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Unsere Heimat
Nr. 43/45
Wachposten auf Kosten der Gesundheitspolizei und an der hintertüre ein zweiter. Die notwendigsten Besorgungen für das Haus mußte einer von beiden machen, während der andere scharf aufpaßte. Nun weilte aber im heim des Kranken auch das „Grättche" (Gretchen) als Vienstmagd und glückliche Braut eines Mahlburschen. Die wurde durch. den wochenlangen Hausarrest zu einer Feindin der Polizei und gesamten Obrigkeit. Um sich an dieser zu rächen, reinigte sie das ^a^^ vom Boden bis zum Keller gründlichst. Das dazu nötige Wasser aber mußten die beiden Wächter abwechselnd aus der Wassergasse herbeischlep- pen; denn eine Wasserleitung gab’s ja noch nicht. Das ging natürlich ohne Schwitzen und Wettern nicht ab. Auch als die Arbeit getan war, ließ der Wasserverbrauch nur wenig nach, denn das Grättche goß das Wasser, das vorn herein gebracht wurde, un Binnenhose einfach wieder aus. Aehnliches muß Sirach vor einigen tausend Jahren auch schon erfahren haben; denn er stöhnt einmal: „Es ist keine List über Frauenlist."
wer einmal die Fortschritte in der Entwicklung unserer lieben Vaterstadt zwischen 1880 und 1932 zusammenstellt, darf unter keinen Umständen einzu- reihen vergessen alles, was mit dem Wasser zusam- menhängr. Das Wasserschleppen für einen großen Haushalt abends und morgens war eine wahre Plage, wir holten unseren Bedarf aus dem Pumpbrunnen vor dem Peter Weitzelschen Hause in Eimern, deren Inhalt in eine große „Staune" (Ständer-Tonne) in der Küche wanderte. Trinkwasser befand sich stets auch in der „Lippe" (einem verpachten Holzgefäß) unter der Fensterbank. Die teilweise sicher nicht immer tadellosen Brunnen, die Abwässer, die in den Gossen zum Elmbach. abliefen und dieser selbst gehören zum Bilde des damaligen Städtchens. Der durch die Krämergasse laufende Elmbach war bei niedrigem Wasserstande und besonders im Sommer etwas geradezu Ekelerregendes. Gefangene Ratten Und Mäuse wurden darin ersäuft und ihm überliefert neben allem, was heute in die „Dali" an der Ah- lersbacher Straße wandert und zur Erhöhung der Polterabendfreude von freundlichen Nachbarn im Schutze des Dunkels am Hochzeitshause abgegeben zu werden pflegt. Die Totenbücher weisen nach., daß der Typhus immer wieder aufflackerte und manchmal Dutzende von Opfern hinwegraffte. Trotzdem begegneten die Verlegung des Elmbachs, der bei jedem Hochwasser die Keller und mehr füllte, der Einbau des Kanalnetzes und später der Bau der Wasserleitung, kräftigem Widerstand. Mündlich und in „Eingesandts" sprach man sich kräftig dagegen aus. Der eine, weil er bei der nächsten Gemeindevertreterwahl Berücksichtigung zu finden hoffte, der andere aus Dummheit. Die Vereinigung beider Triebkräfte in einer Persönlichkeit auch nur zu vermuten, verbieten mir mein Lokalpatriotismus und die Pietät, wer das Bilb= chen: „Die Krämergasse um 1880" genau betrachtet, merkt auch, etwas nicht nur von kurz, gehaltenem Gefühl für Schönheit, sondern auch von der Armut, die hinter den zerfallenen Treppen, den Lehmfach- werkhäusern ohne Verputz, den klapprigen Fenstern mit gar mancher Familie hauste. „Und es war doch schöner als heute!" höre ich da einen Alten sagen.
Gewiß, es war ja die gute, alte Seit; wie auch, unsere Gegenwart voll Hader, Rot und Bedrängnis die gute, alte Zeit sein wird für die, welche heute Kinder sind. Unsere Altvorderen kannten auch Rot, wenn diese auch manchmal ein anderes Gesicht zeigte als heute, abgesehen natürlich von der besonderen Rot, die die Menschen von heute sich selbst bereiten. Folgern will ich. ja auch nur aus jener Gegnerschaft wirklichen Fortschritts, den es trotz allem doch auch gab und gibt, daß die Menschen zur Annahme des Guten und Besseren manchmal gezwungen werden müssen. heute vermißt kein Krämergässer den Elmbach mehr, nicht nur deshalb, weil wir jetzt alle in der Brückenauerstraße wohnen. Und kein einziger möchte das elektrische Licht, die Wasserleitung und anderes missen. Man besitzt, gebraucht und. hält das Reue für selbstverständlich und unentbehrlich., aber in seinem vollen Werte zu schätzen vermag es hoch, nur der, der den Mangel des Besseren einst zwar nicht empfunden, aber gekannt hat.
Großmutter II war klein und dick. Aber ihr hättet einmal sehen sollen, wie das kleine Persönchen wuchs, wenn es blitzen und donnern mußte, falls etwas falsch lief, was sie auging. Sie glich dann einem Festungskommandanten, der sich gegen stürmende (Gegner wehren muß. Es galt ja für sie, einem Hauswesen mit Werkstatt (6—8 Arbeiter darin) und nicht unbedeutender Landwirtschaft vorzustehen. Da muß eine Witwe schon am Platze sein, wenn das vorhandene wenigstens erhalten werden soll. Mein Vater war, obwohl Hauserbe, einstweilen und viele Jahre hindurch nur Meister, aber, wie alles im Hause, der unbeschränkten Herrscherin Untertan. Als Geschäftsführer erhielt er für sich erst 3, dann 5, später 8 Mk. Barlohn wöchentlich. Allerdings hatte seine ganze Familie „freie Station". Mutter verdiente durch Nähen dazu. Großmutter dachte nicht daran, die „Sach" den Erben zu übergeben. Sie pflegte zu sagen: ,sMan soll sich nicht eher ausziehen, als man sich schlafen legt." Später hat sie es plötzlich doch getan; sie ging in ihre Auszugsstübchen, die meine Tinzugsstübchen gewesen waren, und redete von Stund an kein Wort mehr in die Angelegenheiten des Unterhauses. Das mag für sie nicht leicht gewesen sein, aber es war richtig. Der Mensch muß zu allen wichtigen Entscheidungen halt erst reif werden, und sei es auch nur dazu, sich einen Zahn ziehen zu lassen. Und für oieses Reifen sorgt Mutter oder Stiefmutter Ratur. Als echte Kleinbürgerfrau war sie besitzfroh und begabt mit einem wachen Sinn für das Ererbte. Unheimlich aber würde ihr sicher der Runbfunk gewesen sein, und ich glaube nicht, daß sie ihm Eingang gewährt haben würde. Unheimlicher sicher noch als die Einführung der Liturgie und des neuen Gesangs- buchs im Gemeindegottesdienst im Jahre 1889. Entsetzt ob dieser Revolution in der Kirche, sah sie den Jüngsten Tag austaucken, den Antichrist in nächster Nähe, und furchtlos bezeichnete sie die Kirchenältesten als dessen beste Gehilfen. weil sie damit einverstanden feien, daß man hinfort statt „Ein starker Schutz" „Ein feste Burg" singen müsse. Von ihr habe ich ein prachtvolles Exemplar der BL Schrift geerbt: die Pfaff-Töttasche Hausbibel von 1729 mit „Vorreden. Summarien, weitläuffigen Parallelen. Anmerckungen