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Unsere Heimat

Nr. 46/47

HelmatbUder von vorgestern von Georg $Iemntig

«^och kann ich die Zeit vor jenem Tage im April 1880, an dem mich meine Mutter der Sdyule

für 52 Jahre dadurch auslieferte, daß sie mtd)i dem Herrn Lehrer König im Kloster übergab, nicht ver­lassen. Je mehr sich die zurückwandernden Gedanken aus den Plätzen der Kindheit einnisten, desto Meht meldet sich von dem, wasmein einst war". Ehe ich aber im Erzählen sortsahre, möchte ich allen lie­ben Neugierigen, die mich! brieflich! und mündlich zu Fortsetzungen" verpflichten wollen, sagen, daß fol­gende Kapitelköpfe schon ihre Gerippe unter sich! haben:

Don Gräbern, Christbäumen und Sylvesterglocken.

Don Pfarrern und Lehrern in Schlächtern 1880 bis 1888.

Don den Wirkungen der Alten auf die Jungen-und ihren Grenzen.

Was man von Volk und Vaterland um 1888 im Bergwinkel erlebte.

Das Progymnasium Schlüchtern von 18841888 im eigenen Erleben.

Nachbarschaft.

Wer und was Einfluß in denEselsjahren" hat.

Jn derGerbdrei" und imKloster".

Kann man einen Menschen religiös machen?

Nix wie Heim von der Nhön!

Niederzell und Pfarrer Hattendorff.

Mein Konfirmator Pfarrer Georg Hartmann und' seine Kämpfe.

Schlüchterner Driginale.

Genossene Schulaufsichten.

vereine, Gemeinsch!aften und Einsamkeilen.

Ernstes und heiteres aus dem Sdyulleden.

Reifen, Reifegedanken und Gedankenreisen.

Begegnungen mit Menschen aus der Welt außer­halb des Bergwinkels.

u. s. w.

Man sieht, daß die nahenden langen Winterabende gerade recht kommen, um zu helfen, genannte Kno chengerüste mitFleisch und Blut" zu umkleiden. Daß sich auch in ernstes Erleben der Humor mischt Und auch der Vetter Ironicus manchmal ein Wört- lein dazwischen wirft, mögen die geneigten Leser verzeihen: Es kann halt niemand aus seiner Haut heraus, besonders dann, wenn diese schon alt ist.

Ehe ich aber nun weiter erzähle, muß ich! etwas berichten, das ich erst vor einigen Wochen erlebt habe. Begegnet mir da mein Kollege in Ruhe, der Postschaffner Friedrich Klein, der gleich mir das Laufen in der Schmiedsgasse gelernt hat. Wir kom­men ins Gespräch, und idy sage, daß ich keine, aber auch nicht die geringste Erinnerung an meinen Groß­vater hätte, obwohl mein zwei Jahre jüngerer Bru­der behauptet, den blassen Schimmer eines Bildes von ihm in sich zu tragen. Freund Klein wandert sich und erzählt:Einmal kam ich mit Leinbergers Friedrich, deinem früh verstorbenen Vetter, an eu­rem Hause vorbei, da stand dein Großvater vor der Haustüre und hielt dich an der Hand. Und du hat-

(Fortsetzung)

lest deinen Arm auf euren Leo gelegt!" Jn diesem Augenblick geschah etwas Uebermschendes! Als das WortLeo" fiel, stand blitzschnell das Bild des Großvaters vor mir, das bis dahin versunken war und allen Bemühungen, es zurückzurufen, getrotzt hatte. Nun aber tauchte mit dem Bilde eines schot­tischen Schäferhundes, des alten, treuen Leo, an den ich in 50 Jahren nicht mehr gedacht, das des Riten Mit einer Plötzlichkeit und in einer Klarheit vor mir auf, daß ich! geradezu starr vor Staunen war. Nun sah ich ihn mit seinem grauen Haarschopf, dem weißen Schnurr- und Kinnbart, der grauen wolle­nen Strickjacke und der blauen Schürze zum Greisen deutlich. Seit meinem 19. Lebensjahre habe ich! mich nun aus Berufsgründen mit Seelenkunde herumge­schlagen,-aber das, was ich! jetzt erfahren, nie erlebt. Eine aufschnellende Hilfsvorstellung hatte die: ge= suchte aus der versunkenheit mit Herausgebracht. Rber wie ist so etwas nur möglich? Woher das Bild Nun auf einmal? Ist in uns etwas, das alles Er­lebte bildhaft in sich! aufnimmt und bewahrt, sodaß es nur eines richtigen Griffes bedarf, um unseren gangen Weg vom ersten Erwachen des Bewußtseins bis zum letzten Denken, Fühlen, Wollen und Tun wieder vor uns aufgurollem zur Vergegenwärtigung von Gut und Böse, Guttat Und Schuld? Ist dem so, dann könnte ja ein unseres gesamten Innen­lebens Kundiger und Mächtiger dieses wie an einem Filmstreifen vor uns wieder aufsteigen lassen und uns, ohne ein Wort zu sagen, zwingen, uns selbst zu richten... Ist nicht des Menschen Seele im Grunde für diesen eine große Unbekannte, obwohl er Namen hat für viele ihrer Lebensäußerungen? Er tut so, als ob er ganz genau Bescheid! wisse über sie; aber ob es wahr ist? Unersättlich Kann sie sein im Forschen und der Gier nady Wissen; sie strebt, Höhen und Tiefen zu ergründen und begnügt sich gleidgeitig mit dem scheinbaren Besitz von schnell vergehendem. Sie trachtet nady dem höchsten Und gibt sich zugleich zufrieden mit entgleitenden Wer- tm, die in der Stunde des Todes nicht mehr gelten als die Tonkugeln, mit denen wir als Kinder spiel­ten und deren Verlust uns weinen machte. Des Menschen Seele ist fähig, ins grausigste Unwetter Und Geschehen gelassen hinein zu schauen und stark M bleiben, zugleich aber erschrickt sie not einer Maus. Sie ist befähigt, die edelsten höchstgabeN! von Kunst und Wissenschaft an- und in sich! aufzu- iubmen Und ärgert sich doch! über einen ungehor­samen Kragenknopf oder einen Tintenklecks....

Leo aber war als treuer Hauswächter niuidy der Beschützer meiner frühesten Jugend, auch! der Spiel­kamerad, der blieb, als den kleinen Kaspar Köder aus der Nachbarschaft die Diphtherie wegholte. War ich in die trübe Brühe des Elmbachs gefallen oder W eisernen Geländer längs desselben verunglückt, so bellte er die nötige Hilfe herbei. Diese wurde Mir auch nicht selten von Frau Förster zuteil, die im Nachbarhause (heute Fr. Pfeiffer) wohnte. Sie hat bat mir man die n Kitz im Höslein zu- und manchen Knopf angenäht, mich vom Schlimmsten gereinigt und nicht bloß Tränen getrocknet. Denn die Gute wußte