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Seite 134 ßi>ß^ߣß4>ߣiß^>K^ß^e^c^c^G^ Unsere Ueimat rsrsrsm G^ß^ß^ßsß^ß^ß^ßs Nr. 5/6

Ulrich von Hütten.

(Ein Heimatloser aus unserer Heimat.)

„O Jahrhundert, o Wissenschaften! Es ist eine Lust zu leben.

Die Geister regen sich!"

^>»m 21. April 1488, gerade als die Morgensonne über der Stecketburg stand, tat darin ein Knäb- Z * lern seine ersten Schreie: Dem Ritter von Hütten und seiner Ehefrau, Ottilie von Eberstein, war ein Sohn geschenkt worden. Der Vater gab ihm den Namen Ulrich, den er selbst führte, und den viele seiner weitverzweigten Sippe getragen hatten. Der kleine Junker war schwächlich und zart; aus diesem Grunde vielleicht bestimmten ihn die Eltern für den geistlichen Stand, der Überlieferung des wilden trotzigen Geschlech­tes entgegen, das lauter Kriegsleute hervorgebracht hatte. 1499 wurde er in das Stift Fulda gebracht. Als Lebensziel seines Ältesten hatte der praktische Vater wahrscheinlich das Amt eines hohen geistlichen Würden­trägers vor Augen, das der verarmten Familie von Nutzen sein konnte, während die sanfte Mutter ihr Kind im Kloster vor den Wirren der kriegerischen Zeit geschützt wähnte. Und wie ist das Planen und Hoffen der beiden betrogen worden! Das Leben, das sie in das Bett des Wohlstandes, der Ruhe, der Seßhaftig­keit und Sicherheit geleitet glaubten, es wurde Armut, Streit, Unrast und Krankheit.

Der junge Klosterschüler war ein aufgeweckter Kopf. Seine Geistesgaben machten bald den gelehrten Ritter Eitelwolf von Stein auf ihn aufmerksam. Wie der Knabe selber sich von Tag zu Tag unbefriedigter fühlte, so wurde auch dem menschenkundigen Manne klar, daß hier nicht das Holz wuchs, ein stilles Mönchlein drauö zu schnitzen. „Du wirst doch nicht dieses Genie zu Grunde richten wollen?", so beschwor er den Abt, der durch die Eltern den Sohn bedrängen ließ, die Gelübde abzulegen. Aber alle Überredungskunst prallte an des Siebzehnjährigen fester Einsicht ab, daß er zu einem andern Stande geschaffen sei als dem in Aus­sicht stehenden. Da er keinen andern Ausweg wußte, dem Zwang zu entgehen, war er schließlich zur Flucht entschlossen, und rasch wurde der Gedanke zur Tat. Eines Tages war Ulrich von Hütten verschwunden. Mit diesem Jahre 1505 begann für den Sohn unserer Heimat ein wechselvolles, leidenreiches Wanderleben, zu dem er von seiner Wesensart getrieben wurde. „Ich wohne nirgends lieber als überall, meine Heimat ist allerorten", schrieb er später einem Freunde darüber. Seinen Geburtsort bat er nur einigemal und immer für kurze Zeit wiedergesehen.

Der Flüchtling zog als fahrender Schüler zunächst nach Köln und von dort mit seinem Freunde Rubianus nach Erfurt (1506). Beide wollten die „besten Künste und Wissenscbaften" studieren. So nannte man da­mals die heute Humanismus bezeichnete, neue Geistes­richtung, die mit der griechischen und römischen Schrift­welt als Grundlage aUs sicher des Wissens dazu benutzen wollte, eine allgemein-menschliche Bildung zu vermitteln, und die der Kirche das Recht der Ober­aufsicht über die Wissenschaften absprach. In Erfurt fanden die Freunde einen Kreis von Männern, die leidenschaftliche Vertreter des Neuen waren. Die be- deutensten, Eoban Hesse und Mutianus Rufus, führten die Jünglinge in das geistige Leben des Zeitalters ein. Im selben Jahre reiste .Hütten noch weiter nach der

