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Unsere Heimat c^c^c^^c^^c^c^c^c^sc^c^ Seite 67

das allein überlassen müsse, für ihre Ausgewiesenen zu sorgen. Eigene Schuld will niemand zugeben, am wenigsten der, der sich selbst belastet fühlen müßte. Jede Regierung wird angegriffen, jeder Anwurf des Parteiblattes wörtlich geglaubt uno übernommen, jeder Stand tobt gegen bett andern, Süd steht gegen Nord, Ost gegen West. Der Ruf zur Einheit verhallt unge- hört. Jst's so, daß es uns viel zu gut geht, daß w i r alle erst durch schwere Leibes- und See­le n n o t gehen müssen, um die Not der andern verstehen und mitfühlen zu können? Nun, vielleicht ist's kein weiter Weg mehr dahin? Schon rotten sich Hungernde mit Gelegenheitsdieben zusammen, um Fel­der zu plündern und Gehöfte auszurauben. Das wäre die Einleitung des Bürgerkrieges, dessen erste Voraussetzung bereits im Klassenhaß gegeben ist. Müs­sen wir wirklich auch diesen Kelch noch leeren?

Tröstlich blieb in so viel Leid und Not manche Hülfe der Landsleute in Amerika. Der vorjährige Präsident der „Schlüchterner Heimatbundes" in New- york, Herr Frank I. Fuchs, brächte auf Anregung der Frau Elise Blackert und des Herrn Spangen­berg eine Sammlung von 100 Dollar auf, womit der Kohlenbedarf des Kreiskrankenhauses für den ver­flossenen Winter gedeckt werden konnte; ferner spen­deten für andere notwendigen Anschaffungen.Herr und Frau Kohlhepp 300 000 Mark. Nun hat aus eigenem inneren Antrieb der diesjährige Präsident des „Freundschaftsbundes" Herr Philipp Freund auch für den kommenden schweren Winter der kranken Landsleute der Heimat gedacht und der Oberschwester eine zweite Spende des genannten Bundes im Betrage von 100 Dollars übermittelt — mit einem Briese, der in ergreifenden Worten Zeugnis ablegt von der Heimattreue unserer Landsleute über dem Ozean. Herr und Frau Kohlhepp bedachten weiterhin die Er- ziehungsanstali Reit!' mit Gaben der Liebe. Die Spenden für unsere Schlüchterner Armen, durch die Stadtbehörde verteilt, sind immer wie- der geflossen und haben gezeigt, daß drüben über beut Ozean das schwer geprüfte Vaterland unb die Schlüchterner Heimat nicht vergessen worden ist. Auch der „Heimatbund" gedenkt an dieser Stelle der ersten Gaben von dort. „Unsere Heimat" kann ohne solche Gaben nicht weiterbestehen. Papier- und Druckkosten sind aus eine solche Höhe gestiegen, daß die Herausgabe des Blattes nur möglich ist, wenn die Hilfe unserer Freunde aus Amerika nicht ausbleibt. Daß bei der allgemeinen Geldnot zuerst an die Er­haltung des Leibes und der körperlichen Gesundheit ge­dacht wird, ist- natürlich. So sind denn auch die Hun­derttausende und Millionen zunächst in Einnahme schnell nach ihrem wahren Werte eingeschätzt und für die leib­lichen Bedürfnisse ausgegeben worden. Bei vielen Ein­nehmern blieb noch ein gewaltiger Überschuß von dem „Lumpenzeug". Dieser ging zum Teil draus für nicht lebensnotwendige Dinge. Nichts schien übrig zu blei­ben für geistige N a h r u n g, Zeitungen, Zeitschrif- schriften, Bücher, sogar die notwendigsten Schulbücher und das Lern- und Uebungsmaterial für den Unter­richt in den notwendigsten Dingen. Auch „Unsere Hei­mat" muß unter dieser merkwürdigen Einschätzung eines geistigen Gutes leiden. Ein Schnaps, eine Zi­garre mag 100 OOO Mark kosten und wird von man- chem vielmal erstanden, während eine einmalige Aus­gabe von 20 000 Mark für die „Heimat" abgelehnt wird. Wohin sind die kleinen Hunderter, Fünfziger

