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Seite i 14 ^^^^^^^^^^o^e^ Unsere Heimat ^^^-^^^<^-^<^-^-^<^7 Nr. 3/4

dem „Mögen" daheim. Nervöse Kinder aber nimmt man, wenn sie erschlaffen, einfach auö der Schule und läßt sie erst wieder neue Kräfte gewinnen. Fort mit der elterlichen Eitelkeit, die das Ermatte» nicht sehen will und vorwärts drängt auf Kosten der Gesundheit des Kindes! Alles Wachsen verlangt Warten, und das Kräutlein, das in keiner Schule fehlen darf, heißt Geduld. Habt Geduld vor allem mit den lieben — Dummen oder Wenigbegabten, wenn ihr das lieber hört! Die können wirklich nichts dafür, daß alles so schwer eingeht. Non ex quovis ligno fit Mercu- rius, d. h. auf deutsch: Aus einem Pflasterstein wird kein Butterweck, wenn man auch den ganzen Tag an

ihm herumprügelt. Es würde übrigens auf dieser Erde nicht jum Aushalten sein, wenn alle Menschen Professoren wären oder werden könnten. Nicht der Kopf, das Herz ist die Hauptsache! Ein „Erster" und ein „Letzter" aus einer kleinen Dorfschulklasse, haben im „Leben" gar bald die Plätze gewechselt. Der „Dümmste" von dazumal ist ein braver Mensch ge­worden, der seinen Eltern treulich beisteht; jener Klas- senoberste ist ein Trunkenbold, ein Tagedieb, der immer tiefer rutscht. Drum nur nicht „hitzig", wenn daö Osterzeugnis nicht nach Erwarten ausgefallen ist! Habt Geduld mit dem kleinen Volk!

Ng.

was gibfs Neues daheim?

Jubilate!" (Jauchzet!) und „Cantate!" (Singet!) rufen die Sonntage, zwischen denen diese Zeilen geschrieben werden, von den Kirchen aus ins Land hinein, und das erste Blühen, Vogelsingen stimmt ihm zu. Aber die rechte Freude ist eine gar ernste Sache, und es muß einer entweder von einer besonderen Kraft getragen, einem Hoffen aus unirdischen Quellen genährt sein oder über ein außergewöhnliches Maß von „leichtem Sinn" verfügen, wenn jener Anruf in ihm ohne weiteres ein Echo finden soll. Es ist, als ob der Tod unserer früheren Kaiserin noch einmal alles in einem aufwühlte, was man überwunden und still geworden glaubte: dies Denken und Zurückschauen in eine Zeit, über der nun das Wort „Gewesen!" geschrieben steht und durch die wir doch nun einmal fröhlich gewandert sind, nichts ahnend von dem bevorstehenden Sturz eines Volkes, unseres Volkes, in schreckliche Tiefe. Auguste Vik­toria, die dritte deutsche Kaiserin, ist in Heimatferne gestorben und hat im Tod Befreiung gefunden von der übergroßen Last eines furchtbaren Erlebens, dessen Wucht sie schuldlos mittrug und das ihr Ende beschleu­nigte. Es dürfte wenig Menschen geben, die solchem Er­leiden gegenüber auch an der Bahre der geschiedenen Dulderin gefühllos bleiben und durch irgend etwas die Menschlichkeit ausschalten lassen können. Alle, die die Verewigte wirklich gekannt, schildern sie als eine schlichte, edle Frau, die als Gattin und Mutter, Christin und Fürstin wahrhaft vorbildliche Züge gezeigt. In unserem Hessenlande, auf Wilhelmshöhe, hat sie be­sonders gern geweilt, und auch auf dem Altar der evangelischen Kirche in Schlüchtern liegt ein Geschenk von ihr, eine kostbare Bibel, in die sie mit eigener Hand Widmung und Mahnwort (Psalm 143, Vers 10) einge­schrieben. Wohl zu tun und Not zu lindern ist ihr immer ein Herzensbedürfen gewesen. Der Mund der Bosheit glaubte an ihr tadeln zu müssen, daß ihr Hauptinteresse sich den drei K: Kirche, Kindern und Küche zugewandt. Wir meinen, daß jede darin ihr gleichgesinnte deutsche Frau turmhoch über denen steht, die Frömmigkeit, Mutterpflicht und Hausfrausinn ver­spotten. Nun hat ein unheilbares, schweres Herzleiden die Leidgeschlagene auf den Heimweg gedrängt. Sie ruhe in Frieden und das ewige Licht leuchte ihr!

Die Geschichte aber wird den Tod der ehemaligen Kaiserin zusammen verzeichnen mit unseres Volkes größter Not, die immer noch nicht von allen als solche empfunden wird, obwohl nach Aussage des preußischen Ministerpräsidenten Stegerwald die Reichsregierung

um den 1. Mai 1921 einen Kampf um Leben und Tod für das deutsche Volk zu führen hat, eine Erkenntnis, die in jedem Deutschen lebendig sein müßte. Wir haben uns leider so an das Gegenteil gewöhnt, das auch das Erstaunen eines Asiaten über die „Gelassenheit" Europas uns kaum noch zusetzen wird. Vor mir liegt der Abdruck eines Schreibens eines der edelsten Männer Indiens, des „heidnischen" Dichters Rabindranath Tagore, der Europa bereist und über seine Eindrücke dabei berichtet hat. Einige Sätze möcht' ich wiedergeben:

„Ich kam von Asien und erwartete, Europa in Tränen zu sehen und eine Wüste von Kummer und Elend vorzufinden. Bei zehn Millionen Toten, die Bomben, Granatsplitter und Gewehrkugeln dahinge- rafft, fortgerissen vom heimischen Herd, auö dem Schoße der Familie, auögelöscht auf der großen Welt­bühne — was sollte ein Mensch mit Herz und Verstand da anders erwarten, als ein Europa in Trauerklei­dern, ein Europa, in dem selbst das harmlose Lächeln des Kindes als unverständige Sorglosigkeit gälte?! — Aber Europa weint nicht! Es hat abgeworfen seine Trauerkleider und sich geschmückt mit den buntesten und glänzendsten Gewändern. Seine Männer haben schon der toten Brüder vergessen, und sie bemühen sich in eigennütziger Weise, Vorteile aus dem unregel­mäßigen und ungewöhnlichen Wirtschaftsleben zu ziehen. — Und die Frauen? Sie schmücken sich mit dem Schönsten und Teuersten, äffen fremde Moden nach, werfen sich ihren Feinden an den Hals und sind von der Tanzwut befallen. — Zehn Millionen Tote, die heute Staub sind! Sind die Lebendgebliebenen nur Leute, die von selbstsüchtiger Erwerbsgier verzehrt wer­den und bloß ungezügelten Genuß kennen? Oder ist dieses Europa, das in tollem Wahnsinn um die eigene Bahre tanzt, ein Narrenhaus?"

Das sind scharfe, schwere Worte! Und es ist im Grunde kein Trost, daß der hochgebildete Heide nur Großstädte gesehen und nichts geschaut von der stillen, arbeitsamen, zukunfthoffenden Schicht, die auch Überall vorhanden ist; denn quälend springt die Frage auf: „Welcher Teil wird die Oberhand gewinnen? Der gesunde oder angefaulte?"

Doch ich sollte ja von daheim berichten! Nun, die Heimat hat i h r e n Teil am G a n z e n. — Am Morgen des Jubilate-Sonntags war Übrigens in die reiche Blü- tcnpracht draußen der Tod eingebrochen, der in den folgenden Nächten sein Zerstörungswerk fortsetzte. Ich