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Seite 58 t^^^^^^^^i^r^e^c^ Unsere Heimat ^^^^^i^t^^^^c^^ Nr. 2

Ulrich von Putten,

Zur 400jährigen Wiederkehr seines Todestages.

er Anfang oes 16. Jahrhunderts war eine der bewegtesten Zeiten der deutschen Geschichte. Neu aufblühendes, am klassischen Altertum sich orientierendes geistiges Sehen (Humanismus), Kampf gegen geistige Knechtschaft und kirchlichen Druck, hoch­gehende nationale Hoffnungen gaben dieser Zeit ihr Ge­präge. In diesem wogenden Kampf zwischen Altem und Neuem stand mit in der vordersten Reihe der be­rühmteste Sohn unserer Heimat, die markanteste Er­scheinung des deutschen Humanismus, Ulrich von Hütten. Sein Suchen uno Schaffen, sein Streiten und Leiden kann man nicht verstehen ohne Kenntnis seines äußeren Lebensganges.

Auf der Steckelburg wurde er am 21. April 1488 geboren. Sein Vater, ein Ritter von der alten Art, der viele Jahre in fremder Herrn Dienst gestanden, unter den Fahnen Kaiser Maximilians gefochten hatte, war ein harter unbeugsamer Mann. Seine Mutter, Ottilie von Eberstein, eine zarte, mütterlich empfin­dende Frau, an der der Sohn zeitlebens in inniger Liebe gehangen und der er in seinen Schriften manch' schönes Denkmal gesetzt hat. Von der Mutter hatte er als Erbteil den zarten, schwächlichen Körperbau, vom Vater die heftige, leidenschaftliche, unbeugsame Natur. Obgleich der Erstgeborene unter 5 Brüdern und 2 Schwestern wurde er vom Vater für den geistlichen Stand bestimmt, vielleicht, weil er ihn für die Ritter­laufbahn zu schwach hielt. Auch mag die Lernbegierde, die leichte Fassungsgabe des jungen Ulrich und nicht zuletzt die spätere Aussicht auf eine gute Versorgung als geistlicher Würdenträger in Fulda oder Würzburg mitbestimmt haben. In der Klosterschule zu Fulda sollte er das Nötige lernen. Der Knabe fand am Lernen Geschmack, aber von Jahr zu Jahr weniger am Klosterleben. Die Bemühungen der Mönche, ihn dau­ernd im Kloster festzuhalten, stießen auf seinen ent­schlossenen Widerstand. Und als man ihn drängte, das Ordensgelübde abzulegen, entzog sich der Siebzelm- jährige durch die Flucht „dieweil es ihn bedünkte, daß er seiner Natur nach in einem anderen Stande viel besser Gott gefällig und der Welt nützlich werden könnte". Um dieselbe Zeit, da der junge Hütten aus dem Kloster floh, ist der junge Luther in Erfurt in's Kloster gegangen. Jenen zog es aus der Enge in die Weite, diesen aus der Weite in die Enge. Jenen trieb ein ungestümer Wissens- und Freiheitsdurst in die Un­ruhe des Lebens, dieser suchte die Stube des Gewissens hinter Klostermauern. Beide erregten durch ihren so verschiedenartigen Schritt den Zorn ihrer Väter. Ob­gleich Ulrich in dem edlen Ritter Eitelwolf von Stein, der seine außerordentliche Begabung, freilich auf ei­nen: anderen Gebiete als dem geistlichen, erkannt hatte, einen beredten Fürsprecher fand, war der Vater von feinem einmal über den Beruf des Sohnes gefaßten Beschluß nicht abzubringen. Er konnte sich mit dem Gedanken, daß ein Ritterbürtiger unter die Gelehrten ziehen wollte, nicht abfinden und entzog seinem Sohne jede Unterstützung.

Mit der Flucht aus Fulda begannen Hutten's lei- densreiche Wanderjahre. Als fahrender Schüler zog er durch die deutschen Gauen von einer Hochschule zur anderen (Erfurt, Köln, Leipzig, Greifswald, Rostock, Olmütz, Wien). Meistens ging es ihm erbärmlich.

