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Seite 146 c^c&c^c^c^i^^i^(^c^c^g& Unsere Heimat ^^-^^^-^e^^^^c^c^I Nr. 7—1V

^eimatgefdiidjte, Treimatliebe und Vaterlandsliebe,

Von Professor Dr. Georg Wolff.

ie folgenden Zellen enthalten den wesentlichen J / Inhalt eines im dritten Jahre des großen Krie­ges im Verein für Geschichte und Altertums­kunde zu Frankfurt gehaltenen Vertrages. Manche Ab­schnitte sind ausgeschaltet, weil die in ihnen ausge­sprochenen Gedanken und Gefühle in zu krassem Gegen­satze standen zu denen, die jetzt unter dem Einflüsse des politischen, wirtschaftlichen und moralischen Nieder- bruches unseres damals so stolzen Volkes unsere Herzen erfüllen. Hinzugefügt ist kaum ein oder der andere Satz, um eine zu klaffende Gedankenlücke zu Über­drücken. Daß an einzelnen Stellen statt der eindrucks­volleren Zeitform der Gegenwart die der Vergangen­heit gewählt wurde, erklärt sich aus dem Zusammen­hänge von selbst.

Als ich vor mehr als einem halben Jahrhundert frisch von der Schule hinweg die Universität München bezog, um mich dem Studium der Geschichte zu wid­men, da hatte ich von der Existenz lokaler und terri­torialer Geschichtsvereine noch kaum eine Ahnung. Ich saß zu Füßen Wilhelm Gieselbrechts, des berühmten Verfassers der deutschen Kaisergeschichte, und wandelte mit ihm auf den Höhen, von welchen wir, wie der Wanderer im Hochgebirge, oft nur die Gipfel der um­liegenden Berge über einem Meere von Nebel sieht, so die glänzenden Gestalten eines Karl des Großen, der Ottonen, der Frankenkaiser und Hohenstaufen in schimmerndem Lichte erblickten, während tief unten in den Tälern und Schluchten Personen und Tatsachen der Lokalgeschichte im Dämmerlichte oder in vollstän­digem Dunkel verborgen blieben. Völlig unbekannt aber war es mir und wohl auch den meisten meiner Alters­genossen, daß, wie in anderen Teilen unseres Vater­landes, so auch in meiner Heimat sich Freunde ihrer Geschichte und deren Denkmäler zu Vereinen zusammen­getan hatten, die sich die Aufgabe stellten, die Kennt­nis der ersteren zu fördern und für die Erhaltung der letzteren einzutreten. Was waren der Jugend her sech­ziger Jahre, die aufwuchs in dem immer stürmischeren Drängen nach Einigung des gesamten Vaterlandes, sei es in der Gestalt des alten Reiches oder nach den Idealen der kleindeutschen Partei, die auch ein Teil­deutschland unter Preußens Leitung der Scheinvereini­gung aller deutschen Stämme im deutschen Bunde oder einem nach seinem Muster hergestellten Reiche vorzog, was waren uns die Vaterländer, die durch den Reichs­deputationshauptschluß am Leben gelassen, durch die willkürlichen Entschließungen eines fremden Eroberers teils beseitigt, teils vergrößert und durch den Wiener Kongreß zu neuem Leben erweckt worden waren?! In dem stürmischen Dränge nach einer endlichen nationalen Einigung des so lange zerrissenen und infolge seiner Zerrissenheit mißhandelten Vaterlandes waren wir nur zu geneigt, die Elemente einer gesunden Vaterlandsliebe, die auch in der Anhänglichkeit an die engere Heimat wirksam waren, zu verbannen und zu mißachten. Und wenn uns dann, sei es noch auf der Hochschule oder sei es, nachdem wir ins öffentliche Leben hinausge­treten waren, Vereine entgegentraten, die eben jene Liebe zur engeren Heimat zu pflegen und geschichtlich zu be­gründen strebten, so lag es für uns nahe, in ihnen Stützen jenes Partikularismus zu erblicken, in dem wir den Todfeind wahrer Vaterlandsliebe zu erblicken ge­wohnt waren. Das war nicht in allen Fällen ganz

