Seite 42 L^c^^^^c^^L^-^^^7^ Unsere ksSimal <^^<^^<^^^<^c^<^<?^^ Nr. 5/6
einen freien Raum lassen; Nase, Bart und Mund stecken ganz in der gestrickten Maske, Zehn Minuten lang waschen sie sich die Hände, und nun streifen sie erst die sterilisierten Gummihandschuhe darüber. Jedes Instrument, die Watte, jede Binde hat in hochgespanntem Dampf gelegen, so daß alle giftigen Reime vernichtet sind. Die Schwester auch ganz in Weiß, reicht die Instrumente mit einer Zange. Es ist ja keine Vorsicht zu groß, u m ei n Men- schenleben zu retten.
Welche große Kluft liegt in diesen beiden Bildern bezüglich der Bewertung des Menschenlebens! Und wie wertet die Welt der „Denkenden" dies unsicherste und zugleich „höchste" Erdengut, für das sie sonst alles hinzugeben pflegt, überhaupt? Wer dem nach- geht, gewahrt einen ungeheuerlichen Wirrwarr. Da will der eine lieber in Schande leben, als bewundert sterben, «teil ihm ein schlechtes Leben besser als ein schöner Tod erscheint. Euripides reicht in solcher Gesinnung Leuten die Hände, die heute leben. Galderon ist's ein Traum, Jean Paul ein langer, langer Seufzer vor dem Ausgehen des Atems, Herder ein Traum, Goethe eine beschwerliche Wallfahrt und trügliches Gut, ja böse Krankheit, Schiller ein Schatten, der vorüberstreicht, Klopstock ein Schlaf, aus dem ein letzter uns aufweckt, Heine eine Krankheit, weil die Welt ein Lazarett, Hebbel der auf- tzuckende Schmerz einer Wunde, Börne ein ABC Buch mit ein bißchen Goldschaum am Einbande, Grillparzer ein kurzes Leiden, Jesus Sirach ein elend, jämmerlich Ding, Julius Hammer eine zu bewältigende Arbeit, Eichendorff ein wildes Rotz, dessen Hufe Funken geben, und so fort. Und zwar sind dies alles Leute, die das zeitliche Leben gekannt, geliebt, in seinen Tiefen und Höhen beschritten und, wie man zu sagen pflegt, genossen haben. Bei denen um Schopenhauer, Buddha, E. v. Hartmann wollen wir lieber gar nicht anfragen; denn die dort gewonnene Erkenntnis schmeckt gallenbitter. Da ist's gut, wenn einem solch ein rheinischer Bandweber vom Schlage Tersteegens in den Weg kommt. Das ist auch keiner, der das zeitliche Leben überschätzt; aber er singt beim Marsch durch Staub und Stein trotz allem Sonnenbrand und Wettersturm, sicher schreitend, ein gar getrost' Liedlein:
„Kommt, Kinder, laßt uns gehen, der Abend kommt herbei;
es ist gefährlich stehen in dieser Wüstenei. Kommt, stärket euren Mut, zur Ewigkeit zu wandern, von einer Kraft zur andern; es ist das Ende gut".
Wir merken also, daß die um Jesus auch keinen sehr viel höheren Kurs für das zeitliche Leben, die Spanne zwischen Geburt und Grab, notieren. Wieder andere, deren Leben eigentlich nichts ist, als Essen und Trinken, Putz und Tand, Glut der Sinne, Sport und Verein, Politik und Geld, hängen ihr Herz dran und geben Vermögen für seine Erhaltung. Jesus bangte auch vor dem Tode, und Paulus kämpfte um sein Leben. Eine kannte ich, deren Leben war Arbeit, morgens frisch, abends sehr müde! So gings 68 Jahre lang. Dann ist sie todmüde eingeschlafen, ohne einen Blick zurückzutun. Es gibt Menschen, die werfen das zeitliche Leben verzweifelt lachend weg, andere verzweifelt weinend. Andere klammern sich dran als an ihr „Ein und Alles". Zahllose Märtyrer gingen jauchzend aus dem Leben, unsere unvergeßlichen jugendfrischen Kriegsfreiwilligen zogen hell singend dem Tod entgegen. Jeder anders, jeder anders! Und doch sind's nur zwei große Gruppen. Die eine zieht einer Fahne nach, auf der geschrieben steht: „Hier daheim!" Die anderen: „Droben, drüben daheim!" Sag, wie ist das zeitliche Leben zu werten in diesem Massensterben? Mich dünkt, es ist ein ehrlich geliehenes Kapital, mit dem der Mensch-etwas Rechtschaffenes anfangen soll. Schätze es nicht zu hoch ein; denn es ist der unsicherste, allzeit stark bedrohte „Besitz" auf Erden! Unterschätze es auch nicht; denn es ist dir gegeben, daß du auf dem Weg die Verbindung mit ewigem, nicht endendem Leben suchen und finden sollst! Auf jeden Fall lerne, dich nicht zu fürchten, es zu verlassen, wenn's sein soll. Es ist Einer, der ist ewig und an allen Enden, und wir in Seinen Händen ! Du auch, ob du willst oder nicht willst! Jeder Sonnenstrahl ist ein zielbewußter Gedanke von ihm. Du bist mehr. Wirf dich nicht weg!
Flg-
Heimatchromk.!
eute, am 7. Juni des Revolutionsjahres 1920, brennen in den Oefchrn manches alten Mütterchens wie in denen von „Stillsitzern" aus Beruf manche, wenn auch noch so schwache Feuerchen, während draußen die „Frierkatzen" in Ueberziehern und Mänteln zu sehen sind. Und so was nennt sich Sommer! Aber unter das Schelten und die Angst- rufe der Schwarzseher aus Kälte und Trockenheit mischen sich doch auch schüchterne Trostworte der Optimisten, die wissen oder meinen, daß das „Geplänz" durch die Kälte zurückgehalten und dadurch kräftiger werde. Die letzteren sehen überhaupt viele reich- tragende Obstbäume und erfreuen sich, auch wenn sie selbst weder Ar noch Halm besitzen, am fetten Eraswuchs wie an den wogenden Getreidefeldern; sie sehen die immer noch nicht ausgegangene Grund-
feuchtigkeit, während die anderen schon prophezeien, daß alles „vertröckelt" und daß kein „Grüps" an den Obstbäumen davonkommt. „Wie's auch geht, es wird doch alles nichts nutz! In Riederhessen, da hatten sie Regen genug, bloß im Werratal, da schlug der Hagel alles, aber auch alles entzwei; und weiter hinunter verschlang das Hochwasser die ganze schöne Erntehoffnung. Und was für Brot müssen wir jetzt essen! Bohnen, Erbsen und was für Dreck sonst drin ist man kriegt schon Leibschmerzen, wenn man nur hineinbeißt! Wie soll's überhaupt werden, wenn das Schöppchen Apfelwein auf 2 Mark kommt, und wenn so eine Zigarette, die in fünf Minuten ausgeblasen ist, 1 Mark kostet! Ja, vor dem Krieg ob das mal wiederkommt? Ist so ein Leben überhaupt lebenswert?"