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Unsere Heimat
Nr. 37/39
Regen oder schönem Wetter die Woche doch 3 mal nach Steinau und vergißt niemals zu seinen alten Kunben zu gehn. Wenn auch niemand etwas von ihm kaust, so macht es doch die Thür auf und fragt die Worte: nir zu bestelle nach Ichlitern, ke Haspbälkge, nix vo Woor, und so geht's wieder fort. Aber sein Gewinns und vieles andere be- Kömmts da geschenkt und trägt sichs zusammen. Es sieht recht malerisch aus, und [ist] das ächte Muster eines Juden. Es ist noch so lebhaft als sonst und hat die wahre singende Judensprache. Alle Leute haben es gern und es gehört zu dem Bedürfnis der Stadt. Die Zeichnung, die ich gemacht habe, ist gewiß in allen Händen herumgekommen und abgezeichnet worden, wie auch die andern. Der alte Pf. Schlemmer54) sieht noch frisch und gesund aus, ist aber etwas verrückt und wird mit albernen Einbildungen geplagt und läuft den ganzen Tag in der Stadt herum.
Abenös hatten mir Rentmeiiter, Amtscom. Renou- ard, Pfarrer Sanert55) (her an Traut- ^) Stelle luther. Prediger ist) noch Abschirdsvisite gemacht und haben vor der steinernen Bank vor der Tür gesessen, bis der Wagen gekommen, wo dann die beiden dicken Laists, der Breidenstein und Wilhelm svenhard) vor der Krone den letzten Abschied nahmen und ich dann Steinau verlassen um 11 Uhr Abenbs. Noch recht gerührt hat mich, wie der Postwagen durch den Stein- roeg fuhr, sah ich die Lies noch mit der Laterne in der Haustür stehn, um mich noch einmal zu sehn.
So bin ich dann durch Hanau in Frankfurt bei großer Hitze um 12 Uhr Mittags angekommen, ging zu Thomas6), dessen Frau mir aber sagte, daß Wilhelm hier sei und esse bei Stein, wo ich dann auch mit großer Freude ihn fand. W. logiert bei Thomas, ich bei Stein '). Auch habe ich Savignp 5‘) und Frau und Kinber alle gesehn und gestern dort gegessen. Seine Kinber sind angenehm gescheid und hübsch. Bei der Meline58) haben wir gestern Abend gegessen. Sie ist nicht mehr hübsch und spricht so viel einfältiges Zeug ohne Ende und hat einen rasenden Spektakel mit ihren Kinbern, die nicht hübsch sind. Die Frau v. Savignp ist weit angenehmer. Beim Kaufmann Brentano 59) haben wir heute zu Mittag gegessen, gleicht dem Tlemens5) und Thristian60), ist aber angenehmer als alle 2. Seine Kinber sind hübsch und haben etwas in ihren Gesichtern v. L. Vavinci. Da der Wilhelm jetzt hier ist, so ists genug mit dem Schreiben. Aus damit. Paster noster. *)
*) Scherzhafte Erinnerung an den alten Präzeptor Zinckhan, der den Unterricht mit dem lateinisch gesprochenen Gebet schloß. wilh. Grimm schreibt am Ende eines Briefes an Jacob (13. 10. 1814): „bäten wer muß? pater noster.“
D. Schriftl.
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Anmerkungen
4Sa) vielleicht der damalige Forstinspektor Joh. Jakob Wickel.
49) Gottfried Berend, der 1800 zum Ratsherrn und Gerichtsschöffen gewählt und am 23. April 1818 als verstorben erwähnt wird.
49a) Bernhardin, die Witwe des am 6. April 1815 verstorbenen Kaufmanns Joh. Bernhard. Sie war eine geb. Kraft und starb am 26. 3anuar 1820, 75 Iahre alt.
50) Charlotte Wilhelmine, Tochter des verstorbenen reformierten Pfarrers Ionas Lauscher, starb am 4. Mai 1827.
50a) gest, im März 1805. Igdbr. S. 25. (Wohl 1813? D. Schriftl.)
51) vgl. Anm. 25. Die Familie des Pfarrers Schlemmer war mit der Familie Grimm weitläufig verwandt.
52) Tochter der Lies und Enkelin des Grimmschen Gärtners Amenb.
53) Ein kleiner jüdischer Händler, den Ludwig Grimm zweimal gezeichnet. Stoll aa®. S. 561. U. H. 1931 32/33.
5H vgl. Anm. 25. Er starb 1825.
