Seite 60 c^c^^^c^c^c^-^^Q^c^Qs Unsere bqeimat c^t^^^^^^^c^ß^e^^ Nr. 2
Wege des Friedens und der Ordnung. Da konnte er mit einem Hütten nicht Hand in Hand gehen.
Bis dahin hatte Hütten seine Schriften in der lateinischen Sprache abgefaßt. Das hatte sie verbältnismä- ßig unschuldig gemacht, denn die- Schar der Lateinver- ständigen war nicht so leicht zum Handeln zu ent- slammen. Jetzt fing er an deutsch an seine Deutschen zu schreiben. Seine erste deutsche Schrift führte den Titel: Klag und Vermahnung gegen die übermäßige, unchristliche Gewalt des Papstes zu Rom und der un- christlichen Geistlichen durch Herrn Ulrichen von Hütten, Poeten und Orator, der ganzen Christenheit und zuvoran dem Vaterland deutscher Nation zu nutz und gut, von wegen gemeiner Beschwernis und auch seiner eigenen Notdurft, in Rennens Weis' geschrieben. Ich hab's gewagt." „Ich hab's gewagt", das war Hut- ten's Losung, die er von jetzt ab immer wieder erschallen ließ. In der Erregung, die sein deutsches Wert allenthalben in Deutschland hervorrief, in dem für und wider ihn fühlte sich Hütten in der Oeffent- lichkeit nicht mehr sicher. Auch hatte der Papst seine Auslieferung verlangt. Auf den Burgen seiner Freunde suchte er Zuflucht. Die Steckelburg beherbergte ihn jetzt öfters.
Neben der Steckelburg boten die Burgen seines Freundes, des Reichsritters Franz von Sickinzen, Hütten Schutz, besonders die Ebernburg, die Zufluchtsstätte aller Bedrängten, die „Herberge der Gerechtigkeit", wie Hütten sie nannte. Dort weilte er, als in WormS im Frühjahr 1521 der Reichstag versammelt war. Von dort aus sandte er seine Fehdebriefe an die päpstlichen Gesandten, sodaß diese sich bei dem Kaiser und seinen Räten beklagten, man sei vor diesem Schurken nicht mehr seines Lebens sicher. Aber der Kaiser hatte nicht so viel Macht, den unbequemen Rufer auf der Ebernburg zum Schweigen zu bringen. Er hatte keine Truppen zur Verfügung und den Freund und Beschützer Hutten's, Sickingen, hatte er für den bevorstehenden Krieg gegen Frankreich zu seinem obersten Feldhauptmann bestimmt. Seine Versuche, Hütten auf gütlichem Wegc zu gewinnen, indem er ihm ein Jahrgeld anbot und ihn in seine Dienste zu nehmen versprach, schlugen ebenfalls fehl. Ein paar Tage zwar hielt Hütten an sich, aber dann brächte ihn die Behandlung, die Luther in WormS erfuhr, auf'ö neue in den Harnisch. Am liebsten hätte er jetzt seine Drohungen verwirklicht, losgeschlagen und den ganzen Wormser Reichstag auseinander getrieben. Aber Sickingen war dafür nicht zu haben, er war mit anderen Plänen beschäftigt.
Die Zeit des Wormser Reichstags war der Höhepunkt in Hutten's öffentlicher Wirksamkeit. Von da ab ging es rasch bergab. Kleinliche Händel und Fehden traten an die Stelle der großen Pläne und Gedanken. Auch mit Sickingen ging es rückwärts. Im Feldzug gegen Frankreich hatte er kein Glück und verlor damit des Kaisers Gunst. Und noch unglücklicher verlief die Fehde mit dem Erzbischof von Trier; die Erhebung der freien Reichsritterschaft gegen die immer drückender werdende Fürstengewalt. Sickingen wurde geschlagen, seine Burgen genommen. Er selbst fand bei der Einnahme von Landstuhl den Tod.
