Nr. 43/45
Unsere Heimat
Seite 329
Ms der Vreitenbacher Schulchronik
Georg Leydorf 1844—1864
ie 1848 geborene, 1929 verstorbene Elisabeth Drusche! gedachte einer kleinen Wohltat ihres einstigen Lehrers mit so frischer Dankbarkeit, als sei sie ihr gestern erwiesen worden; er hatte ihr nämlich einmal mit Kreosot von bösen Zahnschmerzen geholfen. Eine andere Schülerin, die Mutter des Hauptlehrers Pauli in vollmerz wußte sich in hohem Alter noch! des besonderen Eindrucks zu entsinnen, den es aus sie gemacht hatte, daß sich ihr Lehrer nie anders als in langem, schwarzen Rock hatte sehen lassen, weniger respektvoll werden viele der damaligen Amtsbrüber Leydorfs den schwarzen Rock angesehen haben, war er doch in der Hassenpflug-Vilmarschen Periode geradezu ein Feldzeichen — der Rirchentreue für seine Träger, des Rückschritts und Dunkelmännertums für seine Verächter. Tatsächlich findet sich Leydorfs Unterschrift als zweite unter den 1863 ausgestellten Statuten für die Ronferenz kirchlich gesinnter Lehrer der Provinz Hanau.
Die Lehrerssrau — erzählte Frau Pauli — habe an Winterabenden die jungen Mädchen im Schulhause um sich versammelt und sie Hals- und Kopftücher häkeln und stricken gelehrt. Mit dem Ertrag dieser nützlichen Dinge, die verlost wurden, habe sie Wolle eingekauft unb diese an Arme verschenkt.
Breitend ach war zu Leydorfs Seit, es waren die berüchtigten „Hungerjahre", wie viele im Kreis ein „steinreiches aber bettelarmes" Dorf. 1847 konnten von den 545 Einwohnern 42 (11 Familien) nur mit Unterstützung der Gemeinde ihr kümmerliches Dasein fristen. Es war die Seit des Bet= tels, des Schnapses, der allgemeinen Verwilderung. „Die Lumperei liegt drin, und der Bettelstab hält Schildwache", war eine Redensart des Tages, und eine andere hieß: „Jawohl, kein Mangel an Rot!" Verschiedene Breitenbacher wurden wegen Landstrei- d/eret und Einbruchsdiebstahls zu Zwangsarbeit oder Zuchthaus verurteilt. Der Rnopfmacherlehrling Loren; Backus, vielleicht ein früher Revolutionär, büßte 1846 das unerlaubte Tragen eines Stockdegens mit 14 Tagen Gefängnis. Der „Russedrees", der Breitenbacher Freibeuter und Rationalheld — „mit dem Kbc-Buch aus der Schule" gekommen Und auf den „Gomberts" verdingt — begann gerade sein später berühmt gewordenes Räuberleben und hatte auch schon einmal „gesessen". Am 26. Mai 1847 wurde die Kenteret in Steinau angewiesen, für Breitenbach 12 Malter Korn und 20 Malter Gerste und am 29. eine größere Menge Roggen zu verbilligtem Preise bereitzustellen. Volksfreunde unterstützten mit Rat und Tat die Regierung in ihrem Bestreben, die Notlage der Dörfer zu mildern; Pfarrer Goebels in Wallroth regte die Anlage von Gbstbaumschulen an, in denen die Jugend burd) die Lehrer in der Erzeugung und Veredelung verschiedener (Obstsorten praktisch Unterwiesen werden sollte, und 1850 errichtete er selbst eine Rckerbauschule.
wie sah es im Dorfe aUs? 82 der meist niedrigen Wohnhäuser waren (1855) mit Hohlziegeln gedeckt, eins noch mit Stroh,' die Dachrinnen aus Holz. 3m
(Schluß)
Innern gemauerte Herde, Gellicht, irdenes Geschirr und Holzlöffel. Die Straßen unsauber. Rüche und Gemeindehaus unter einem Dach (I), eine Merkwürdigkeit — milde ausgedrückt — von der mir kein weiteres Beispiel bekannt ist. 13 Brunnen im Dorfe, von denen das Wasser ins Haus geschleppt werden mußte. Für Pfarrer und Lehrer gehörte es noch, wie ein Sckerzwort sagt, zur allgemeinen Bildung, einmal Läuse gehabt zu haben.
Daß die Lehrersfrau, die im gesegneten Unterland in guten Verhältnissen groß geworden war, die Hauptmannstochter, die Früchte und Freuden eines geistig bewegten Kreises genossen hatte und die in der Erinnerung noch davon zehrte, wenn sie mit ihren Rindern französisch sprach, sechzehn Jahre in dem Dorfschulhaus am rauhen Landrücken aushalten mußte, ist ihr sicher nicht immer leicht geworden. Schließlich drängte vieles auf Veränderung. Den Mädchen eine gute Ausbilbung als Mitgift ange- deihen zu lassen, erachteten die Eltern als Pflicht,' wie hätten sie die erfüllen können bei der kläglichen Besoldung? Leydorf, der in den letzten Jahren seines Hierseins kränkelte, empfand die Erzieh- Ungs- und Unterrichtsarbeit an 120 Schulkindern, die Äuf die 593 Einwohner des Vrtes kamen, samt den kirchlichen Nebendiensten mehr und mehr als Ueberlastung. verdrießliches kam hinzu, fodaß er sich 1864 nach Seckbach versetzen ließ. Aber auch vor den Toren Frankfurts wurden die Sorgen nicht kleiner. „Schule und Wohnung", schreibt die Tochter, „waren unmöglich schlecht". — „Ich erinnere mich, daß ich einmal Holzmangel gewahrte. Unter Bäumen auf dem angrenzenden Friedhof hatte ich bürre Reste gesehen, ging in meinem praktischen Sinn hin, las sie zusammen und trug sie am Abenb in einem Korb ins Holzhaus, wo ich sie kleinhacktev Ich sah aber nie, daß Lebensmittel geborgt wurden".
Leydorf ließ sich bald darauf auf 2 Jahre beurlauben und zog mit feiner Familie nach Marburg, trat aus dem Schuldienst aus und wurde Agent der München-Rachener Versicherungsgesellschaft, weil er glaubte, als Schulmeister müsse er doch, der Enge und dem Mangel erbuntertänig bleiben. „In Marburg ging es dann ganz gut. Die Wohnung bestaub aus 6 Zimmern und 2 Rüchen, gegenüber der Elifa- bethenkirche. Wir gehörten zur reformierten Kirche oben in der Stadt. Wir Mädchen kamen in das erste Institut Günste, in dem drei Universitätspro!- fessoren lehrten. Das Schulgeld für uns drei betrug 30 Taler den Monat. Das war meine glücklichste Seit, und ich habe es nächst Gott meinen Eltern tausendmal gedankt! Lernen durften wir, was uns freute."
1866 siedelte sich die Familie Leydorf in Rödel- Heim bei Frankfurt an (siehe „U. H." 1930, Rp 19/20), 1871 in München in der Maximilianstraße 17. Leydorf übernahm eine General-Rgentur in Kürnberg. 1878 reifte er nach Amerika, seine zwei Schwestern, die dort verheiratet waren, zu befu= !chen. Auf der Rückreise erlag er einem Milzleiden am 7. Juli; sein Leib wurde ins Meer versenkt.
Seine Frau starb 1898 in einem Diakonissenstift in München als „Dberinspektorswitwe", wie das Adreßbuch ausweist. W. pr.