Einzelbild herunterladen
 

air. 7io ^r^^o^^i^^^^i^i^ Unsere

freundliche oder feindliche Beziehungen zu Nachbar­territorien dazu aufforderten. Kein Wunder, daß die Vertreter unserer deutschen Nationalgeschichte diese Leistungen, wenn sie dieselben nicht gelegentlich mit scharfen Seitenhieben bedachten, meist ignorierten, umso mehr da die Zerstreuung der Arbeiten in zahlreichen, oft schwer zugänglichen Vereinspublikationen ihre Be­nutzung erschwerten. Und doch hatten die Vereine in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens, als an vielen Orten noch die mit warmem Interesse für die Sache erfüllten Gründer tätig waren, diese Uebelstände und Gefahren selbst erkannt und auf verschiedenen Wegen ihnen entgegen zu treten versucht. So war bereits im Jahre 1852 behufs einer Konzentration der Vereins­tätigkeit der Gesamtverein der deutschen Geschichts- und Altertumsvereine gegründet worden. Er hat in den ersten Jahren seines Bestehens die Anregung ge­geben zu einer Anzahl von Unternehmungen, die an­erkannten Bedürfnissen unserer Nationalgeschichte ent- gegenkamen und in ihrer Wirkung noch heute zu er­kennen sind. Zwar die auch schon im Jahre 1852 zu Mainz beschlossene Luneskommission, die dem damals an verschiedenen Stellen Südwestdeutschlands lebhaft er­wachten Interesse an den Resten der römischen Grenz- wehr entgegenkommen und durch eine Berufung und Aufnahme eine wissenschaftlich brauchbare Grundlage für eine Erklärung der Gesamtanlage bieten sollte, ist, zum Teil unter dem Einfluß der angedeuteten Zu­stände, bald wieder eingeschlafen, um erst vier Jahr­zehnte später in anderer Form zu neuem Leben zu er­wachen. Dagegen erfreuen sich zwei andere Gründungen des Gesamtvereins aus derselben Zeit, das Germanische Museum in Nürnberg und das Römisch-Germanische Centralmuseum in Mainz, noch heute kräftiger Gesund­heit, wenn sie auch nach der Gewohnheit erwachsener Kinder sich der Verdienste ihrer Eltern, der deutschen Geschichtsvereine, um ihre Existenz und ihre erste Ent­wickelung sich nur selten noch erinnern. Das hat seinen Grund wohl teilweise auch in dem zeitweiligen Rück­gänge mancher Geschichtsvereine während des letzten Jahrzehnts vor der Lösung der deutschen Frage gehabt, den ich im Eingänge meiner Ausführungen erwähnt und zu erklären versucht habe. Mit der Wiederaufrichtung des deutschen Reiches war, wie so vieles andere, auch das Verhältnis der Tätigkeit unserer Geschichtsvereine zur Nationalgeschichte ein anderes geworden, als es in den vorausgegangenen Jahren erbitterter geistiger Kämpfe sich gestaltet hatte. Das hier und da herr­schende Mißtrauen gegen die Beschäftigung mit der Lokalgeschichte wurde gegenstandlos, gegenstandlos auch das Bemühen, die Existenzberechtigung der ehemaligen Bundesstaaten nachzuweisen. Soweit sie noch bestan­den, waren und fühlten sie sich immer mehr als Reichs­teile, deren Fortbestehen eben durch die Existenz des Reiches und nur durch sie berechtigt war. Die Ver­eine aber erkannten ihre Aufgabe immer klarer darin, daß sie Bausteine zu liefern hatten zu dem stolzen Bau unserer Nationalgeschichte, und in dieser ihrer Arbeit wurden sie immer wohlwollender auch von den großen Geschichtsbaumeistern anerkannt; von keinem aber wur­den ihre Arbeiten mehr und früher benutzt als von dem verstorbenen Karl Lamprecht, der im Jahre 1895 bei Gelegenheit des Frankfurter Historikertages in einer Versammlung von Vertretern der deutschen Publika­tionsinstitute, meist Abgesandten deutscher Geschichts­vereine für das Verhältnis eines gewissen Teils von Arbeiten der letzteren zu den großen Geschichtswerken

Heimat £^^^^^^^^i>^^^^ Seite 147 die Bezeichnung Halbfabrikate münzte, ganz im Sinne seiner eigenen damals besonders stark auf die Wirtschaftsgeschichte eingestellten Tätigkeit, aber doch nicht zutreffend für alle Arten von Vereins­publikationen.