M) Pfarrer Sebastian Valentin Sanner stammte aus Schmal- Kalden, war von 1800 — 1807 luth. Diakonus in Schlüchtern, von 1814 —1818 lutherischer, bis 1825 zweiter, dann bis 1835 erster unierter Pfarrer in Steinau.
56) Friedrich Daniel Draubt war von 1768 — 1774 Diakonus, von 1774-1814 Pfarrer der luth. Gemeinde in Steinau.
57) Geb. 1779 in Frankfurt, hatte er 1796-99 in Marburg studiert und als junger Dozent von 1800 bis zum Frühjahr 1804 dort gewirkt, verheiratete sich am 17. April 1804 in Meerholz mit Gunda Brentano, der ältesten Schwester von Clemens Brentano, machte dann Studienreisen, wurde Professor in Landshut (1808), 1810 an die neugegründete Universität Berlin berufen, war von 1842-48 3ufti3minifter in Berlin und starb 1861. Er hatte sich bereit erklärt, jährlich 100 Gulden zu den Kosten von Ludwig Grimms Aus= bildung beizustenern, ebenso wie andere Mitglieder der Familie Brentano.
58) Meline (b. h. Magdalena) Brentano (1788 — 1861) war die jüngste und schönste der Schwestern, Kunigunbe (Gunda), Bettina (Elisabeth) und Lulu Brentano, heiratete 1810 Georg 3. Fr. von Guaita, Kaufmann und Bürgermeister von Frankfurt (1772-1851).
59) Georg Brentano (geb. 1775), der älteste Bruder von Franz, Clemens und Christian, erhielt im Herbst 1815 von Ludwig Grimm Zeichenunterricht uno wurde mit ihm sehr vertraut. Stoll aa®. S. 225, Anm. 1.
60) Christian Brentano (geb. 1784 in Frankfurt), studierte in 3ena und Marburg, wo er mit Bettina und Clemens Brentano im Hause seines Schwagers Savignp und mit den Brüdern Grimm verkehrte, und starb, auf dem Hanauer Bahnhof vom Schlag getroffen, im Elternhaus in Frankfurt 1851. Er wurde in Rschaffenburg, wo er zuletzt gewohnt hatte, neben seinem Bruder Clemens begraben. Stoll aa®. S. 324, Anm. 3.
Schatzgräberei auf der Goldkaute
Auf der Goldkaute bei Heubach lag ein Schatz in der Erde nerborgen; einige Heubacher und der Türkebauer von Dberzell wollten ihn heben und hatten sich dazu einen Mann aus Waldensberg verschrieben, der die Sache verstand. Eines Nachts zwischen zwölf und ein Uhr bei Neumond sollte die Schatzgräberei vor sich gehen. In Schaftstiefeln, mit einem derben Knotenftock bewaffnet, trafen sich die Mitglieder der Gesellschaft an der Königstrift. Der Türkebauer hatte eine Laterne mitgebracht, aber er mußte sie auf Geheiß des TOalbensbergers sofort auslöschen. Auf der Goldkaute angekommen, zündete der Anführer eine durch Zaubersprüche geweihte Nerze an und ließ sie solange brennen, bis die zur Hebung erforderlichen Silbertaler, die zum größten Teil aus dem Geldgurt des Gberzellers stammten, für den Berggeist im Kreis gelegt waren. Dann hörte man ihn Unverständliches murmeln und allerlei Handbewegungen ausführen, und siehe da - in der gegrabenen Vertiefung stand ein Nessel, gefüllt mit glänzendem Golde! Da sprangen alle miteinander in die Grube und wollten mit vereinten Kräften den Nessel emporschaffen. Aber es schien ihnen nicht zu gelingen. Der Türkenbauer, zappelig vor Begierde, wollte die andern anfeuern und rief: „Ihr Kalte (Kerle), hebt!!" Ein lauter Donnerschlag war die Antroort, der Nessel versank, und heftige Rutenschläge prasselten in der Finsternis auf die Schatzgräber los. Sie flohen nach allen Himmelsrichtungen; den Waldensberger sah man niemals wieder. Der Türkebauer hatte für seine Taler ein paar blaue und grüne Striemen eingetauscht. Wochenlang schlich er umher und machte ein Gesicht wie „Schoatze Marieche". Als er seinem Gevatter einmal sein Mißgeschick klagte, meinte dieser: „Kalte (Kerle), ich honn Surg, es woar'n Haawicher Schnietz (Heubacher Streich)!"
KL Vögler