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Seite 98 c^^c^^^^c^^s^r^^^ Unsere Heimat ^^^^r^^^^^^ß^^

Menge vonvaterländischgesinnten" Erzeugern der lie­ben deutschen Heimat ihre Ueberschüsse lieber hinten herum ach nein, jetzt ganz offen an die zu wu- cherpreisezahlenden Schlemmer in Stadt und Land lie­fern als zu den auch nicht niedrigen Preisen an die Verteilungsstellen, die es an denNächsten" zur Stil­lung des Hungers geben sollen. (Wer ist denn über­haupt unserNächster"?) daß dabei die Markvaluta wieder berunterging, das ließ sich nicht vermeiden; dabei, wirken doch andere Umstände auch tüchtig mit; immer sollenwir's" gewesen sein! Vielleicht ist's ja überhaupt um uns nicht so schlimm bestellt, wie's uns gemacht worden ist. Schon gehen die Preise zurück; schon leben wir ein bißchen besser und können uns sogar hier und da ein Stückchen Butterbrot leisten. Die Züge laufen regelmäßig ein und aus und die Eisenbahn- und Postdiebstähle haben abgenommen. Bei uns gibt's keine Arbeitslosigkeit und kein planmäßiges Nichtstun; wir zahlen keine Arbeitslosenunterstützungen und können unsere Beiträge zu Sammlungen für Notleidende leisten. Wir fangen an, hohe Steuern zu zahlen und schimpfen nicht schlimmer darüber mie früher auch. Vielleicht dürfen wir auch noch unser Papiergeld, das uns frei­lich im Tischkasten keine Zinsen bringt, behalten, und die Franzosen hätten dann das Nachsehen!

Mit solchen Gedanken gehen viele dem Frühling, der gnadenbringenden Osterzeit entgegen und hoffen auf den V ö l k e r f r i e d e n von der Feinde Gnaden oder Ungnaden. Nach dem wollen wir erst recht zu- fassen und schaffen und das schreckliche Erleben hinter uns lassen, als wär's ein böser Traum gewesen. Gebt acht, was das für ein Leben wird, wenn jetzt derM a i n- Weser-Kanal" von Hanau herauf durch das Kin- zigtal bis Schlüchtern, durch den Distelrasen hinüber in's Fuldatal gegraben wird, wenn dann vielleicht in 50 Jahren die mit Gütern beladenen Kähne zum Greifen nahe an unserer Kreisstadt, an unseren Dör­fern vorüberfahren. Teuer wird dieser Bau werden, 5 Millionen Mark soll t km kosten; aber das Geld muß doch da sein, erst recht die Menschen, die nach Arbeit suchen, sonst würden solche Pläne jetzt nicht gemacht werden. Und wenn erst mal wieder Alle in's Schaffen gekommen sind, dann vergehen den Umstürz­lern die Tollheiten. Dann werden auch diese vielen Wahlversammlungen und Wahlaufrufe aufhören, in denen unsere dummen Deutschen sich gegenseitig so herunterreißen, daß kein Hund ein Stück Brot von ihnen nehmen möchte. Ja, man soll uns in Ruhe lassen, damit jeder für sich leben kann wie er will. Wir wollen arbeiten, Geld verdienen, für unsere Kinder gesicherte Stellungen schaffen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen wie's früher war.

Ja, wenn das möglich wäre? Ob's auch wünschens­wert ist? Ob das der ganze Inhalt unseres Glückes sein würde? Wer weiter sehen kann, sieht das S ch l i m m st e noch summen. Auch der denkbar friedlichste Verlauf der Ereignisse in den kom­menden Jahren wird uns und unseren Nachkommen Armut bringen. Keine Partei und keine Regierung, auch wenn sie noch so fromm und tüchtig und patriotisch wäre, kann uns vor diesem Schicksal retten. Aber ist denn das das größte Unglück, Armut und Ent­behrung zu tragen? Wenn dieser Leidensweg uns endlich die rechte Einsicht bringt und uns innnerlich fördert und bessert, dann soll er uns willkommen sein. Wenn jeder Einzelne im Volke vom Entbehren erfaßt und auf den Weg des r e d l i cb e n Erwerbs gestellt