Hohen Schule zu Frankfurt a. O. Hier wurde ihm die Würde eines Baccalaureus verliehen. 1507 ließ er sich in Leipzig einschreiben. Die Kosten seines Stu­diums konnte er mit Unterstützungen decken, die ihm zwei wohlgesinnte Vettern und der Bischof von Lebus zukommen ließen; auch der Markgraf und spätere Kardinal Albrecht von Brandenburg soll damals schon mit für seinen Unterhalt gesorgt haben.

Von den Lehrsälen Leipzigs wanderte Hütten 1509 nach den: Norden Deutschlands; es würbe eine schlimme Fahrt. Er hatte am Ende keinen Pfennig mehr in der Tasche, mußte sich Brot erbetteln und nachts im Freien schlafen. Dazu litt er seit Jahresfrist an einer ent­setzlichen Krankheit, die ihm das Gehen oft unmöglich machte und ihn in wilde Fieber warf; bis an sein Lebensende mußte er diese Qualen ertragen. In Greifs­wald schien sich sein Los bessern zu wollen. Durch seine frühesten Dichtungen war sein Name auch schon in diese Stadt gedrungen. Er fand freundliche Auf­nahme; zwei angesehene Männer, Professor Lötz und Bürgermeister Lötz, versahen ihn mit Geld und Klei­dung und behandelten ihn als werten Gast. Das dauerte aber nicht lange. Es kam zum Bruch zwischen Hütten und seinen Gastgebern. Er verließ Greifs­wald im Winter bei strenger Kälte mit dem Ver­sprechen, seine Schuld zu bezahlen. Als nächstes Reise­ziel erwählte er sich Rostock. Doch war er noch nicht weit gekommen, qls ihn Reiter anhielten, ihm die Hellebarden auf die Brust setzen und ihm die Kleider vom Leibe rissen; sein bißchen Hab und Gut, ein paar Bücher und eigne Dichtungen, nahmen sie ihm weg. Die Räuber waren die Diener der beiden Lötze; auf ihrer Herrn Geheiß hatten sie die Schandtat aus­geführt. Wieder war der Ritter bettelarm, und in einer Rostocker Herberge streckte ihn das Fieber von neuem aufs Krankenlager. Mitfühlende Menschen nahmen sich seiner an. In der Zeit seiner Genesung verfaßte er eine zornglühende Schrift: „Sie1 Klagen gegen die Lötze", in der er seine humanistischen Freunde in ganz Deutschland bat, ihm zur Rache an den zwei Übeltätern zu verhelfen. Von Wittenberg aus, das danach für kurze Zeit sein Aufenthalt wurde, suchte Hütten wieder in Fühlung mit seinem Vater zu kommen. Der aber grollte seinem Sohne seit der Klosterflucht immer noch, hielt ihm vor, daß er „nichts" sei und! nannte seine Schriftstellerei Narrenspossen. Der Freund Rubianus, der in der Zeit Lehrer in Fulda geworden war, suchte zu vermitteln und riet ihm, er möge in die Heimat zurückkehren, sich dem väter­lichen Willen fügen und die Rechte studieren. Hütten folgte dem Rate nicht. Er wanderte durch Böhmen und Mähren der Stadt Wien zu. Seinen dortigen Freunden hatte er als Gastgabe ein Gedicht mitge­bracht, das er noch am Abend seiner Ankunft vorlas: „Ermahnung an Kaiser Marimilian zum Krieg gegen die Veneter". Wieder war es der Zorn, diesmal schon der vaterländische, der dem Ritter die Feder geführt hatte. Er forderte den Landesherrn auf, Venedig, das ihn verhöhne, mit Hilfe aller deutschen Stänrme zu bestrafen.

Um seine Studien in Italien, dem klassischen Land der Wissenschaften, zu vervollkommnen, machte er sich