Man darf wohl sagen, daß unsere Vereine, indem sie mit weiser Selbstbeschränkung sich gewissermaßen als Hilfsinstitute in den Dienst der nationalen Ge­schichtsforschung stellten und diese sowohl durch ihre quellenforschende als durch ihre Sammeltätigkeit be­sonders nach der kulturhistorischen Seite hin förderten, sich polemischer Arbeiten über Haupt- und Staats­aktionen aber mehr als früher enthielten, wieder mehr in die Bahnen einlenkten, auf die ihre Gründer sie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hinge­wiesen hatten.

Unsere lokalen Geschichtsvereine sind Kinder des durch die Romantik charakterisierten und geförderten Wieder- erwachens einer historischen Betrachtung der Dinge im Gegensatze zu der vorausgegangenen Periode des Ra­tionalismus, dem eine Geringschätzung des 'historisch Gewordenen gegenüber dem rein verstandesmäßig Ge­schaffenen eigentümlich war. Charakteristisch für die Romantik im weiteren Sinne des Wortes, wie sie vor 100 Jahren dem 66jährigen Goethe auf seinen beiden Reisen in die alte Heimat entgegentrat, war das Interesse für die D e n k m ä l e r der vaterländischen Vorzeit, in deren Geringschätzung der Rationalismus sich nicht genug tun konnte. Ein Vertreter dieser neuen Richtung, keiner der bedeutendsten, aber der, welcher den uns hier beschäftigenden Fragen besonders nahe stand, war der Hanauer Bernhard Hundeshagen, der auch mit geistig führenden Männern in Frankfurt und Wiesbaden in freundschaftlichem Verkehr stand. In seinen Studienjahren war er Clemens Brentano und Achim von Arnim nähe getreten. Jakob 'Grimms In­teresse erweckte er durch die Wärme, mit der er für die Erhaltung der Barbarossaburg in Gelnhausen ein- trat, mit deren Abtragung man damals beschäftigt war. Goethe hat ihn einige Jahre später in Wiesbaden kennen gelernt und ihm in seiner Reise am Rhein, Main und Neckar freundliche Worte gewidmet. Es ist kein Zufall, daß wir Hundeshagen, wie die illustrierte Dar­stellung der Kaiserpfalz in ihrem damaligen Zustande, so auch Aufnahmen des sogenannten Römerbades von Rückingen bei Hanau und des Kastells Niederbieber bei Neuwied verdanken, die später dem Hanauer Ge- schichtsoereine und dem Bonner Altertumsverein, wie der Reichs-Limeskommission bei ihren Bestrebungen um Aufdeckung und Erklärung dieser Bauten zustatten ge­kommen sind. Aufsuchung und Erklärung der Quellen unserer vaterländischen Geschichte einerseits und die Sorge für Erhaltung ihrer Denkmäler sind ja noch heute die beiden Hauptrichtungen der Tätigkeit unserer Geschichts- und Altertumsvereine, wie sie ums Iahe 1815 das Interesse der Brüder Boisserie und 'der Wiesbadener Männer erweckten, die wir als die Schritt­macher dieser Vereine und die Gründer des ältesten von ihnen ansehen dürfen.

An die Erwähnung dieses Kreises *?on Männern, von deren wissenschaftlichen Unternehmungen, wie besonders von ihrer Sammeltätigkeit Goethe auch eine Belebung des Fremdenverkehrs in Wiesbaden erhofft, knüpft er die bezeichnenden Worte:Schon haben mehrere Freunde der Kunst, der Natur und des Altertums sich unterzeichnet, eine Gesellschaft zu bilden, welche sowohl überhaupt als besonders für diese Gegend um