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Unsere Heimat

Ur. 43/45

kfeimatdüder von vorgestern

Don Georg $ I e m m i g

Die andere Grotzmutter und ein Blick in das

Schtüchtern um 1878

in jeder Mensch, auch der allerärmste, hat zwei Großmütter ober hat sie gehabt, und wohl ihm, wenn sie seine Jugenö umsorgten. Meines Vaters

Mutter war Marie Flemmig, geborene Hildebrand. Ihr Leben ist zwischen dem 11. Juli 1822 und dem 24. Oktober 1896 abgelaufen. Ihr Elternhaus ist Nr. 24 in der Kirchstraße. Dort wohnte, als ich ein Kind war, der Bierbrauer und Landwirt h., ihr Bruder. Im Flur des Hauses sehe ich mich um 1880 vor einem Holzkübel, in dem ein magerer, kleiner Lesen eine dickflüssige gelbe Masse schlägt oder quirlt. Die freundliche Frau, die ihn handhabt, ist die Ehe­frau des Brauers, also meine Großtante. Es sollen Kuchen gebacken werden, und ich habe den ehrenden Auftrag erhalten, für 5 Pfennige Bierhefe zu holen, die damals allgemein zu genanntem Zwecke verwandt wurde.Aber nicht zu wenig!" hat man mir nach­gerufen. Ich wiederhole das wörtlich vor dem Kübel und erhalte infolgedessen einen übervollen Topf und einen Apfel dazu.Weil du's bist!" hat die Tante gesagt, und ich fühle blitzschnell ein bißchen Güte in meiner Nähe. Gewissenhaft wird das einer kleinen, dicken, alten Frau am Küchenherd daheim, meiner Großmutter II, berichtet. Buch die lächelt, und zwei Menschen hat Freundlichkeit gegrüßt durch einen Apfel mit dem, was ungesehen dranhing.Hat si' sonst noch etwas gesagt?" forscht die Alte.Ich soll bald wiederkommen."

So, nun gehst dunüber in die Luthrischul' und holst für 3 Pfennige Zimt und ein viertel gestoßenen Zucker!" In der früheren lutherischen Schule (heute das Lambert-Hubertsche Doppelhaus in der Schmieds­gasse) war Storchschäfers Kramladen, in dem, wenn man die Türe öffnete, alle Wohlgerüche Arabiens nebst ein wenig Duft von Limburger Käse und He­ringen über einen herströmten. Nur in einem Hause roch es noch lieblicher: bei Zintgrafs in der alten Apotheke. Bei dem befohlenen Handelsgeschäft fiel' für mich ein Stückchen Lakritz ab, das nach Angabe der Themiker verdickter Süßholzsaft sein soll oder ist. Das empfing ich als Dank für das abgeladene Ka­pital von 12 Pfennigen, die daheim für 2 Schoppen Milch vereinnahmt worden waren. Für dieselbe Summe erhielt man bamals 4 Wecke oder den zwei­maligen Besuch des Barbiers im eigenen Heim. Na­türlich war im Lakritz auch- der Anreiz zum Mieder- Kommen verborgen. In die nahe Luthrischul lief ich, wenn in der Stimme der Großmutter etwas Bedroh­liches lag. In Jungs Laden (heute das Altersche Haus in der Schmiedsgasse) gings, wenn der Befehl gemäßigt klang, weil dort die viereckigen roten oder weißen Gutschen (Zuckerstückchen) ihre Herberge hat­ten, und wenn, der Klangseele des Kommandos nach zu urteilen, die SacheZeit hatte", in Fehls Laden, wo rote Zuckerbiergläschen mit weißem Schaumdeckel daheim waren. Wenn man mehrere solcher Ernte- gänge an einem Morgen hinter fidf brächte, fühlte sich ein armer kleiner Junge etwa wie heute ein Millionär ohne Steuersorgen. Noch heute lebt in mir zwi-

(Sortfegung) scheu der Wehmut der Erinnerung ein leiser Nach- klang von Dank den Menschen gegenüber, die einem für 3 Pfennige Zimt und eine Guttat dazu verabreich­ten. Die guten herzen, die heute hinter Ladentischen schlagen, haben natürlich gemerkt, warum ich di s niederschreibe. Wenn der Vorsatz, den sie jetzt gefaßt haben, zu Taten wird, denken vielleicht auch einmal dankend Grauköpfe an sie, wenn auch der Regen die Namen auf ihren Grabsteinen längst ausgelöscht hat.

Doch nun zurück zur Inhaberin der Macht und Re= gierungsgewalt im Hause Nr. 260 in der Krämer­gasse, meinem Vaterhause, in dem Flemmige nach­weisbar seit 1563 wohnen. (Schlüchterner Gerichts­buch und Stadtakten). Großmutter II war die Trä­gerin einer Ueberlieferung, daß der E ste unseres Na­mens im dreißigjährigen Krieg: aus dem Magdebur­gischen hier eingewandert sei. Stimmt das erste also auch nicht, so ist das zweite höchstwahrscheinlich rich­tig. Da wird eine Bodenständigkeit der Familie of­fenbar, die mir beim erstmaligen Zurückver folgen des Stammbaums große Freude gemacht hat. Daß sie freilich in mir derart ausartete, daß ich mich nur da­heim wohl fühle, sei nur erwähnt, aber nicht geprie­sen, sonst zweifeln schließlich sogar die Freunde in der Ferne, denen ich schon vor 10 Jahren meinen Besuch versprochen, an mir. Die Umwege, dir ich als Er­zähler mache, müssen in Kauf genommen werden, denn sie gehören dazu wie die Bohne zur Stange. Die eine ohne dir andere ist nichts. Das werden mir alte Leute bestätigen, die um 1880 an Winteraben­den in Kathrindorthehaus ,/piHe" gegangen sind Nie wieder habe ich in meinem Leben so meisterlich er­zählen hören wie einst dort.

Man hört immer wieder sagen, daß Großeitern ihre Enkel lieber hätten als ihre eigenen Kinder. Und wer einmal gesehen hat, wie ein sehr ernster, stiller, gegen vieles um ihn schon zurückhaltend ge­wordener Großvater gütig, freundlich und lebhaft wird, wie sich der Ausdruck seines ganzen Wesens wandelt, wenn sein Enkelkind ihm bittend naht, ist geneigt, oem beizupflichten. Auch aus eigener Emp­findung und Erfahrung muß ich bestätigen, daß so viel Milde, Geduld und Nachsicht wie meine Groß­mutter weder Vater noch Mutter für mich auf Vorrat hatten, obgleich auch sie herzensgut waren. Wie der völlig reife Apfel am besten schmeckt und am be­kömmlichsten ist, so auch die von jedem Durst nach Gegenliebe freie, sich hingebende Nähe der alles ver­stehenden und vieles verzeihenden Alten. Wenn bes strengen Vaters gellender pfiff über die Straße hallte und uns Brüder erinnerte, daß wir durchs Spiel über Gebühr gefesselt worden waren und gegen die Hausordnung verstoßen hatten, dann war es für mich eine große Erleichterung, wenn ich das Gesicht einer der beiden Alten erblickte. Denn dann stand Vater mit dem Spannriemen in der Haustüre. und bei den Altmüttern, das ^nßte ich, war Zuflucht, und, wenn man erst einmal unter der Schürz; steckte, auch! eine feste Burg gegen alle Anläufe des Feindes. Das mag erzieherisch grundverkehrt sein. wenn die Gmu- und Weißköpfe so der gerechten Backe in den Arm fallen, und in den wissenschaftlichen Lehrbüchern al-