und Zwanzigerscheine gekommen? Wie viele sind weg- geworfen worden? Wie viele haben sich in Klingel­beuteln wiedergefunden? Eine Valuta scheiü's für den und den Kollektenteller nicht zu geben. Ich hörte einen Pfarrer, der es bei Abkündigung der Kollekte als eine Schmach bezeichnete, daß „die fröhlichen Geber" ihren schmutzigen, abgängigen Unrat an Ein- und Zweimark- scheinen für die Armen daheim und draußen als „Almosen" loszuwerden suchten; für sie sei wohl die gesegnete Valuta nur in den Einnahmen vorhanden. Die Rüge weckte die Gewissen oder wenigstens die Schain; denn die Kollekte ergab den hundertfachen Er­trag und nachherige Einzelsendungen in's Pfarrhaus von denen, die „nicht so viel bei sich gehabt hatten". (Als Eintrittsgeld zu einem Kirchenkonzert im Kreise Gelnhausen, dessen Ertrag zur Renovierung der Kir- chenorgel bestimmt war, gab vor einigen Tagen ein reicher Filz einen abgegriffenen, schmutzigen Zweimark­schein, während der Gesaintertrag 51/2 Millionen be­trug.)

In hohem Grade betrübend ist das nicht besser ge­wordene Verhältnis zwischen Stadt u n b Land. Alle Bemühungen zur Herstellung eines gegen­seitigen besseren Versiehens haben nichts gefruchtet, viel­mehr wird der Graben täglich breiter und tiefer. Man verstehe den natürlichen Gegensatz zwischen Erzeuger uno Verbraucher, das Unglück deS Mißverhältnisses zwischen Angebot und Nachfrage. Leider kommt dazu die Verhetzung durch eine gewissenlose Presse, eine Verhetzung, die fruchtbaren Boden findet in dem Man­gel an Wissen über die allgemeine wirtschaftliche Lage und deren Ursachen. Es mag hier nebenbei als auf­fällige Erscheinung vermerkt werden, daß nach viel­fach berechtigter Klage des Landwirts der seine Er­zeugnisse abholende Händler diese in der Großstadt mit unverhältnismäßig hohen Gewinnen absetzt; es ist verständlich, daß der Erzeuger nun im Gegenzug dieHöchst- preise der Großstadt vom Verbraucher direkt forbert und so an der Steigerung der Lebensmittel über den Welt­marktpreis hinaus Schuldanteil erhält. Von jeher haben in den Zeiten der Not Diebstahl und Wucher geblüht; so lange vnsere Not oauert, werden wir also über diese Uebel nicht Herr werden. Um so mehr bleibt es Gebot für jeoen Heimatgesinnten, an der Wiederher­stellung des alten guten Verhältnisses zwischen Staot und Land mitzuarbeiten und besonders jeder Ver­hetzung von rechts und links entgegenzuireten.

Ein Schlüchterner Kind, der Pfarrer an der Straf­anstalt in Hamburg-Fühlsbüttel Heinz R e u ß, der im verflossenen Jahre zum letztenmale, nun schon als Leidender, sein Heimatstädtchen besuchte, ist, als er am 30. Juli am Grabe Bismarcks in Friedrichsruhe eine Gedächtnisrede auf den Einiger Deutschlands ge­halten hatte, auf den Stufen des Sarkophags tot zu- sammengebrochen. Die Hinterbliebenen des Altreichs­kanzlers ließen den Toten in dem Mausoleum auf- bahren. Seine Beisetzung in Hamburg fand unter starker Beteiligung oer Hamburger Bürgerschaft statt. Sein tragisches Enoe hat weit über die deutschen Gren­zen hinaus starke Anteilnahme gefunden.

W.

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