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wird, wenn er seine Weggenossen als gleichwertige Brüder an der Arbeit f ü r's V o l k s g a n z e ach­tet und liebt, so wollen wir gerne diesen Leidensweg gehen im sicheren Bewußtsein, daß an seinem Ende die herrlichsten Ziele stehen: Die wirkliche, innerliche V o l k s e inh e i t, die wir zurherrlichen, großen Zeit" noch nicht hatten: DieGüter der Wohlfahrt und Gesittung", den Willen zu opfern und zu dienen, da­mit das Ganze lebe!

Immer noch Wohnungsnot tn Stadt und Land! Wer ein eigenes Dach hat, darf sich als ein Günstling des Schicksals fühlen. Er hat ein Heim! Es wäre nicht das Schlimmste, wenn ein Diktator käme, der nicht nur äußerlichOrdnung" schaffen würde, sondern der jeden Hausbesitzer zwingen könnte, wenig­stens 4 Wochen lang mit Kind und Kegel in einer Drei­zimmerwohnung das Verzichten aus Behagen und unge­trübtes Familienglück zu lernen; Wand an Wand, ge- meinschaftlichen Hausflur mit den Hunderttausenden tuberkulöser Kinder, die nicht mehr ein Hemd ihr eigen nennen. Das so gewonnene Selbsterleben würde gewiß bald dasMieteinigungsamt" überflüssig machen, das doch die bestgehaßte Behörde der Gegenwart ist, mehr gehaßt wie die strammste Steuerbehörde, weil sie das Behagen stört, um die Heimatlosen auch nur notdürftig unterzubringen. Es ist verrückt, von einem Nachwuchsnationale Gesinnung" zu erwarten, der noch nicht einmal das kleinste Heim hat. Wer nicht die kleinste Heimat hat, wird nie ein Vaterland haben! Wer arbeitet mit an diesem Heimat- dienst?

Widerwärtig ist es, daß auch heute noch das A u s - schreien der Schuld des lieben Nächsten an unserem Unglück obenan steht. Am schlimmten von denen, die am wenigsten Bescheid wissen. Ob du vier­ter oder dritter oder zweiter Klasse fährst, du kannst es jeden Tag hören:Dasind nur die und die Schur­ken, Verbrecher, Hohen, Gesindel, Großstädter, Bauern, Arbeiter, Fabrikherrn, Juden und Christen schuld. Oft ist's der Schieber selbst, der, um unverdächtig zu er- scheinen, mit gut gespielter sittlicher Entrüstung ruft: Haltet den Dieb!" Keine Spur von Ein­sicht eigener Schuld! So lange nicht diese Einsicht kommt, so lange auch dieses Pharisäertum die Unwissenden und Urteilslosen zum Werkzeug eigenen Machthungers benutzt, so lange ist auch keine Möglich­keit der Einigung der zersplitterten Kräfte und damit der Rettung aus tiefster Not gegeben.

Unser Kreisstadt ist von der Auflösung un­serer Lehrerbildungsanstalt bedroht. Das bedeutet für uns einen Ausfall von Einnahmen, die sich wohl auf jährlich 150000 Mark beziffern und auf vielen Wegen hauptsächlich der Landwirtschaft, dem Hand­werk und dem Handel zufließen. Und auch das- ge­samte geistige Leben wird durch den Ausfall der hier seit fast einem Jahrhundert geleisteten Bildungs- und Erziehungsarbeit einen sehr fühlbaren Schaden erleiden. Kein Wunder, wenn sich Stimmen melden, die ein Vorgehen maßgebender Stellen fordern, daß die Auf­lösung vermieden werde. Doch werden voraussichtlich solche Bemühungen ohne Erfolg bleiben, weil die ge­plante Schulreform vor den zufälligen Schädigungen, die durch fie für fast alle Seminarorte herbeigeführt werden, nicht Halt machen wird. Mögen die Ver­treter der Interessen unserer Stadt beizeiten auf Mittel und Wege sinnen, Ersatz für den drohenden Verlust zu finden.