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Unsere Heimat
Nr. 40/42
sehr geängstigt hatten, auf der RItmutter Rrm am offenen Fenster, und sie summt dem schwachen und nach einem gastrischen Fieber im Wohlgefühl der Genesung schwelgenden Lüblein das mir heute noch liebe: „Weißt du, wieviel Storniern stehen?"
In ihrem Arm stirbt auch mein sieben Iahre jüngeres Brüderchen Richard an Rachenbräune (Tronp), die man damals mit Brechmitteln und Zugpflastern um den Hals bekämpfte. Es röchelt, um ein bißchen Lebenslust vergeblich ringend, und die alte Frau weint unaufhörlich, sodaß ich mittun muß, ohne den Grund zu wissen. Die kleine Leiche ist dann, mit Blumen geschmückt, im offenen Sarge im Hausflur laufgebafyrt, und die Schulkinder drängen sich in ihm, um den Kleinen noch einmal zu sehen. Dann war es ganz natürlich, wenn eine solche Rrankhnt in viele Häuser übersprang und die Rindergräber auf dem Friedhose vermehrte. Einmal hat der Vorwitz mir kleinem Naseweis im Binnenhöfchen unseres Hauses eine Rxt in den linken Zeigefinger getrieben und einen Denkzettel verabreicht, der heute nocfy als Narbe lesbar ist. Da drückte mir die liebe, alte Frau ein dauerhaftes, schmutziges Spinnengewebe auf die blutende Wunde, ein Unterfangen, das einen modernen Rrzt schon beim Zusehen in die Gefahr eines Schlaganfalls bringen würde.
Es ist ein Iammer, daß so viel Liebe, wie sie eine Großmutter übrig hat, begraben wird, ehe man zum verstand kommt und ein bißchen vergelten kann. Gder stirbt sie gar nicht, sondern begleitet uns un- merklich auf unseren Wegen zu den eigenen Gräbern lebenslang? Mir will's fast so scheinen. Das Rbendgebetlein, das sie mich gelehrt, muß heut noch manchmal dem nun selbst Ergrauten aushelfen, wenn's zu mehr nicht reicht. Und ich bin gewiß, daß unser Herrgott ein Einsehen hat. Ruch meine ersten Rirch- gänge habe ich an ihrer Hand getan, und sie war entsetzt, als sie entdeckte, daß ich unsern alten, guten Pfarrer Reuß lange Zeit für den lieben Gott selber gehalten hatte.
Stundenlang Könnt' ich erzählen von der Gemeinsamkeit mit meiner besten Iugendfreundin. Und wenn ich sage: Line solche Frau wie diese hat's nicht wieder gegeben und gibt's nie mehr, so bin ich trotzdem nicht böse, wenn jetzt viele Großmütter „Dho!" rufen. Enkel aber sollten sich nicht scheuen, auch einmal den Grau- und Weitzköpsen in der Familie, die sich manchmal so einsam fühlen und überflüssig vorkommen, AU zeigen, wie — wertvoll sie ihnen sind!
von dem Ende der Riten wollt ihr noch etwas wissen? Rn einem zweiten Weihnachtsfeiertage ging sie heim, nachdem man im Morgengottesdienste auf ihren, durch den Rirchenältesten Zinkhan aus der Gbergasse übermittelten, ausdrücklichen Wunsch nach damaliger Gemeindesitte um ihren baldigen Heimgang gebetet hatte. Schnee deckte den Gottesacker, als sie meine beste Jugendfreundin einsenkten. Und Pfarrer Heck sprach über das Wort, das von der alten Hanna im Evangelium gesagt ist: „Sie kam nimmer vom Tempel mit Fasten und Beten...." Kein Grabstein zeigt ihre letzte Ruhestätte. Von den 13 Talern jährlich war nichts übrig geblieben und
— sie wollte keinen. Wozu auch, der zerfällt ja schließlich auch. Nun ist sie schon lange fort. Doch würde ich sie heute gerne manchmal etwas fragen. Sie war gar klug und könnte einem verraten, wie man stark bleibt bis zum Ende.....
(Sortfe^ung folgt)
VON HAUS, HEIMAT UND VOLKSTUM
Jetzt, als alter Mann, möchte ich wieder gar zu gern dort sein; es ist merkwürdig, was so ein heimattaI einem alles zu sagen hat, wie sehr man sich mit ihm verwachsen fühlt. ' Hans Thoma
Man erlangt nur Europa, wenn man sein volks- tum auf die schönste Spitze treibt, nicht indem man es wegwirft. k. Ldschmid
Der ist am glücklichsten, er sei König oder ein Geringer, dem in seinem Hause Wohl geraten ist.
Goethe
Heimat ist nicht nur da, wo man geboren ist, sondern erst recht da, wo man sterben möchte.
G. Schroer
Um eine Sprache von herzen sein eigen zu nennen, muß man, glaub’ ich, etwas drin erlebt haben, etwas sehr wichtiges — nämlich Rindheit. — Mathematiker, Physiker, Zoologen — die mögen in fremden Sprachen schreiben, wer zum herzen bringen will, der schreib' in seiner Muttersprache. — Es bleibt dabei: was herzig, lieb und drollig ist in einer Sprache, das kann man nur empfinden und begreifen, wenn man's mit Nachbars Häuschen im Korn und mitNachbarsGretchen über den Zaun gesprochen hat. Wilhelm Busch
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Der Saum klagt
Ich war ein junger Baum und stand gesund im Grund,
und Heimatboden nährte meine Triebe.
Die wurzeln senkten sich ins Land,
und jede Faser schloß es ein in Liebe.
So wurde Band
und fester Bund. - - -
Ich griff mit schlanken Zweigen
sehnsüchtig in den weiten Raum und bot dem warmen Licht
die zarten Knospen dar.
Die Hüllen sprangen auf und fielen.
Ich gab die Blätter Luft und Winden
und Sonnenstrahlen zu Gespielen
und meinen Schatten Anemonen
und sonnenwegemüden Schläfern.
Ich träumte weißen Blütentraum
umsummt von bunten, trunknen Käfern.
Ich trug der Vöglein grüne Wiegen.
Der Iungen Piepsen reifte zum Gesang.
Ich sah sie auf zum Himmel fliegen,
wenn sich der Tag aus blauen Tiefen schwang.
Ich trug der Früchte goldne Last, .
und herbstlich bunt war mein Gewand, dann flockte Schnee auf Zweig und Ast - mein Leben schlief und rings das Land.
Ich war ein junger Baum und stand gesund im Grund.
Man grub mich aus . . .
verpflanzte mich in fremdes Land, auf daß ich diesem Früchte bringe.
Es wachsen meiner Iahre Ringe . . und breiter sich die Äste dehnen, derweil mein Mark frißt Heimatsehnen.
Herm. Hüniche