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zukünftigen Tage, als die von diesen frommen Menschen hier niedergelegten." Gereifte Christen bedürfen solcher Einstellung noch weniger; sie sind seelisch jedem dieser Sänger gleichgestimmt. Jede klingende Saite der Liederharfe schwingt in ihnen von vornherein stark oder leiser, und der Zusammenfluß erweckt die Obertöne vielfachen Ausblicks und wechselvoller Beziehungen. Laß Dir der Kirchenlieder Inhalt verdeutschen an den Orten, wo sie noch gelten, wo ihre Kraft, zu trösten, zu er- muntern, besinnlich zu machen, noch erprobt wird; vielleicht an diesem oder jenem Krankenbett oder am Sonntagabend in einer Bauernstube, wo die Großmutter ihr Lieblingslied durchlieft, obwohl sie es als Kind schon auswendig konnte, und so die müden Flügel der Seele in Regung bringt. Dort kannst Du Worte hören, deren Kern dem Geist der Christensänger viel eher „kongenial" ist als das Denkvermögen irgend eines Professors der Literaturgeschichte, der die Choräle der Vollständigkeit halber irgendwo in sein Werk einschachteln muß.
Weiterhin wird die Ablehnung des Gesangbuches manchmal so begründet: Sein Inhalt ist abgestorbenes Schrifttum, stammt zum größten Teil aus vergangenen Jahrhunderten und kann darum wie etwa Minne- und Meistergesang nur noch Bedeutung für Fachgelehrte haben; das Bemühen, die Weltanschauung in diesen naiven Reimlein als etwas heute noch Lebendiges hinzustellen, kann garnicht anders als mit Lächeln beantwortet werden. Die Menschen, auch die Christen unserer Tage, sind im Denken und Fühlen komplizierter als ihre Vorfahren; darum können uns diese Leute, die ihrer Zeit gedient haben mögen, eben nichts mehr sagen. Dem kann sehr kurz erwidert werden: Die menschliche Seele und ihr Weg zu Gott waren, sind und bleiben im Wesen allzeit dieselben, und echte, erlebte Worte darüber können nie veralten, ebensowenig wie Jesu Weg- weisung zum Vater „unmodern" werden kann. In dem Lied „So nimm denn meine Hände", liegt beschlossen und bleibt beschlossen alles, was zwischen der Gottheit und dem Menschen abzumachen ist. Du mußt nur richtig hineinhorchen und herauslesen, dann wirst Du entdecken, daß auch in diesem Buch Erkenntnis steckt, und daß die Christen der Vorzeit darin soweit waren wie wir. Ein Beispiel. „Gott ist das Allergewißte". — „Die Gewißheit von Gott bedarf weder eines Begriffs noch einer Vorstellung von Gott als Halt und Grundlage, sondern sie ruht auf einer ursprünglichen Empfindung des Geheimnisses von Gott, wenn nicht auf der unmittelbaren Erfahrung des lebendig sich offenbarenden und wirkenden Gottes." Der erste Satz steht in einem Gerhardtliede, den zweiten hat Johannes Müller geschrieben.
Luther nennt einmal die Bibel einen großen, weiten Wald, darinnen viel und allerlei Bäuine stehen, davon man mancherlei Obst und Früchte brechen kann. Dann ist das Gesangbuch ein Strauß aus dem Unterholz dieses Waldes, aus Halmen, Blüten, Beeren und Moos zusammengetragen; klein, bescheiden im Vergleich mit den Baumriesen mit ihren gewaltigen Wurzeln und ihrem sturmtrotzenden Astwerk, aber doch sind es die duftenden, heilkräftigen, formen- und farbenreichen Pflänzlein wert, daß man sich an ihrem Wohlgeruche labt, daß man ihre Arznei versucht, daß man ihre Schönheit erforscht, ehe man Treibhausblüten sammelt oder überseeische Orchideen.
