Seite 174 ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ßi’ßi’ß^ßi' Unsere Heimat ßßßßß^ß^ß^mß^ß^ß^ß^ß^ßi» Nr. 11—12
um die Einheitsliste, der letzten Endes fast nur zwischen Pfarrern ausgefochten wurde; andere bedauern diesen stillen Verlauf, weil sie gern den Streit der Geister, der in anderen Diözesen sich stark auswirkte, beobachtet und den Gemeinden volle Klarheit über das, um was es geht, und Betätigung gewünscht hätten. Nun, es werden ja noch mehr Kirchenwahlen folgen, und man wird dann Gelegenheit haben, sich gegenseitig deutsch und deutlich die Wahrheit zu sagen, oder, was noch besser ist — unter Beteiligung aller gemeinsam das Rechte zu suchen. Die Schuld am „stillen Verlauf" lag im Grunde bei den Gemeinden selbst, die noch zu sehr gewöhnt sind an das: „Man wird's schon machen! Auf mich kommt's nicht an!"
Eine Frankfurter Pastetenfabrik sucht durch Inserate bis in unsere Gegend Gänselebern und Aufkäufer für solche. Wer mag diese Gänseleberpasteten wohl noch bezahlen können? Ein V o l k s Nahrungsmittel, wie der vom Volke gesuchte Hering, sind sie jedenfalls nicht; ein Arzneimittel auch nicht. Da möchte man denn doch wünschen, die Bauern äßen die Gänselebern selber, zumal die gesuchten gewöhnlich nur auf dem Wege einer abscheulichen Tierquälerei zu erreichen sind. Die Herrn Kriegsgewinnler müßten eigentlich zuvor noch ihre Unterkohlraben essen; sie sind damit noch im Rückstand.
Da lese ich heute übrigens in Nr. 44 der „Christlichen Welt", daß Pfarrer Erich Förster in Frankfurt gegen die Sammlungen für Oppau und Davos mobil macht. Ein paar Sätze aus seinem Artikel muß ich doch hier wiedergeben:
„Die Oppauer Sammlung ist ein Musterbeispiel dafür, wie man es nicht machen soll, sie ist aber nicht das einzige der Art. Jetzt wird wieder die Trommel gerührt für eine große Sammlung zu Gunsten des Heims für tuberkulöse Kriegsbeschädigte in Davos. Man will 10 Millionen zusammenbringen, um dies Heim zu erhalten. Bei dem heutigen Stand der deutschen Valuta kann man sich an den Fingern abzählen, daß auch mit diesen 10 Millionen nichts erreicht wird. Was aber könnte man damit leisten, wenn diese Sumnte den am Rande des Unterganges befindlichen deutschen Tuberkulös e h e i m e n zugute käme. Man würde Tausenden eine Hilfe bringen, die so nur einem D u tz e n d zu Teil wird, und man würde außerdem, was dock auch nicht gleichgültig ist, das Geld im Lande halten. Weshalb soll das Heim in Davos gehalten werden, wo es doch soviel praktischere Verwendungszwecke gibt? Man sagt „um des Prestiges willen". Immer die alte erbärmliche Politik des Scheines. Man will im Auslande den Schein hervorrufen, als ob wir noch gar nicht so arm seien, wie wir wirklich sind; und die Folge davon? Ich brauche sie nicht auszumalen, man kann sie in den immer weitergehenden Forderungen der französischen Presse lesen. Es wäre wirklich an der Zeit, daß sich alle Wohlmeinenden zusammentättn, um diesem Wahnsinn zu steuern."
Schade, daß man dergleichen erst — nachher erfährt! Von der Tuberkulose-Not aber könnte die Kreis- Armen-Kommission auch allerlei sagen. Aber auch hier heißt's, wenn etwas Durchgreifendes geschehen soll: „Es ist kein Geld da!" Wie manchem aber könnte geholfen werden, wenn man nun die Summen hätte, die aus dem Kreise nach Oppau gewandert sind. Auf unsre heimische Not in dieser Beziehung aber will ich in nächster Nummer von „II. H." ein offenes Wort sagen.
