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Nr. 40/42

Unsere Heimat

Leite 303

kamen erst am Rbend ins Stubben, kurz bevor mich die alte, liebe Frau zur Ruhe brächte.

Es ist also kein Wunder, daß ich allezeit bereit bin, rechten Großmüttern ein Loblied zu singen. So= oft ich in der Schule die Bibelworte:Graue haare sind eine Krone der Ehren, wenn sie aus dem Wege der Gerechtigkeit gesunden werden" und:vor einem grauen Haupte sollst du ausstehen und die Riten ehren", hörte Und später selbst lehrte, sah ich vor mir ein runzlig' Gesicht, zwei schlichte Ohrringe, einen Mund ahne Zähne, der nur Gutes spricht, und ein schwarzes Spitzenhäubchen, Unter dem spärliche weiße Härlein hervorlugen. Und dann die Hände! Knochig, mit dicken Rdern daraus. Wieviel Gutes haben mir diese alten Hände getan!

Es kann geschehen, daß ich mir die Gesichter meiner Eltern aus Rnruf nicht sofort vorstellen kann; aber der Riten Rntlitz ist mir stets gegenwärtig. Sie war groß, hager, gebeugt von der Last ihrer Jahre, hatte aber mit dem biblischen König Rssa von 3uba das gemein, daß sie trotz ihres Riters an den Füßen und auch sonst nie krank war. 3m Gegenteil: die Küche und die Stuben unterstanden ihrem Regiment, und ich sehe noch, wie sie einen vollen Kartosfelkorb aus eine Reuße hebt und von dem Hebacker heimbringt, während mich ihre Freundin, die alte Leipolden, welche im Schlöß­chen wohnte und Steppdecken nähte, den herrenlosen Holz­birnbaum oberhalb des Schicke- danzschen Rckers im Lichholz plündern läßt. Mir ist, als sei dieser Rite seit jener Zeit kaum gewachsen. Der Mensch hat gar keinen Grund, sich so

Großmutter und Lnket Aufnahme Joh. Freund

wichtig zu machen; denn so ein alter Birnbaum wird älter als er, wenn er nicht veredelt wird in sei­ner Jugend. Sonderbar wie?

Mein Großvater mütterlicherseits war Kurhefsi- scher Senbarm gewesen und sehr jung gestorben. Und es schwebt mir dunkel vor, als sei eine Witwen- versorgungskasse, der er vertraut hatte, nach seinem Tode in die Brüche gegangen. Infolgedessen erhielt seine Witwe, meine Versorgerin, am Ersten jeden Mo­nats sage und schreibeauf dem Gnadenwege" nur einen TalerUnterstützung" von der Staatsrenterei. Das war zum Sterben zuviel unb zum Leben zu wenig. Das mag denn auch der (Brunb gewesen sein, weshalb sie bei einer ihrer Töchter einen Unterschlupf gesucht und gefunden Und sehr spät erst zum Sterben kam, was mein Glück war. Rußer diesem Monats- taler kamen alljährlich auf demselben Wege, der auf keiner Landkarte eingezeichnet ist, noch, einmal 12 Taler, die nach einem durchsalte Biehlchen", einem pensionierten Schreibersmann und wohnhaft in dem heute Eduard Weberschen Hause, mit großer

Wichtigkeit abgefaßten und feierlichst mit einem allerunterthänigst" unterschriebenem Bittgesuche sich einzustellen pflegten. Der Erfolg wurde jedesmal län­gere Zeit sehnlichst ertogriet, mit unbeschreiblicher Freude empfangen und mit zitternder Hand quittiert. V^rsorgungsberechtigte Witwen von heute werden sich den Schweiß wischen, wenn sie das lesen Und beden- Ken; sie sollen mir aber Nicht böse sein, wenn ich! dazu noch perrate, daß 99 Prozent dieser Summen von mir verbraucht wurden, und ich, also schon dantals, ohne verdienst Und Würdigkeit, aus lauter Güte meiner besten Jugendfreundin, teilhatte an der staat­lichen Futterkrippe und Kleiderkammer. Rus dem Fonds bezog ich auch! die ersten Kirschenpfennige und die Selber für einMagenbrot" von der Fuldaer Firma herbst, die amKalten Markt" ihre Herrlichkeiten am Rathause ausbot. Ruch meine zweimalige Vergnü­gungsfahrt in Levis Karussell amKies" wurde daraus be- stritten, denn es jammerte die Rite, daß ich allein vom Zugucken leben sollte. Man erlebt doch allerlei Unbegreif- lichkeiten, wenn man alt wird. RIs ich gern Kirschen atz, hatte ich kein Geld; nun könnte ich das schon aufbrin­gen, da vertrage ich keine Kirschen mehr. Einst hielt ich die Schule für die grau= samste Einrichtung der Welt, weil ihretwegen der Schlaf abgebrochen werden mutzte; jetzt hätte ich Zeit zumRus= schlafen", da weckt mich der erste Tagesschimmer, der durch die Scheiben lugt. Drum laßt die Kinder Kirschen essen, so­viel sie vertragen, und schla­fen, solange es irgend geht! Zudem:Wenn er schläft braucht er nichts!" pflegte der

alte Dr. Spangenberg zu folgen, wenn er ein Rezept aushändigte, das zweistündlichesEinnehmen" befahl.

Ruf Grund des beigedruckten Lichtbildes, dasuns. beide" zeigt, kann ich feststellen, daß mein Erinne- rungsoermögen bis in die Zeit vor Vollendung des dritten Lebensjahres zurückreicht. Zum Greifen deut­lich steht jener Sommer-Sonntagnach,mittag in mei­nem Gedächtnis, an dem das Bildchen vom Photo­graphen Johs. Freund aufgenommen wurde. Ich sehe, wie sich in einem mit Blech beschlagenen Bret­terhause, auf dem Platze vor der Turnhalle des Turnvereins, mit Glasdach und großen Fenstern ein Mann unter einem schwarzen Tuche hinter einem ganz gefährlich aussehenden Kasten versteckt, aus dem ein Mäuslein herausspringen soll, was mir aber schließlich doch trotz angestrengtester RusmerksaMkeit entgeht.

Sm anderes Mal finde ich mich, nach einer Zeit, in der mir entsetzlich heiß gewesen ist, allerlei Schreckgestalten aus den Tapeten und dem Schlüsselloch auf mich zugekommen waren unb mich