Das Gesangbuch enthält Lieder, und Lieder wollen gesungen sein; Wort und Weise machen erst den Choral
in seiner Vollkraft aus. Und am schönsten klingen die Choräle in der Gemeinschaft, wenn „Herz und Herz vereint zusammen" von der brausenden Orgel geleitet einstimmig lobt, bittet oder dankt. Was wären die Feste des Kirchenjahres ohne die christlichen Festlieder? Alljährlich um die Weihnachtszeit gewinnen sie sogar Freunde in Kreisen, in denen sonst kein Gesangbuch angerührt wird, wenn auch nur darum, weil sie dazu dienen müssen, ganz allgemein die „Stimmung" zu heben. Das ist aber trotzdem bedeutsam; denn es ist ein Zugeständnis, daß nichts Besseres da ist, und damit auch eine Art Ehrenerklärung für unsre Weihnachtslieder. In der Schule sollten die Choräle nie ohne die Weise gelernt und vorgetragen werden, auch darum, weil den Buben und Mädchen die Lieder, so verknüpft, besser eingehen. Ob aus dem Inhalt des schlichten, schwarzen Buches Anziehendes für die Kinder heraus- zuholen ist, das liegt, wie fast bei jedem Stoff, am Lehrer., Der, der aus dem Leben t n ö Leben hinein lehrt, der es versteht, Sinnenfälligeö zum Behälter des Geistigen zu machen, wird die Frage bejahen; denn welche reichen, wechselvollen Lebensschicksale schließt es in sich, was für Gestalten treten aus ihm heraus! (Für einen gescheiten Menschen müßte das Buch schon darum fesselnd sein, weil in ihm die verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Lebenskreisen sich über eine Sache aussprechen.) Geistliche und Laien, Gelehrte und Ungelehrte, Männer und Frauen, stete und unruhige Geister kommen zu Wort. Da wird die Reformationszeit lebendig. Den Doktor Luther hören wir abends mit Frau, Kindern und Freunden zur Laute singen oder sehen ihn ein andermal „Vom Himmel hoch" aufschreiben, ein deutsches'Weihnachtslied, damit die deutschen Christen an diesem Tage in ihrer Muttersprache jubeln könnten. Den Siegeszug der Lutherlie- der, von Prädikanten, fahrenden Schülern, Tuch- machergesellen und Schuhknechten verbreitet, erleben wir mit. Die 30jährige Kriegszeit wird uns in Einzelschicksalen geschaut viel augenfälliger, und offenbar wird uns aus ihr, wie die Diener der Kirche den Namen Hirten' mit Recht und zu ihrer Ehre tragen können. Wie überreich an Nachfolgern Christi ist dieses Buch! Da ist der leiderfahrene Pfarrer Herrmann, der treue Freund Rodigast, der liebe Junggeselle Tersteegen, der Band- wirker war und fremdsprachige Bücher übersetzen konnte, der weitgereiste Arzt Flemming, der alte Kantor Herr- mann, Matthias Claudius, der Bankbeamte seltener Art, der deutsche Professor Arndt; da steht die Fürstin neben dem Musikus, der Schultheiß neben dem Kanzler und Regierungsrat, ja da finden wir selbst einen Feind der evangelischen Sache, aber so einen „Feind", der immer und immer wieder von der Liebe singt, den nimmt man ja gerne auf. Wahrlich, wer da weiß, wessen Lebensgut zwischen den Deckeln des Gesangbuches eingeschlagen ist, der schämt sich nicht, mit ihm über die Straße zu gehen. Respekt ihr Buben, jeder dieser Menschen kann der Held sein, den ihr euch zum Vorbild erwählen sollt!
Zu denken gibt die Tatsache, daß die Lieder, die in Not und Trübsal entstanden sind, am kräftigsten ain Leben blieben; sie sind wurzelecht. Neumarks Lied „Wer nur den lieben Gott läßt walten "/zählt zu den schönsten, die wir haben. Es ist in schwerer Sorgenzeit geboren; seine anderen Gedichte, die er als wohlbestellter Hofpoet geschrieben hat, sind vergessen. Die Lieder, nur zu dem Zweck verfaßt, unsaubere Volkslieder zu verdrängen oder Lehren zu fassen, hat dasselbe Geschick ereilt, wenn auch noch einige von ihnen in unserem Buche