Seite 216 -^i^<^^^^^^sxI^7<?v^7 Unsere Heimat ^^^^^^i?»^^^^^ Nr. 11/12
kxeimalchronlk.
>^^^ eihnachtshoffnung und Heiligabendfreude im I ^/Winter 1919? Der Rückblick auf all das, was in diesem Jahr im deutschen Volk und im deutschen Land sich abgespielt hat, wird wohl eine rechte Freude nicht aufkommen lassen. Oder sind wir in der engeren Heimat unberührt geblieben von diesem Geschehen? Freilich, es scheint oft, als blieben wir in den Gefühlen der tausend kleinen Schmerzen oder auch nur Unbequemlichkeiten stecken und kämen gar nicht dazu, am Erleben des wirklichen Unglücks teilzunehmen. Um 10 Uhr wird uns das elektrische Licht abgedreht, und da soll in manchen Stübchen erst die rechte Arbeit in Fluß kommen, weil die Einsamkeit und Stimmung dazu nicht eher zu haben waren. Das Oellicht ist wirklich schlechter Ersatz, und die Kerze ist zu teuer und rußt. Dort wieder nur eine notdürftig geheizte Stube, ein unbequemes Zusammenleben in der kleinen Küche, Unbehagen in allen Räumen des Hauses. Immer noch keine Deckung des Kartoffelbedarfs für den Winter, der uns diesmal so früh aufgeschreckt hat, ehe Die Reste der Ernte eingebracht waren und die ^Herbstbestellung beendigt werden konnte. Woher sollen wir das Geld zu dem Konfirmationsanzug und zu neuen Schuhen nehmen? Wohin verstecken wir unser Geld, damit wir an der Besteuerung vorüberkommen? Wie wollen wir Ersatz finden für unser Dienstmäv- chen, dem wir keinen Monatslohn von 100 Mark bezahlen können? Dann doch die größeren Sorgen: Werden wir unsere Gefangenen, Die in schmachvoller Behandlung durch die „ritterliche Nation" Unsägliches erdulden, heil wiedererhalten, unsere Lieben, die sich in qualvoller Sehnsucht verzehren, die vergiftet von der Lüge ihrer Quäler, die Heimat selbst habe sie ausgestohen und verwehre ihnen die Heimkehr zu Vater und Mutter, zu Weib und Kind, und die der Heimat zürnen und sie an- klagen. Wo finden wir Arbeit für unsere schulent
lassenen Kinder, die darauf angewiesen sind, sich selbst zu ernähren, für die heimgekehrten Gefangenen, die nach langem Leiden geheilten verwundeten Krieger? Undendlichdieallgemeine Not: Wohin Du auch siehst, da ist kein Hoffnungsstern: Diebstahl und Raubmord, Wucher und sinnlose Vergeudung, Flitter und Tand, Gleichgültigkeit und Leichtsinn, roher Sinnengenuß und Schamlosigkeit, Pflichtvergessenheit und Bestechung — so liegt vor uns ein mit Schwären bedeckter Volkskörper, Der Ekel und Grauen vor sich selbst empfindet und Daran verzweifelt, ob seine Genesung noch möglich sei. Dazu das immerwährend drohende Gespenst der Hungersnot und des Bürgerkrieges und die Erkenntnis, daß Leibes- und Seelennot noch lange nicht auf ihrem Wege den Höhepunkt erreicht haben. Wohl allen, deren Teil die Arbeit ist, die Betätigung, die alle Kräfte des Leibes und der Seele für sich in Anspruch nimmt und den Menschen gebietet, keinen Augenblick zu rasten. Dann regen sich auch in Den Zeiten der Entbehrung doch die Hände, die den Gefangenen unserer engeren 'Heimat Gaben der Liebe als Weihnachtsgruß senden; die Empfänger werden es empfinden, daß diese Gaben nirgends dem Ueber- fluß entstammen, daß wir vielmehr ihnen bezeugen möchten, daß wir an ihrem Entbehren teilhaben wollen. Die meisten von uns haben sich das Schenken unter dem Christbaum schon längst abgewöhnen müssen, weil bei ihnen die Armut durchls Fenster grinst oder gar schon die Schwelle überschritten hat. Denn je besser die Geschäfte der Verdiener gehen, desto höher steigt der Mangel, aber auch die Fähigkeit des Entbehrenkönnens bei den Unzähligen, Die ihr Einkommen nicht erhöhen können und denen der Streik nicht als Waffe dient. Was sollen, was können wir denn auch noch schenken? Wie groß war früher die Qual der Wahl unter den vielen unnöti- tigen Dingen, die der zu Beschenkende schon besaß! Und heute ist die Bezahlung der billigsten Dinge für die meisten Menschen nicht möglich. Wer aber spendet, der vergesse bei der Wahl des Geschenks den inneren Menschen nicht, der auch hungert uno dürstet. Ein gutes Buch wird heute noch mehr als früher Freund, Helfer und Tröster für den Beschenkten werden können. Und wen der Massenbücher- schund mit seiner betörenden, äußeren Aufmachung zu täuschen droht, der hole sich Rat im Heimatbund- „Stübchen", damit nicht Gift zwischen den Blättern des geschenkten Buches in das Haus des Freunoes getragen werde.
Gern möchte in dieser Zeit der inneren Not der Heimatbund selber sich auf den Weg machen, um die abseits wohnenden Freunde zu beschenken. Viele verlangen nach Aussprache, nach tröstendem und helfendem Wort. Trotz Bahnsperre und Kohlennot, trotz Kälte und Teurung, die die Arbeit der Leiter des Heimatbundes behindern, möchten diese ihre letzte verfügbare Kraft in den Dienst der Heimat stellen und so wenigstens im engsten Kreise dem Wiederaufbau des Vaterlandes dienen. Wir sind auch der Meinung, daß dazu nicht glänzende Reden und eine vielseitig besetzte „Tagesordnung" gehören, sondern es sollte geholfen werden zu einem klaren Erkennen dessen, was jetzt nottut, zu einem starken redlichen Wollen, alle Selbstsucht abzuschütteln und mit dem Geschicke als einem wohlmeinenden,