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Seite 34 c^<^c^c^c^m^<^c^c^cy<^3 Unsere

Heimat ^^^^^^c^cw^^^^

Nr. 3/4

mich wegen seines Stoffes sehr, und ich würde es gern für den Salon annehmen, wenn der Verfasser mir erlauben wollte, hier und dort zu kürzen. Sie haben dem Artikel einen so geistreichen Schluß ge­geben, daß ich Ihnen dankbar sein würde, wenn sie ihm auch zu dem fehlenden Kopfe verhelfen würden. Ich glaube, daß es nicht uninteressant wäre, zu An­fang etwas über den Verfasser selbst zu sagen, wann er in das Haus der Baciocchi gekommen, wie lang er dort geblieben.... Lotich kam den Wünschen Rodenbergs nach, aber er wartete vergeblich auf den Druck seiner Arbeit. Rodenberg entschuldigte sich im Juli 1870 mit der großen Menge älterer Ver­pflichtungen und versprach bestimmt den Abdruck für September und Oktober. „Uebrigens wird ja nicht bis dahin Napoleon sein erit machen und täte er es, so würde ein Artikel wie der Ihrige nur noch interessanter werden..." Trotz dieser Zusage er­folgte der Druck nicht, auch nicht die Rücksendung des Manuskripts. „Das war die letzte der mancher­lei literarischen Enttäuschungen, die Lotich erlebt hatte. Gutzkow, dem er die böse Erfahrung, die er mit seinem „Freunde" Rodenberg gemacht hatte, mit- teilte, schrieb ihm (Mai 1872): Lieber theurer Freund! Mit warem Anteil erfüllt mich Ihr körper­liches Befinden. Ich wünsche von Herzen, daß eine baldige vollkommene Besserung eintreten möge. Als der Krieg ausbrach, gedachte ich oft Ihrer Napo- leoniden, deren Schicksal damals kein anderes sein konnte als bei Seite gelegt zu werden. Ob Ihnen Rodenberg darüber sein Bedauern ausgedrückt, ob er jetzt den Zeitpunkt für gekommen hält, das Ver­säumte nachzuholen, ich weiß es nicht. Ich fand in ihm oei näherem Umgang eine charakter- und treu­lose Natur, eitel und zur Eliquenmacherei gestimmt. Darüber bin ich mit ihm so auseinander, daß ich ihn kaum auf der Straße grüßen würde. Aber er muß Ihnen doch selbst Rede stehen. Wenden Sie sich an seinen Verleger Buchhändler Paper in Leipzig......"

Den Briefwechsel mit Gutzkow führte Lotich be­reits als ein schwerkranker, gebrochener Mann. Des Freundes Wunsch auf baldige Genesung ging nicht in Erfüllung. Am 18. Oktober 1872 starb Lotich, einsam und in Dürftigkeit. Auf dem alten Fried­hof in Schlüchtern wurde er begraben. Eine schlichte Marmortafel kennzeichnet sein Grab, das neben dem des Seminardirektor Stamm liegt. Zu seinen Erben hatte er die Kinder seines vor ihm verstorbenen Bru­ders eingesetzt. Diese schlugen in der Annahme einer Ueberschuldung die Erbschaft aus. Leider befand sich damals niemand in Schlüchtern, der die einfachen Bürgerfamilien angehörenden Erben über den Wert der Lotich'schen Bücherschätze aufklären konnte oder wollte. So wurde das Gericht Testamentsvoll­strecker. Die Bibliothek wurde katalogisiert und- aus­geboten. Antiquare kamen und kauften sie. Ob für ein paar hundert oder tausend Gulden, jedenfalls war es ein Spottpreis, der für eine Sammlung, die in bezug auf älteste italienische Druckwerke kaum ihresgleichen in Deutschland hatte, gelöst wurde. Buchhändler Elwert von Marburg, einer der Käu­fer, hat später, so oft die Rede auf Schlüchtern und seine Umgebung kam, gern erzählt von dem guten Geschäft, das er damals in Herolz gemacht hatte. Trotz mancherlei Verluste, die die Bibliothek zu Leb­zeiten des Besitzers, nicht durch Verkauf aber durch

