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Seite 48 ^^^£^^^£^^^05^05 Unsere Heimat s^^^^^^^^^^c^ß^ Nr. 1

Die Pflanzen im Kinderspiel, Plauderei von Alfons Agricola, Züntersbach.

ir haben uns an dieser Stelle schon einmal darüber unterhalten, was von dem Kinder­spiel zu halten ist und haben gesagt, daß es einen hervorragenden bildenden Wert hat, weil eben das Kind hierbei selbst tätig ist. Wenn man bedenkt, was es alles aus einfachen Sachen herzustellen ver­mag, kann man einem Spielfreund recht geben, wenn er das Kinderspiel „schöpferische Allmacht" nennt. Ich besuchte vor kurzem eine Gesellschaft, in der ich eine anregende Unterhaltung zu finden hoffte. Alle Versuche halfen nichts, das Gespräch vom Dollar und den hohen Preisen abzubringen. Man muß schan heute die Gesellschaft ganz kleiner Kinder suchen, um einige schöne Stunden zu verleben. Die Erwachsenen haben sich zu Sklaven der sie umgebenden Dingen machen lassen und führen so ein menschenunwürdiges Dasein. Anders das Kind! Wenn es spielt, über­springt es die Schranken der Wirklichkeit und macht sich frei von diesen Schranken, läßt sich nicht durch sie beschränken, zeigt sich als ihr Herr. Das gilt von dem Spiel im Zimmer, wenn es aus denselben Stock ein Pferd, einen Spieß, eine Fahne usw., aus einer Kartoffel und ein paar Lappen die liebevoll gehegten Puppen herstellt, das gilt auch von den Spielen im Freien am Sandhaufen, und ganz besonders reizvoll ist das Spiel mit den Pflanzen. Ich beschränke mich darauf, Pflanzen- spiele zu erwähnen, die ich in unserem Kreise gesehen habe.

Wer hat nicht schon die Beobachtung gemacht, daß die im Laden gekauften, mit buntem Flirt behangenen Puppen sich meistens nicht lange besonderer Beachtung erfreuen. Erst wenn daö Kind selbst Kleider aus alten Lappen genäht hat, dann wird die Puppe zu seinem Liebling, selbst wenn sie schon Kopf oder Arme und Beine verloren hat und sich mit armseligen Er­satzmitteln zufrieden geben muß. Immerhin wird sie dem Kinde lange nicht soviel Freude bereiten wie die ganze Puppenfamilie, die es aus den Knospen des Klatschmohns herstellt. Da ist die Großmutter, Mutter und eine ganze Reihe von großen und kleinen Kindern zu finden, und jedes hat ein anderes Kleidchen an, vom Hellen Rot bis zum rötlich schimmernden Weiß. Mit dem Kornblumenkränzchen im Haar sitzt das kleine Mädchen davor, und die Freude reinsten Glückes strahlt aus seinen Augen, während das kleine Brüderchen die Blätter der offenen Blüten zusammenfaltet und sie mit lautem Knall auf der Hand zerspringen läßt, sorg­fältig die roten Flecken hütend, die auf den dicken Händchen zurückbleiben. Sie gehören zum Unkraut, diese schönen Blumen, aber wenn soviel bösartiges Unkraut auf dem viel wertvolleren Herzensboden der Menschen nicht vernichtet wird, warum soll diese Zierde unserer Heimatflur ganz verschwinden?

Der Bauer steht vor seinem Feld Und zieht die Stirne kraus in Falten:

„Ich hab den Acker wohl bestellt,

Auf reine Aussaat streng gehalten.

Nun seh' mir eins das Unkraut an!

Das hat der böse Feind getan".

Da kommt sein Knabe hochbeglückt, Mit bunten Blüten reich beladen,

Im Felde hat er sie gepflückt, Kornblumen sind es, Mohn und Raden.

Er jauchzt: „Sieh Vater nur die Pracht!

Die hat der liebe Gott gemacht".

Welch lieblichen Anblick gewährt es, wenn eine Schar kleiner Mädchen ganz von den Ketten aus Lö­wenzahnstielen behängt ist, und mit wieviel Geduld werden die enstandenen Schäden wieder ausgebessert! Die ganz kleinen blasen die Laternchen aus und ver­suchen die davonfliegenden „Schirmchen" wieder zu fangen. Auf dem Heimweg zieht eine kleine Musik­kapelle voran, die Stiele des Löwenzahns liefern die Instrumente. Wehe, wenn die Mutter gar zu viel Flecken in der Schürze entdeckt! Aber schön war's doch!

Mit Spannung auf den Gesichtern umdrängt die kleine Schar das Kind, welches an der Reihe ist, durch Auszupfen der Blütenblätter der „Johannisblume" oder des Gänseblümchens das Orakel zu befragen:

„Edelmann, Bettelmann, Doktor, Pastor,

König, Kaiser, Schweinemajor".

Aber da ist zu viel Ruhe nötig, bald drehen sich die Kinder im Kreise und singen „Blitzblauer Finger­hut — — —" oder „Ringel, Ringel, Rose". Da kommt ein kleiner Junge angelaufen und ruft ganz wichtig: „Wer will in meinen Sprigel sehen?" Er hat einen Grashalm rund gebogen und in den Mund gesteckt. Der Speichel füllt wie eine dünne Glasscheibe den Jnnenraum aus. Ein kleines Mädchen stellt sich davor, doch ein Blasen zerstört schnell den hübschen Spiegel. Aber schnell hat jedes Kind einen eigenen und stolz ist dasjenige, welches den größten fertig bekommen hat. Viel Geschicklichkeit müssen die Mäd­chen haben, wenn sie aus den Stielen des Wegerichs die „Katzenftühlchen" oderaus den Binsen kleine Körb­chen flechten wollen, den Jungen ist es auch zu lang­weilig, und sie spielen lieber Soldaten, indem sie sich die Blätter der Schwel tlilie an die Seite hängen.

Das Viehhüten gibt zwar immer noch Gelegenheit, diesen Spielen einige Zeit zu widmen, aber daö Jung­vieh zwingt den kleinen Jungen doch gar zu oft, von den Spielkameraden fortzulaufen, und mit einer ge­wissen Schwermut steht er dann vor dem von den Kühen verschmähten Knabenkraut, welches im Volks­mund „Kuzikack" heißt, und sagt:

„Kuzikack, Zillegack, Bäckersknecht, sog mer doch,

beviel Johr,

muß ich dann noch außefohr".

Ein anderer muß noch Klee für die Hasen mit nach

Hause nehmen und singt dabei:

„Off der Höh, do woäst der Klee,

Futter, für mei Gäulje,

Bann der Votter ins Wetshaus gett,

Mecht die Motter e Mäulje,

Bann e eber Kaffee trenkt,

Hupst se wie en Distelfenk".

Ein beliebtes Spiel beim Viehhüten ist auch das Aufstellen einer Menagerie, die aus den Fruchtkapseln der Herbstzeitlose hergestellt werden, indem vier Hölz­chen als Beine hineingesteckt werden. Einige haben dabei eine Tabakspfeife im Munde, die aus einer aus­gehöhlten Kastanie hergestellt ist. Andere haben sich mit Hilfe von Kastanien und eines Apfels oder einer Kartoffel eine lustig schnurrende Winde gemacht. Die Mädchen haben inzwischen einen großen Ball der runden Fruchtstände der Klette gesammelt und bilden Kränze, Kreuzchen, Körbchen u. a., wenn ihr Spiel