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flm Christabend,
Skizze von Alfons Agricola.
eberden Landrücken fegt der Nordwestwind. Dicke Schneeflocken treibt er vor sich her. Sie wollen nicht zur nassen Erde fallen, als wüßten sie, daß sie dort sterben müssen, und tanzen auf und ab, bis ihre Kraft erlahmt und sie sich ihrem Schicksal ergeben. Schadenfroh jauchzt der Sturm auf, daß die Fenster zittern. Genau so war das Wetter vor einem Jahr, als man den Ellerbauern ins Grab senkte. Am morschen Fenster des Auszugshäuschens sitzt seine treue Lebensgefährtin und sucht durch das Schneegestöber hindurch den Friedhof. Ein unsagbar trauriges Jahr liegt hinter ihr. Der Hannjörg, ihr Aeltester, hatte nach des Vaters Tod eine reiche Bauerntochter aus dem Unterland heraufgebracht, eine, die gar nicht zu ihr paßte. Daß sie sich neumodisch kleidete, hätte sie ihr ja noch verziehen, denn auch einige Einheimische machten schon die neue Mode mit. Aber daß sie all die schönen Sachen, die nun schon seit 50 Jahren in den Stuben gestanden hatten, auf den Boden gestellt und durch neue ersetzt hatte, gab den Anlaß zum ersten Streit, und die alte Mutter fühlte sich nicht mehr heimisch und zog mit einigem alten Möbel ins Auszughäuschen. Der Hannjörg hatte wohl anfangs zu vermitteln gesucht, meinte aber dann, alt und jung passe doch nicht zusammen, das wäre immer schon so gewesen, und so gäbe es wenigstens keinen Streit. Für die Mutter wolle er schon sorgen, dafür sei er da. Als ihm aber die junge Bäuerin ein schiefes Gesicht macht, wenn er einmal im Häuschen gewesen ist, da meint er, es diene dem Frieden, wenn er da so wenig wie möglich hinginge. Und so verlebte die alte Mutter einsam und verlassen ihre alten Tage und hat nur dann eine freudige Stunde, wenn sie einen Brief von ihrem Joseph bekommt, der in Westfalen sein Geld verdient. Aber wenn sie den Brief zum zweitenmale liest, dann zuckt es um ihren Mund, und die zitternden Hände legen ihn fort. Ist das ihr Joseph, der da geschrieben hat? Ist das ihr Kind, das sie dreimal in schwerer Krankheit gepflegt, das sie so unbeschreiblich liebt? Er schreibt von hohen Löhnen, von Streiks und Zukunftshoffnungen, von Lebensmittelpreisen, fragt, wie es ihr geht und ob sie Geld haben wolle, und schreibt auch, daß er Weihnachten nicht kommen könne, weil sich das Fahrgeld für die paar Tage nicht lohne. Aber es ist etwas Fremdes in dem Briefe, das sie nicht finden kann, es ist ihr, als müßte sie ihn herbeiholen, ans Herz drücken und fragen: „Hast Du mich nicht mehr lieb?" O, wie das in ihrer Brust nagt, das Gefühl, die Liebe ihrer Kinder verloren zu haben. Heute am Weihnachtsabend kommt das Gefühl der Verlassenheit mit übergroßer Gewalt und läßt sie am ganzen Leibe erzittern. Unaufhaltsam fließen die Tränen aus ihre gefalteten Hände. Der Tränenflor und das dichter gewordene Schneetrei
ben verhüllen das Ziel ihrer Blicke, den Friedhof, auf dem der Ellerbauer seit einem Jahre den rechten Weihnachtsfrieden gefunden hat.
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Auch in der westfälischen Industriestadt haust das Schneegestöber. Aber die Schneeflocken, die hier zur Erde fallen, sind nicht von der Lebensfreude durchdrungen wie jene auf dem Landrücken. Traurig, schwer wankend, stoßen sie auf den harten Asphalt und vergehen, ihr Ende wird beschleunigt durch die Fuß? tritte der Menschen, die scharenweise durch die Straßen eilen. Nur einige Flocken geraten in die große Licht- welle, die dort über eine große Menschenmasse hin- flutet und fahren erschreckt auf, als sie die großen bunten Bilder sehen, die ihnen wie Grimassen entgegenleuchten. Der Sohn des Ellerbauern steht auch in dein Gedränge und wartet, bis er die Eintrittskarte zum Kino bestimmt. Die Fabriken haben schon mittags geschlossen, und die Arbeiter erhielten außer dem Lohn noch ein Weihnachtsgeschenk. Da hat er sich mit seinen Freunden einen vergnügten Nachmittag gemacht. Auf ein paar Flaschen Wein kommt eS ja nicht an, es ist ja Weihnachten, drei freie Tage liegen vor ihm, und wenn er in sein einsames Heimatdörfchen gefahren wäre, dann hätte das Fahrgeld ja ebensoviel gemacht. So hat er doch wenigstens etwas für sein Geld, was hätte er gehabt, wenn er die Tage in dem langweiligen Neft verlebt hätte, und doch — sein altes Mütterchen — einen Augenblick läßt er den brummenden Kopf hängen, doch das Gelächter seiner Freunde bringt ihn wieder auf andere Gedanken. Mit einem kräftigen Schwung wirft er den Zigarettenstummel auf den nassen Boden, und mit dem zischenden Sterben des Feuers verlöscht der Weihnachtsgedanke in seinem Herzen.
Auf dem Landrücken hat der Sternenhimmel den Sieg davongetragen. Hell und klar erstrahlt die Weihnachtsnacht. Die Gebete eines verlassenen Mütterchens finden ungehindert den Weg zum Throne der ewigen Liebe.
Das Licht,. das von der Heimat winkt, Laß mich zur Dämmerstunde sehen, Und laß mich, wenn die Sonne sinkt, An Deiner Hand nach Hause gehen.