91r. 7—12 t^£^G^«L^t^^£^i^^ Unsere tjeimat ^I^^t^^^^e^c^^^^ Seite 35
Dom Gevatter Tod,
bet der Totensonntag und der Allerseelentag liegen ja hinter uns, und das große Sterben in der Natur für 1922 ist vorüber, und das Mannen- und Völkersterben im fürchterlichsten von allen bisherigen Kriegen hat hinter den einzigen Daseinszweck des Verdienertums bescheiden zurücktreten müssen! AdventS- zeit ist's doch, und das Christfest steht vor der Tür! Aus allen Schulsälen und Wohn- und Kinderstuben singt'S und klingt'S doch: „O du selige, 0 du fröhliche, gnadenbrinbende Weihnachtszeit! Freue, freue Dich, 0 Christenheit"! Soll uns der Gevatter — schöner Gevatter, der! — Tod die Feststimmuug verderben '? — Nun, es sterben viele, oft ganz auserlesene treffliche Menschen in der Adventszeit, an den Weihnachtsfeiertagen und in der Epiphanienzeit, weil eben Freund Hein keine Ferien hat und wie der Gerichtsvollzieher eben auch nur die „Zustellung" eines höheren Befehls besorgt, oder — wie der geschickte Richter — den Prozeß durch einen versöhnenden Vergleich zum Aö- schluß bringt. Ich kenne ein Chnstbäumchen, in dessen Lichtern sich länger als 30 Jahre die Tränen einer Witwe und zweier Waislein gespiegelt haben, weil ausgerechnet am Weihnachtsabend das lange Leiden des Weggenossen sein Ende fand, und doch ist die rechte Festfreude nicht verkümmert worden. Und ich kenne neben vielen anderen, in deren Bereich Gevatter Tod als grimmiger Schnitter oder als barmherziger Schluß- m ach er eingetreten ist, einen sehr frohen, klugen und tapferen Menschen, bei bem schon seit Monaten der Tod seine Karte abgegeben, das heißt ihm hat sagen lassen — gewöhnlich sind die Ärzte und sehr gelehrte Professoren der Heilkunde seine Briefträger — er werde sich in ein paar Wochen oder Monaten die Ehre geben, ihm seinen einmaligen Besuch zu machen und ihn dann in seinem Wagen feierlich abholen zu lassen. Mein Freund ist, seit ich ihn kenne — und das sind fast 40 Jahre her — wie gesagt, immer ein froher und tapferer Mensch gewesen, hat sich — wenn auch nicht gerade mit Begeisterung — auf diesen Besuch eingerichtet und nur um eine kurze Verschiebung gebeten, was auch freundlich ausgenommen worden ist. Die Fernstehenden erzählten von „Anfällen", „Zufällen." Er selbst hörte jedesmal in seiner Ohnmacht das Anklopfen und sah durch die Türspalte den erhobenen Finger des Boten. Aber dieser sah auf dem Nachttisch und auf der Bettdecke ganze Stöße von alten Briefen und Akten, in denen zitternde Hände hin und her gingen, und auf denen helle, arbeitsfreie Augen ruhten und hörte des Krankenhallende und fordendeWorte an dieSeinen: „Ich bin noch nicht fertig; wenn ich sterbe, macht ihr's fertig! Der 1. Advent war mein erster Sonntag im Pfarramt; ich glaube, er wird auch mein Sterbetag! Schade, daß ich Euch die frohe Weihnachtszeit verderbe. Lieber wär mir'ö, ich dürfte erst nach dem Fest von Euch Abschied nehmen. Dies und das wird auch nicht gemacht, wenn i ch' ö nicht mache". Wie der draußen vor der Tür das hörte, lächelte er und dachte: „Ich kann ja auch mal erst die anderen Briefe abgeben oder einen und den anderen abholen", und verschwand. Und die Leute sagten jedesmal: „Es geht alleweil wieder besser; vielleicht rappelt er sich doch wieder raus"! Eine Hoffnung, die er selber nicht geteilt hat, obwohl der 1. Advent kein offizieller Besuchstag wurde. Und 'wenn er aus tiefer Ohnmacht sich wieder aufrichten durfte, war er verwundert über die neue, immer kürzer werdende Frist und griff sofort wieder zu den vergilbten Briefen und Urkunden, um daraus Gott- und
