir nicht das reinliche Geschäft des wirklichen Einseifens, dem das Glattmachen auf dem Fuße folgt, mit einem mäßigen Aufschlag belohnen? Hier versteht es sich doch von selbst nnd liegt in der Natur der Sache, daß wir „Haare lassen" müssen. In Leipzig hat ein deutscher Barbiertag stattgefunden. Die Wahl des Orts ist gut. Leipzig ist bekanntlich der berühmte Platz für „rauhe" Waare, des Handels in Pelzen und edlen Fellen. Abgeordnete aus allen größeren Städten des deutschen Reiches waren daselbst versammelt. Auch Cassel war vertreten. Einstimmig hat man die Erhöhung der bisherigen Preise beschlossen. Als Grund wird angeführt die Sieigerung der Preise aller Lebensmittel, der Lokalmiethe, des Gehülfenlohnes rc. Mögen diese alltäglichen Fortschritte auf dem Gebiete der Preiserhöhungen das zahlende Publikum zuweilen unangenehm berühren, mögen wir nicht selten ängstlich besorgt sein, in englische oder amerikanische Werthverhältnisse zu gerathen, wir müssen doch unsern Barbieren Gerechtigkeit widerfahren lassen und dürfen sie nicht, obwohl sie jeden Tag das Messer an unserer Kehle haben, mit Halsabschneidern in eine Linie stellen. Wir müssen anerkennen, daß ihre bisherigen Preistarife seit wohl hundert Jahren unverändert bestanden haben und zu Zeiten eingeführt wurden, wo ein Viertel Kartoffeln wenig üb r zehn Silbergroschen kostete. Wir gönnen daher der edlen Barbi r-Zunft einen mäßigen PreiSaufschlag von Herzen, wir sehen ihrem Ultimatum beim Jahreswechsel mit-Ruhe entgegen, überzeugt, daß Uebertreibungen unterbleiben. (v-is. M..Z)
— München, 19. Dez. Im letzten Feldzuge war es häufig sehr störend, ja gesährlich, daß im deutschen Heere verschiedene Manöver-, Marsch- und sonstige Signale bestanden, die besonders für die Vorposten Ursache zu Irrungen und falschen Allarmirungen gaben. Mit Einführung der in der preußischen Armee bestehenden Uebungs- und Manöver Vorschriften mußten auch die preußischen Signale übernommen werden; da aber hiefür die in der bayerischen Armee im Gebrauche gestandenen Signalhörner unpassend waren, wurden dergleichen wie im übrigen Deutschland zur Einführung bestimmt. Diese sind nunmehr zur Berthei- lung gelangt; sie haben einen tieferen Ton, klingen mehr sonor als schmetternd, sind weiter und deutlicher hörbar und werden an -einem breiten, von der linken Schulter zur rechten Seite laufenden, rothen ledernen Bande getragen; statt der grünen Schnüre, mit welchen die Hörner bisher umwunden waren, werden nun rothe verwendet. Durch dergleichen Signale in dem ganzen deutschen Heere werden viele Unzukömmlichkeiten gehoben, welche wie gesagt, im letzten Kriege nur zu häufig zu Tage traten, und zwar sowohl im Gefechte als auch auf dem Marsche und in den Kan- tonnementS oder Bivouaks.
— Aus Mainburg in Niederbayern, einer sehr fruchtbaren Hspfengegend, wird berichtet, daß daselbst und in dessen Nähe in der jüngsten Zeit die Telegraphenleitung nach Nürnberg nicht Weniger als viermal durchschnitten worden ist. Als die Ursache dieser strafbaren Beschädigung vermuthet man allgemein fremde Hopfeneinkäufer, die sich auf kiese Weise ihren Spekulationen ungestört und frei von neugieriger Konkurrenz hingeben zu können glaubten. Nü rnB. Korresp.
— Die Züricher haben ihre weiblichen Studentinn« gründlich satt. Diese meist Russinnen führen ein so lockeres und liederliches Leben, daß man ihnen förmlich aus dem Wege geht. Sie bringen den größten Theil des Tages in den Kneipen zu.
— Seltsame Todesursache. Der in Treptow wohnhafte Arbeitsmann Schäfer versuchte am 15. d. M. beim Mittagessen ein großes Stück gebratenen Fleisches hinunterzuschlucken. Der Bissen blieb ihm jedoch in der Speiseröhre stiften und wurde die Ursache, daß Schäfer binnen wenigen Minuten an Erstickung ! verstarb.