Nirgends hielt es ihn lange. Sein Aufzug glich oft mehr dem eines heruntergekommenen Landstreichers als den: eines Ritters aus altein Geschlecht. Seit feinern 20ten Jahre rvar er geschlechtskrank. Die gallische Krankheit, die damals in Deutschland grassierte, ver­bunden mit häufigen Fieberanfällen zerrüttete seinen schwächlichen Körper. Hundert andere wären in der Not und in öem Schmutz, durch den er hindurchging, zu Grunde gegangen. Aber in ihm lag ein Etwas, das nicht so leicht zu töten rvar. Immer wieder raffte er sich auf zu neuem Lebensmut und tapferern Ausharren. Ja er wußte unter den denkbar widrigsten Verhält­nissen sich eine ungewöhnliche Geistesbildung zu ver­schaffen.

Eine Begebenheit aus seinem unfläten Wanderleben sei hecauögehoben, weil sie der äußere Anlaß zu seiner ersten bedeutenden Schrift wurde. Jjn Jahre 1509 war Hütten nach Greifswald gekommen. Da er sich durch einige kleinere Dichtungen schon einen Namen gemacht hatte, nahmen ihn dort der Bürgermeister Wedegus Lotz und dessen Sohn der Theologieprofessor Henning Lotz in ihr Haus auf und versahen den Ab­gerissenen mit Kleidung und Geld. Aber bald über- warf sich Hütten mit seinen nicht ganz uneigennützigen Wohltätern. Er verließ Greifswald mit dem Verspre­chen, seine Schuld bald zu begleichen. Auf dem Wege nach Rostock wurde er von berittenen Knechten der bei­den Lötze überfallen, bis auf'ö Hemd ausgeplündert sogar seiner Bücher beraubt. In Rostock, wo das Mit­leid ihm wieder Helfer und Freunde verschaffte, schrieb er seine Querelen (Klagen) wider die Lötze, in denen er seine humanistischen Freunde zur Rache der an ihm begangenen Gervalttat aufrief.

So unstät wandernd war Hütten 24 Jahre alt ge­worden. Da trieb ihn ein brennendes Verlangen nach Italien, dem Heimatlande des Humanismus. In Pa- via und Bologna wollte er die Rechte studieren. Durch dieses Studium glaubte er seinen Vater versöhnen zu können. Aber Italien war damals kein günstiger Bo­den für stille Studien. Es hallte wider von Waffen- lärm. Franzosen und Kaiserliche, Venetianer und Päpst­liche rangen mit einander. Dazu verließen auch in Italien Hütten seine alten Begleiter nicht: Armut und Krankheit. Seine Not wurde schließlich zu einer Hun­gernot im buchstäblichen Sinne des Worts und trieb ihn zu einem verzweifelten Schritt. Er nahm Kriegs­dienste im Heere Maximilians. An Tapferkeit fehlte es ihm nicht. Er allein züchtigte einmal fünf Fran­zosen, die sich über Kaiser Max lustig gemacht hatten. ' Den einen stach er über den Haufen, die andern vier schlug er in die Flucht. Doch sollte nicht das Schwert, sondern die Feder ihm auch in Italien zu Ruhm ver­helfen. Mitten im Feldlager schrieb er lateinische Verse und Epigranrme an den Kaiser, dem er schon vorher in Wien ein Gedicht gewidmet hatte. Und Hutten's Verse waren nicht so blutleer wie die der meisten da- maligen Poeten. Frisch und keck ging er den Schäden seiner Zeit zu Leibe. In Italien an Ort uno Stelle hatte er das wälsche Wesen kennen gelernt, und mit welcher Leidenschaft, mit welch glühendem Zorn, welch beißender Ironie wußte er es zu geißeln'

Nach 3 Jahren kehrte er nach Deutschland zurück, nun schon ein berühmter Dichter, dessen Werke weithin