Weltstimmen zu vernehmen und — als praktischer Tatmensch — sie in ganz eigener Art auf sich wirken zu lassen. „Eine tolle Gesellschaft, dieses Menschenvolk! Über die Torheiten muß ich manchmal laut lachen! Hier liegen tausend Briefe, geschrieben seit 40 Jahren von vielen ratsuchenden, unglücklichen, oft verzweifelten Menschen wertlos geworden, weil sie nur für mich persönlich Wert hatten; fort damit, wird verbrannt! Hier die andern, ausgelesen, geordnet, fein zusnmmen- gebunden, sollen für die Kinder und Enkel aufbewahrt werden. Da stehen lauter persönliche Nöte und Freuden drin und ist da fein zu lesen, wie dumm oder wie gescheit die Briefschreiber damit fertig geworden sind. Da können unsere Nachkommen lesen wie sonst sehr ehrenwerte und charakterfeste Seute um drecks- willen sich gegeneinander ereifern, in Feindschaft geraten, sich dann gegenseitig schädigen und sich selbst Unruhe, Kummer und Reue schaffen. Am verrücktesten sind die, die das um des dreckisten Drecks, des Mammons willen, tun. Toll, wie das die Familien auseinander reißt und Geschwister zu Todfeinden macht. Die schlechte G e s i n n u n g versteht man ja schon — den Egois- mus, nicht zu vergessen die Eitelkeit — bloß die Dummheit von notorisch gescheiten Leuten ist nicht zu begreifen, die unglaubliche Torheit, die nur einen Tag weit sieht, sich nur für eine Stunde oder Minute aufputzt und auf bläht und dann die Gemeinschaft auf Jahre und Jahrzehnte unmöglich macht. Die Dumki- heit, deren Inhaber sich einbildet, er könne oom Bruder nichts lernen! — Freilich, man muß erst krank werden, um zu merken, wo die L i e b e steckt! Ich bin so froh, so glücklich, daß sie mich umgibt; sie greift zu, opfert, opfert sich selbst, suchr den Tod zu verscheuchen, — wenn auch dadurch das cig’ne Leben verkürzt wird — wie traurig ohne Liebe zu leben, wie dumm, sich selbst liebearm zu machen und das Herz für Nichtigkeiten zu verkaufen. Wie töricht die Neunmalweisen, an diesem Leben voll Nichtigkeiten zu kleben — bloß aus Angst vor dem vermeintlichen Feind, dem Tod, der doch als Freund kommt. „Übrigens" — hier lächelte der Schalk, ^ein schönes Plätzchen ist mir gesichert in der großen stillen Versammlung der Toten draußen, wo keine schönen unb keine Hetzreden gehalten werden, neben einem sehr ehrenfesten alten Herrn, der sich wohl an die 80 Jahre im feinsten Schweigen geübt hat; und mein Tert ist gefunden! überhaupt alles, was diesseits, also ohne Belang ist — und was hinter dem Vorhang ist — ich bin fertig"!
Vor Tagen ging ich von bem Besuch bei diesem Freunde heim. Es war eine finstere und stille Nacht, die über dem Gefilde lag, und die Worte des immer noch rastlos tätigen, pflichtbewußten und tapferen Menschen hallten in mir, schalteten die Trauer um seinen bevorstehenden Abschied aus und erfüllten mich mit Freude und Stärke. Unb mir war's, als habe sich Gevatter Tod als Weggefährte zu mir gesellt und halte Zwiesprache mit mir. Und es war nichts, was mir Trauer oder gar zur Verzweiflung Ursache gab. Nur ein Vorwurf gegen mich selbst stieg auf, der, daß manches- versäumt sei. Und sagten am späten Abend daheim zwei Alte einhellig: „Es ist höchste Zeit. Wir wollen unser HauS bestellen. Und unsern Kindern wieder und wieder sagen, was nichtig unb was wichtig ist. Und wollen uns GcUfreund mit dem Gottesböten Tod stellen, und fröhlich mit ihm gehen, wenn er ungerufen kommt, sei es auch in der fröhlichen, seligen Weihnachtszeit. F. Walther.