ohne Schuld der Vereine der Fall. Abgesehen von der unscheinbaren Gestalt, in der viele von ihnen gleichsam wie Konventikel unter Ausschluß der Öffentlichkeit tagten, machten sie es nicht selten zu ihrer Hauptauf­gabe, den Ruhm des engeren Vaterlandes oder der Vaterstadt zu verkünden, wobei sie dann manchmal in Konflikt gerieten mit den Ergebnissen der historischen Forschung und schroffe Urteile der Geschichtsforscher von Beruf auf sich zogen, die wiederum von deren Schülern verbreitet und nicht selten auf die Tätigkeit der Geschichtsvereine im allgemeinen angewendet wurden. Gerade das erklärliche und gut gemeinte Be­streben mancher unserer tüchtigsten Lokalhistoriker, schroffe Urteile der Vertreter unserer Reichsgeschichte über Personen und Tatsachen der Partikulargeschichte richtig ;u stellen und der dabei manchmal betätigte Uebereifer, der sie über das Ziel hinausschießen ließ, hat viel dazu beigetragen, die richtige Würdigung der Bestrebungen und Leistungen unserer Geschichtsvereine lange Zeit zu verhindern. Dazu kam noch ein anderer Umstand. Die Abgrenzung der Forschungsgebiete vieler Vereine nach den im Anfänge des vorigen Jahrhunderts geschaffenen Landesgrenzen, die zum Teil im Wider­spruch standen zur kulturgeschichtlichen Entwickelunng ihrer Forschungsgebiete, hat in mehr als einer Hinsicht die wissenschaftliche Tätigkeit dieser Vereine beeinträch­tigt. Wie in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, vor der Vollendung des durch den Zollverein ange- bahnten handelspolitischen Zusammenschlusses der deut­schen Staaten, zahlreiche Zollschranken den wirtschaft­lichen Aufschwung niedergehalten hatten, so umgaben sich noch später auch hinsichtlich des geistigen Verkehrs manche dieser Staaten mit chinesischen Mauern. Ein aus dem Bereiche unseres mitteldeutschen Vereinslebens genommenes Beispiel möge diese Behauptung erklären und beweisen. Gegen das Ende der fünfziger Jahre war seitens der Leiter des Nassauischen Altertumöver- eins bei dem Frankfurter und dem Hanauischen Ge­schichtsvereine der Gedanke einer einheitlichen Ver­messung der Gelände angeregt, über welche sich die Römerstadt Nida mit ihren Gräberfeldern erstreckte. Da von den in Betracht kommenden Gemarkungen Heddernheim zu Nassau, Praunheim zu Kurhessen, zum Teil aber auch zu Frankfurt gehörte, mußte die Erlaubnis dazu seitens der Regierungen der drei Staaten erwirkt werden. Bei der Regierung in Cassel übernahm der Vorsitzende des Hanauer Geschichtöver- eins, Dr. Denker, die nötigen Schritte zu tun. Ich habe vor Jahren in den Akten des Wiesbadener 'Ver­eines das Schreiben des verdienten Mannes gelesen, tn dem er, tief beschämt, mitteilt, daß die Kurfürstliche Regierung es ablehne, ihre Erlaubnis dazu zu ertreilen, daß auf kurfürstlichem Territorium durch Ausländer Vermessungen vorgenommen würden.

Wie es unter solchen Verhältnissen mit der Be­nutzung der Archive und Bibliotheken durch Angehörige anderer deutscher Staaten bestellt war, ist ja bekannt. Die wissenschaftlich tätigen Mitglieder der Vereine, deren Sitz oft den Sammelstätten historischer Hilfs­mittel entrückt lagen, begnügten sich infolgedessen häufig, die Geschichte ihres Staates oder Territoriums wie die einer Insel im weiten Ozean zu behandeln, ohne Beziehung zur Nationalgeschichte und nur ge­legentlich Blicke über die Grenze hinüberwerfend, wenn