Verleihen, erlitten hatte, wurden veräußert: 2534 italienische, 789 lateinische und griechische, 239 fran­zösische und englische, 84 russische und polnische Werke, 29 Kupferstichsammlungen ic. Darunter befanden sich 130 Aldinen (Druckwerke aus der Offizin der Buch­druckerfamilie Manutius zu Venedig, 15. und 16. Jahrhundert). Die Aldinen gelten als die schönsten Produkte der älteren Buchdruckerkunst. Da von Aldus Manutius 130 Werke gedruckt worden sind, scheint die Lotich'sche Aldinensammlung vollständig oder doch ziemlich vollständig gewesen zu sein. 79 Giuntinen (Werke der Florenzer Buchdruckerfamilie Giunta, 15. und 16. Jahrhundert), eine große An­zahl Bodonischer Drucke (Bodoni der vorzüglichste italienische Drucker des 18. Jahrhunderts.)

O. Hartwich hat im „Neuen Reich", Wochenschrift für das Leben des deutschen Volkes, 1873 unter der Ueberschrift: „Eine seltene Bibliothek; deutsches Er­zieherleben in der Fremde" — über die Bibliothek und ihren einstigen Besitzer berichtet. Ich vermute, daß Hartwich im gerichtlichen Auftrag die Katalo­gisierung vorgenommen hatte. Er schreibt unter an­derem: Bei flüchtiger Durchsicht der aufgespeicherten Schätze stieß ich auf ein prachtvoll erhaltenes Erem- plar der ältesten Sammlung der Predigten Savona- rola's, auf die Werke des Giovanni Battista Giroldi Cinthio, darunter die nach Gamba sehr seltene Aus­gabe der Hekatommitti von 1564, das theatrum morum mit Kupfern von Sadeler. Einzelne Aus­gaben seltenster Werke, die ich hier sah, waren nicht einmal bei Brunet (französischer Bibliograph) ver­zeichnet, von einer Menge kleiner Drucke weniger be- kanter italienischer Dichter und Prosaisten ganz ab­gesehen.

Man möchte fragen, warum hat Lotich nicht zu seinen Lebzeiten über diese Schätze verfügt, die er mit viel Mühe, Liebe und Geldaufwand zusammen­gebracht hatte, deren Wert er kannte und von denen er sich sagen mußte, daß sie nach seinem Tod- in alle Winde verfliegen würden? In seinem Testament trifft er Bestimmungen über nichtige Kleinigkeiten, das Große, Wertvolle berührt er mit keinem Wort. Es gehört das auch zu dem mancherlei Rätselvollen, das sein ganzes Leben uns bietet. Freilich, was Hart­wich unbegreiflich war, „wie der hochbegabte Mann, der so viele Jahre in der Welt gelebt und den Um­gang der bedeutendsten Männer seiner Zeit genos­sen, zu einem gewöhnlichen Bauer herabsinken konnte", ist für uns kein Rätsel mehr. Wir haben die Lösung in seiner großen Heimatliebe. Mag das, was Lotich einst als Journalist und Schriftsteller geleistet hat, der Vergessenheit anheimfallen, was er in tätiger Heimatliebe getan und geschrieben hat,, bios wollen wir festhalten. Neben Petrus Lotichius dem Abte und Petrus Lotichius-Secundus dem Dich­ter soll der letzte Träger des Lotich'schen Namens in unserem Heimatkreis, Philipp Leonhard Marius Lotich der Bauer, in unserem dankbaren Gedächtnis eine Stelle haben. —

Ein bißchen Güte von Mensch zu Mensch ist besser als alle Liebe zur Menschheit Dehmel.