Hütten hatte sich an dem Sickingen'schen Abenteuer nicht beteiligt, obgleich er mit ganzer Seele dabei war. Seine böse Krankheit, dieser Pfahl im Fleisch, hatte sich gerade in jenen Tagen arg verschlimmert. Verbittert ob des Verlaufs, den die Dinge genommen hatten, leiblich ein gebrochener Mann, war er nach der
Schweiz geflüchtet. Auch dort erwartete ihn eine bittere Enttäuschung. In Basel wohnte Erasmus, das Haupt der Humanisten, Hutten's hochverehrter Meister. Aber dein Meister war das plötzliche Erscheinen seines mittlerweile so anrüchig gewordenen Schülers höchst unangenehm. Er empfing ihn nicht. Da schlug Hutten's Verehrung um in wilden Zorn ob des ihm an- getanen Schimpfes. Nach seiner Weise machte er seinem Zorne Luft in einer Klageschrift wioer Erasmus. Und dieser blieb die Antwort nicht schuldig. Er suchte den Scbmutz, mit dem Hütten ihn beworfen, abzu- wischen. „Schwamm" betitelte er seine Rechtfertigung. Das war die letzte Federfehde im sehdereichen Huttenleben.
Was Erasmus versagte, hat ein anderer Schwerzer dem armen Flüchtling gewährt, Zwingli, der Schweizer Reformator. Er unterstützte ihn mit Geld und riet ihm gegen seine Krankheit die warmen Quellen von Pfäffers zu gebrauchen. Von dem Abt des in der Nähe der Heilquelle befindlichen Klosters wurde Hütten freundlichst ausgenommen, aber die mühsame Kur (in der Felsschlucht, in der die Heilquelle entspringt, mußten die Kranken an Hängeleitern hinabklettern oder sie wurden an Stricken hinabgelassen) hatte keinen Erfolg. Kränker als zuvor landete Hütten an seinem letzten Asyl, das seine Schweizer Freunde ihm vermittelt hatten, bei Dem heilkundigen Pfarrer auf der kleinen Insel Ufenau im Züricher See. Nur wenige Tage sollte der abgehetzte, totkranke Mann dort der Ruhe sich erfreuen. Konrad Ferd. Meyer hat diese letzten Tage Hutten's mit seiner Poesie vergoldet, ergreifend schön.
An einem der letzten August- oder der ersten Sep- tembertage 1523 starb Hütten. Er hinterließ nichts, so schreibt Zwingli, was irgend einen Wert besessen hatte. Bücher hatte er keine, Hausrat auch nicht außer einer Feder. Ein fränkischer Ritter setzte einige Jahre später auf das Grab des berühmten Landsmann einen Denkstein mit der Inschrift:
Hier liegt ein edler Ritter, Ein Redner beredt vor anderen:
Hütten, der Sänger und Held, Tüchtig im Lied und durch's Schwert.
Stein und Grab sind verschollen. Nur e t n Denkmal hat ihm die Nachwelt errichtet. Von der Ebernburg bei Kreuznach, wo er mit Sickingen seine kühnen Pläne schmiedete, grüßt der beiden Freunde gemeinsames Standbild.
Ulrich von Hütten war kein Heiliger. Er wollte es auch nicht sein. Er war sich seiner Fehler, seiner Leidenschaftlichkeit, seines unbändigen Zorns, seines un- stäten Wesens wohl bewußt und hat darunter gelitten. Die Art, wie er in seinen Schriften mit seinen Gegnern umgeht, mag für den, der die Sprache und Kampfesweise des löten Jahrhunderts nicht kennt, etwas Abstoßendes haben. Auch der Einseitigkeit und Uebertreibung bei Beurteilung und Bekämpfung der damaligen kirchlichen Zustände kann man ihn beschuldigen. Aber das wird man gelten lassen müssen: Er war ein Mann, der in der Geschichte des deutschen GeisteSleb-ens immer eine hervorragende Stelle ein- nehmen wird. Und mehr: Er war ein kerndeutscher Mann, allem wälschen Wesen gram, voll selbstlosen Eifers für Wahrheit und Freiheit, ein glühender Patriot, der seines Volkes Bestes wollte. Darum ein Mann „den weder Zeit noch Tod, noch Acht, noch Bann, vorn Herzen seines Volkes scheiden kann."
E. Freund.