Eine Sammlung für die Anstalten der Inneren Mis
sion (Diakonissenhaus, SiechenhauS, RettungShäuser und dergl.) in der evangelischen Gemeinde Schlüchtern erzielte den schönen Betrag von 5000 Mark. Es wird reichlich gegeben in dieser schweren Zeit — nur ganz wenige schließen sich aus — aber was ist das alles angesichts der steigenden Not? Gott helfe allen, die an schwerem Werke stehen, dessen Existenzmöglichkeit dazu noch durch die Entwertung des Geldes bedroht ist, nicht mutlos zu werden vor dem Dunkel kommender Tage!
Heute kostete der Zentner Kartoffeln 85 Mark!
Gestern stand ich eine Weile am Grabe des im, Jahre 1904 Heimgegangenen Schlüchterner Kantors und Lehrers Karl Anacker. Er wäre Heuer 100 Jahre alt geworden. Ich weiß, daß noch viele seiner ehemaligen Schüler seiner in Treue gedenken, und wenn jetzt, wenn sie dies lesen, ihre Gedanken in eine Zeit fliegen, die nur eine so kurze Spanne hinter ^uns liegt, und sich die vergegenwärtigen, die vor 30 Jahren gleich ihm hier gelebt und gewirkt haben, und die, einer stach dem andern, hinweggemußt, so wird auch sie etwas von dem Weh des Vergehens und Vergessenwerdens ergreifen, das allem Erdgebundenen anhaftet.
Rentner Karl Hafner in Schlüchtern, der letzte der hier ansässigen Söhne des früheren Bürgermeisters, starb kinderlos im Alter von 86 Jahren, nachdem ihm seine Frau wenige Wochen vorher im Tode vorangegangen.
Adolf Simon, ein Marjosser Kind, seit Jahren in Nordamerika, hat seiner Heimatgemeinde eine neue Kir- chenglocke anstelle der voin Krieg geraubten gestiftet, und Frau Weyrauch, die unermüdliche Helferin, hat der evangelischen Kirchengemeinde in Schlüchtern geholfen, dringend nötige Ausbesserungen an der Kirche vorzuneh- men, und wenn diese in der Lage ist, der Gemeinde für die Gottesdienste in diesem Winter einen geheizten Raum zu bieten, so verdankt sie es auch ihr.
Die Entwürfe für das Denkmal, welches den im Weltkriege gefallenen Kämpfern aus der Stadt Schlüchtern gesetzt werden soll, sind fertiggestellt. Als Plätze für dasselbe werden empfohlen der alte Friedhof bei der evangelischen Kirche und der Garten des Klosterrent- meisters neben dem Kapellplatz. Ein dritter Plan, zum Gedächtnis der Gefallenen ein Gemeindehaus zu errichten mit Erinnerungstafeln an geeigneter Stelle, dürfte der schönste und beste sein. Leider steht ihm die außerordentliche Geldentwertung sehr entgegen. Doch: Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, besonders dann, wenn Schlüchterns Kinder im Auslande mithelfen würden. Und nach unseren Erfahrungen würden diese nicht versagen.
Das Landratöamt veröffentlicht wieder eine „Polizeiverordnung betreffend das Verabfolgen geistiger Getränke" und eine „Anweisung für die Polizeibehörden, betreffend Maßregeln gegen Trunkenbolde". Es ist dies also auch schon wieder nötig geworden. Die Riesensum- men, die das arm gewordene Deutschland für Alkohol aufwendet, zeigen, daß die Not wohl noch höher steigen muß, ehe Gesetze geschaffen werden, die dem Alko- Holmißbrauch — ganz anders entgegenarbeiten und wirklich verhindern, daß in furchtbarer Notzeit Lebens Mittel in beliebig verabreichte Genußmittel um- gewandelt werden/ deren Mißbrauch ungezählte Familien in tiefstes Elend stürzt.
Der Pachtpreis für ein Beet (ca. 1 ar) schnellte bei der letzten Verpachtung Mitte November von 20 auf 210 Mark und mehr.