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Seite 112 ß^o^i^m^^^^^£^Q3G^> Unsere Heimat &c&c&t^i&c&c&c&^ Nr. 3/4

-^r eim allmächtigen Gott: Keine Macht der Erde soll mich wankend machen in der unbedingten und unbegrenzten Liebe zu meinem deutschen Volke, diesem armen, zerschundenen, gedemütigten, diesem tiefen, großen, geduldigen, edelsten, o diesem selig unseligen Volke! Wem das nicht zu liebe, sondern zu leide ist, dem sei es zu leide!

Wilhelm Stapel.

Pom gesunden und kranken Sonntag.

or vielen Jahren traf ich einmal auf der Straße von Niederzell mit einem alten jüdischen Kauf­mann zusammen, der gleich mir heimwärts strebte. Der Alte, gebeugt und gebleicht von der Last und Zahl seiner Jahre, hatte es eilig; denn es war Freitagnachmittag, und um 7 Uhr begann sein Sabbat, den er nach der strengsten Vorschrift seiner Religion zu feiern gewohnt war und seine Kinder zu halten lehrte. Ich unterhielt mich gern mit dem klugen Greis, der es in seinem Leben von wenigem Besitz zu einem sehr ansehnlichen Vermögen gebracht hatte und allgemein als ein äußerst fleißiger und für seine Person sehr ge­nügsamer Mann bekannt war. Er war etwas kurz­atmig, aber als ich ihn bat, um seiner selbst willen seine Schritte etwas zu mäßigen, bemerkte er, halb scherzend, daß daheim das Schönste, was er im Leben habe, auf ihn warte. Auf meinen verwundert fragen­den Blick antwortend, sagte er etwa folgendes: „Sehen Sie, ich bin jetzt nicht fern von den Siebenzig, und mein Leben — Sie selbst können es ja eine Strecke weit überblicken— ist viel Mühe und Arbeit gewesen. Auch an Enttäuschungen und Trauer hat's nicht ge­fehlt. Und wenn ich's nun so vor Torschluß überschaue und mich frage, was ich von ihm eigentlich an Schö­nem, Gutem, Erquickendem empfangen habe, so muß ich sagen: Im Grunde nichts als — meine Samstage! Von denen hab' ich wirklich etwas gehabt, was mir durch nichts anderes ersetzt werden kann: Ruhe, Auf­atmen, einen Blick in eine bessere Welt und einen Hauch aus ihr. An den Tagen bin ich Mensch gewesen und nicht bloß eine von den Verhältnissen und dem oft irren­den menschlichen Willen in Tätigkeit gesetzte Maschine."

Still sinnend gingen wir beide weiter. Mein Weg­genosse schien zu erraten, was in mir vorging; denn er fuhr fort: „Wissen Sie, darum halte ich alle die für töricht und bedauernswert unter Christen und Juden, die ihren Ruhetag nicht recht halten. Bei unö ist's ja auch nicht mehr so wie es sein sollte. Aber Ihr Sonntag, nichts für ungut, ist noch mehr krank als unser Samstag." Mußte ich ihm nicht recht geben? Hatte ich nicht kurz vorher einen alten Bauern sagen hören: „Ach, wenn's doch überhaupt keinen Sonntag mehr gäbe! Seit meine Kinder groß sind, ist mir's angst, wenn's Sonntag wird..."? Mir war's, als wurde ich jetzt wegen der Verschuldung meiner Brüder zur Rechenschaft gezogen. Ich war versucht, allerlei zu sagen, vorzuhalten, zu entschuldigen, zu begründen... Aber ich schwieg doch besser. Man soll an einem wahren Wort, das auf den ersten Hieb ungewollt trifft, nicht drehen und deuteln, sondern es lieber mit heimnehmen und weitergeben, wenn es an einem selbst seine Arbeit

getan. Und wer wüßte und fühlte heute nicht, daß der Sonntag unseres Volkes für breite Schichten krank, sehr krank ist? Und weil er schwer krank ist, kann er sterben. Und er ist tatsächlich für viele schon gestorben; denn tot ist er überall, wo er keine Seele mehr hat, keinen tieferen Sinn, bedeutungslos für die S e e l e des Menschen geworden ist, für die er ein Brothaus und Heilquell zugleich sein sollte. Und auch da, wo er krank ist, kann er nicht das ausrichten unter den Menschen, was ihm befohlen ist.

Unsere alten Schlüchterner Kirchenbücher, die ja bis zum Jahre 1577 zurückreichen, erzählen von einer Zeit, in der der Sonntag für unsere damals überaus leidge­schlagene, verwüstete Heimat ganz zusammengebrochen war. Es war die Zeit nach dem dreißigjährigen Kriege. Schier verkommen, in Lumpen und Stumpfheit hauste der übriggebliebene Menschenrest zwischen den Trüm­mern. Einige Jahre lang erklang keine Glocke mehr, den letzten Pfarrer, der auf dein Brandenstein einen Un­terschlupf gefunden, hatte die Pest weggerafft, die Menschen lebten dahin in dumpfem, triebhaftein Streben nach einem bißchen karger Nahrung. Nachher nannten sie diese Zeit eine schreckliche. Aber als daö erste wirk­liche Leben, der erste Keim eines Gemeindelebens sich wieder regte, setzte man alles, was man an Lichtsehnsucht noch besaß, daran, die „zwei Säulen würdigen Men­schenlebens wieder aufzurichten, die gestürzt waren", wie einer der ersten Geistlichen in der Zeit jenes Wieder­aufbaus niederschrieb. Und diese beiden Säulen waren die Ehe und — der Sonntag. — Es gibt aber auch einen Stumpfsinn, der gedeiht mitten zwischen soge­nanntem Reichtum und außerordentlicher Betriebsamkeit, fernab von allem geistigen Entbehren, und achtet doch der Quellen und Leitungen währen Lebens und Lichtes nicht. Und auch dann wird der Sonntag seelenlos. Ja, man kann unter einem seelisch stumpfen und dummen Geschlecht sogar durch gesetzliche Maßnahmen alle Arbeit von ihm verbannen, und er wird zu einem Tag, der die Menschen quält und narrt, weil er — krank ist. Dann erquickt er nicht, sondern macht müde und ver­drossen. Dann verbindet er nicht die Familienglieder zu trauter, herzlicher Gemeinschaft, sondern reißt sie erst recht auseinander. Dann ist er nicht mehr eine „Spar­kasse der Menschheit", sondern ein Tag, der verschleu­dern hilft, was schwere Alltagsarbeit erworben. Die schwerste Folge seiner Entartung aber ist, daß ihm jener Blick in die bessere Welt fehlt, jenes Atemholen in Ewigkeitöluft, — das die Seele des Menschen unbedingt braucht, wenn sie nicht verkommen soll in der Welt des Vergehenden, die gierig nach ihr greift. Für dieses Steigen auf die Berge, von denen ihre Hilfe