— Aus London wird berichtet: Auf einer Versammlung des epidemiologischen Vereins hielt der Vorsitzende Dr. Frederic I I. Mouatt, früher General-Aufseher der Gefängnisse in Ben« i galen und später Professor der Medizin und medizinischen JuriS- I prudenz in Calcutta, einen Bortrag über die Cholera. Er war ' der Ansicht, daß Rußland, was diese Pest anbetreffe, eine stete 1 Gefahr für Europa sei. In Rußland und namentlch in Petersburg sei die Krankheit bereits endemisch gewerden. Petersburg, so meinte der Redner, schwimme so zu sagen auf einer Mistgrube. Das Trinkwasser sei fast durchgängig unrein und die Stadt von pestaushauchenden Kanälen durchschnitten. Die Behörden der Stadt kennen die Gefahr, treffen aber keine Anstalten zu einem energischen Vorgehen.
— Paris, Freitag. 20. Dez. Nach einer Kundmachung des Finanzministeriums soll die Steuer aus Stücke der ausländischen Werthpapiere, welche an der Börse gehandelt und in Frankreich emittirt werden, nach den gleichen Grundsätzen wie die Stempel- und UmschreibungSsteuer bemessen werden, und wird folgeweise die zum Zwecke der Erhebung der beiden letzteren Steuern bereits festgestellte Anzahl der Stücke uuch für die neue Steuer maßgebend sein. “■ ®t ®)
— Götze nfabriken. Während, so schreibt daS Wis- counfinet „Gemeindebl.", die amerikanischen Christen eine große Anzahl Missionare in die Heidenwelt ausschicken, um den armen Heiden das Evangelium von Christo zu predigen, fabricirt ein amerikanisches Handlungshaue alle Arten Götzenbilder, „wie sie für den indischen Markt sich eignen". Und zwar werden die- | selben zu solch niedrigen Preisen in den (amerikanischen) Blättern angeboten, daß die englischen Fabrikanlen dieses Handelsartikels' sie nicht so billig liefern können. Das Schlimmste bei der Sache aber ist, daß diese Götzenbilder oft noch als Fracht auf den i Missionsschiffen nach Indien geschmuggelt werden.
Hanau, 21. Dezember.
Für die durch Sturmfluth so schwer heimgesuchten deutschen 1 Strandbewohner sind bei der Expedition dieses Blattes weiter ein- । gegangen:
Von Herrn Bürgermeister Böckel in der Gemeinde Gronau gesammelt 11 fl. 30 kr. Herrn M. Gutmann 1 fl. 45 kr. Herrn I Georg Gauff 2 fl. G. M. 10 fl. Herrn C. Wagner 30 fl. — Im Ganzen sind bis jetzt bei der Exped. (für die Sturmbesch.) eingegangen: 560 fl. 16 3 hlr.
Zur Entgegennahme und Weiterbeförderung weiterer Gaben erklären uns gerne bereit.
Die Expedition des „Hanauer Anzeigers".
— Wie aus dem heutigen Anzeiger ersichtlich, ist wieder ein Hilferuf an die Privatwohlthätigkeit ergangen, und zwar diesmal aus Melsungen, einer Stadt unserer Provinz, die durch außergewöhnlich großes Brandunglück Heimgesucht wurde und von deren Bewohnern viele vollständig Hab und Gut verloren. — Auch hier ist eS geboten, daß ein Jeder nach Kräften sein Scherfleiu beitrage um den Unglücklichen ihr unverschuldetes Elend erträglicher zu machen.
—d.
— Der heutige Markt war, wie nicht anders vor den Feiertagen zu erwarten, reich befahren. Die Preise waren die gewöhnlich theuren der letzten Märkte: Butter 46—48 kr., Eier pr. Stück 2*/2 kr., Gemüse und sonstige Victualien auch ziemlich in der Höhe, Aepfel und Birnen wurden pr. Stück für 1 kr. verkauft und Nüsse galten 7 und 8 kr. das Hundert. — Auf dem Christkindchensmarkt ist kein Mangel an Verkäufern, jedoch bleibt das Geschäft mit den anderen Jahren verglichen, zurück, waS hauptsächlich seinen Grund in den theueren Lebensmittelpreisen hat. Wie anderwärts über daS Weihnachtsgeschäft überhaupt geklagt wird, so können wir dieselbe Klage auch hier „im Allgemeinen" constatiren. —d.
— Wasserstand des Main - Pegels heute früh 9 Uhr 1,56 Meter.
Gedruckt und verelgt in der Buchdruckerei des vereinigten evangel. Waisenhauses.
Hierzu die 9h 51 der Proviuzial-Gorrespoudeuz ols BeiSa^e.