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Unsere Heimat

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Mus der 3reitenbad]er Schulchromk

Georg Leydorf 1844—1864

ls ich zum erstenmal in den ältesten, schon stock­fleckig gewordenen Grundlisten und Lehrberichten des Lreitenbacher Schulschrankes blätterte, fiel mir in einem Land die außerordentlich seine und regel­mäßige Schrift eines Amtsvorgängers auf, zwan­zig Jahre hindurch, Seite für Seite in gleich blei­bender Sorgfalt. Wer hatte das geschrieben? „Ja, das war unser Lehrer Leydorf", sagte mir der Alt= bürgermeister, „der schrieb eine schöne Efanb — wie Steindruck! So können's die Lehrer heute gar nicht mehr." Ich kam an den letzten Eintrag, stenogra­phiert, also nicht für jedermanns Augen bestimmt. Entziffert lautete er: „Dieses ist mein letzter Eintrag. Lreitenbach, den 27. April 1864. Bis hierher hat Gott mir geholfen- er wird es auch weiter tun. Ich habe sehr viel hier gelitten, aber diese Schule war für mich sehr nötig. Lob, Ehr und preis sei Gott."

Diese erschütternden Worte besonders waren An= laß, daß ich auf vielen Wegen und Umwegen dem Leben des Mannes nachging, und alles aufzeich- nete, was ich noch über ihn ermitteln konnte.

Im Jahre 1844 hielt der junge Lehrer Georg Leydorf im Schulhaus Lreitenbach seinen Einzug. Der Direktor des Schullehrerseminars in Schlüchtern bedurfte zur Leitung der „Musterschule", die er dort im Dörfchen zur praktischen Ausbildung der Semi­naristen für ihren zukünftigen Beruf eingerichtet hatte, eines besonders befähigten Lehrers und hatte gewiß den eben von der Anstalt Entlassenen für geeignet dazu befunden und ihm die Stelle verschafft. Georg Leydorf, geboren am 23. April 1823, stammte aus Trsrode im Kreis Rotenburg a. $., wo sein Dater Rbam Leyöcrs eine Ziegelei betrieb; der Großvater soll aus Bergamo gewesen sein. AIs Hersfelder Gym­nasiast hatte er sich gewünscht, später Theologie stu­dieren zu dürfen, allein seine zweite Mutter Hatte zugunsten ihres eigenen Sohnes den Plan zu verei­teln gewußt, sodaß der Stiefsohn auf die Hochschule verzichtend sich als Zögling in den kargeren Erd­boden der Pflanzschule in Schlüchtern hatte einsetzen lassen müssen.

Der junge Lehrer fand in Breitenbacfy ein neues, für damalige Verhältnisse stattliches Schulhaus vor. Seine Schwester Margarete führte ihm darin den Haushalt, bis er heiratete. Seine Frau Amalie, eine geborene Püchler, war die Tochter eines hessischen Hauptmannes, die als Waise im Pfarrhaus zu Diet- zenbach im Großhrrzogtum Hessen bei der Base ihrer Mutter ausgewachsen war. Ihr Pflegevater, Pfarrer Textor, traute das junge paar in der Mitternachts- stunde der Jahreswende 1847/48. Das Bilb der ju­gendlichen Lehrersfrau, ein zierlicher Schattenriß, hängt heute wieder in der Stube, in der sie selbst zwei Jahrzehnte ihres Lebens als Hausfrau geschaltet und gewaltet hat. Sie ist den Aeltesten im Dorfe noch be­kannt. Der Goarde-Großmutter hat sich von ihr un­verwischbar eingeprägt, daß sie eine kleine Person war und die „Blechkuchen" in Breitenbach eingeführt hat. Solche Kleinigkeiten erhalten sich am treueften in der Erinnerung des Dorfes.

Den Lehrersleuten wurden vier Mädchen und ein Junge geboren; das Söhnchen und ein Töchterchen

starken als kleine Kinber; die zweitgeborene Tochter lebt heute noch, eine ehrwürdige Achtzigerin, als Postdirektorswitwe in Bichl in Gberbayern. Ihr ver­danke ich viele der hier wiedergegebenen Einzel­heiten Ueber die Tätigkeit ihres Vaters in der „Musterschule" schreibt sie:

„Seminardirektor Stamm hielt viel von meinem Vater. Es kamen die angehenden Lehrer von Schlüch­tern und unterrichteten unter meinem Vater, und Direktor Stamm erschien ab und zu, sich das Resultat zu holen. Ich erinnere mich noch lebhaft feiner: ein sehr großer Herr. Audy für uns Kinber war es ein Freudentag, weil es da zum Kaffee Butterkuchen gab, der sonst nur an Festtagen gebacken wurde."

Das ganze verklungene Leben im Schulhaus und im Heimatdorf steigt ihr in kleinen und kleinsten Erinne­rungsbildern wieder aus der Vergessenheit empor:

„Morgens schlug der Vater vor dem Frühstück stets die Bibel auf, las einige Verse vor, nach denen er sich in seinem Tagewerk richtete."

„Die Spaziergänge waren für mich Unterrichts­stunden. Weid; schöne Märchen wußte er zu erzählen,- da wurde im Walb alles lebendig."

„Bei meinem Vater war oft Beethoven unsere täg­liche Kost. Meine ältere Schwester hatte Klavierun­terricht bei ihm. Mit zwölf Jahren spielte sie mir und den vier Kindern, die ich in die Kirche brächte, einmal „Meinen Jesum laß ich nicht" auf der ©rgel vor. Sie kam später nach Frankfurt zu Klara Schu­mann und wurde Ludwig Wüllner in München empfoh­len. Wir haben auch noch Lachner kennengelernt."

„AIs zweite kam ich, sang schon in Br. beim Jung- gänsehüten und gab es auch später nicht auf."

„Wir harten eine Kuh, zwei Ziegen, 2 Schafe, auch etwa zwei Schweine, die zu Neujahr geschlachtet wur­den. Der Barer von Hannes Kreß [Altbürgermeifter] machte ausgezeichnete Würste. Da hing die ganze Raud/bammer voll, und man hatte das ganze Jahr daran. Der Raud;fang war in der Küche."

„Am Hohlweg jhochstrauchj war ein Grasgarten mit Gbst, Besonders Katzenköpfe, Bergamottebirnen und vier große Kirschbäume, zwei sehr alte an der Straße. Solch würzig feine Kirschen habe ich nie mehr gegessen!"

„Ein Acker, auf dem Frühkartoffeln, Kraut, Boh­nen usw. gezogen wurden, liegt hinter den Häusern gegenüber dem heutigen Schulgebäude. Dort wurde auch das Tuch gebleicht; denn Flachs war auch da."

„Zu Neujahr brachten verschiedene Bauern kleine Söckchen Dörrobst, Bohnen, Eybsen usw. Ich glaubte dort, es sei anstatt des Schulgeldes."

„Wir hatten ein Mädchen namens Gretchen, 15 Jahre alt, aus dem letzten Haus rechts vor dem Friedhof und auch eine Katharina Stoll. Frau Wei= gand hinter der Kirche kam zur Krankenpflege, wenn Vater sich den Kücken massieren ließ."

„Mit vielem hat er sich befaßt, und später dachte ich wohl, er hat sich eine bessere Einnahme sichern wollen. Für seine Bienen sorgte er, entwarf Kästen mit herausnehmbaren Kähmchen, damit man bei Ge­winnung des Honigs die Bienen nicht zu töten brauch­te. Er legte eine Seidenraupenzucht an, die sich für die Sommermonate gut rentierte. Die Maulbeer-