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Seite 208 ^^c^^^^^^^c^t?«^ Unsere Heimat L^^^M^-^^c^L^^7-^7Lkv Nr. 9/10

Wunderdoktor der Reußedorfer Schmied großen Zu­spruch.

Die alte Bürger: Mein Konrad war sehr schwäch­lich als er noch klein war. Er war ganz gelb, sogar das Weiße in den Augen war ihm gelb, und in oen Gliedern hatte ers so sehr, daß er nicht laufen konnte. Das nennt man jetzt die englische Krankheit. Da­mals wurde es die abgesetzten Glieder genannt. Wir brauchten, es half aber nichts. Endlich ward uns gesagt, der Reußedorfer Schmied könne dafür, und wir beschlossen, es koste was es wolle, zu ihm zu machen. Wir mieteten einen Gaul. Mein Alter fetzte sich mit dem Kinde darauf. Ich ging neben her zu Fuß. Das war gleich nach Herrnhimmelfahrt. Bei uns sah noch alles winterlich aus. Als wir auf das Dammersseld kamen, sahen wir den Klee und Die Wicken schon handlang stehen, worüber ich mich nicht genug wundern konnte, indem ich doch gehört hatte, da droben bliebe der Schnee, bis er in der Sommer­hitze schwarz wird. Der Mann war zu Haus. Nach­dem wir unser Anliegen vorgebracht, nahm er ein Stück Papier, machte einen Kreis darauf und schrieb unsere Namen hinein, legte diesen Brief in 8 Ecken und flickte ihn mit einem Zwirnsfaden so zu, oaß man kein Papier mehr sah. Diesen Brief behielt er, uns aber gab er ein rotes Pulver. Das sollte ich in Butter kneten und damit alle die Gelenke des Kindes einschmieren, abends und morgens. Ich hatte es noch nicht 10 Tage getan, als auch mein Junge schon wieder laufen konnte. Der Mann, der nie etwas für seine Kuren forderte, war bei mir selbst so gut zu sagen, daß er nichts haben wollte.

Er trieb es nicht so stark wie sein Vater, der nich viel gescheiter und berühmter gewesen sein soll, uno bei dem her Zulauf so stark war, daß die Doktor und die Feldscherer (Wundärzte) eifersüchtig auf ihn wurden. Sie brachten es in Fuld dahin, daß er, sofern er nicht seine Kuren einstellte, hart bestraft werden sollte. Da der Reußedörfer Schmied sich nicht viel an das Verbot der Fulder Herrschaft kehrte, so wurden die Husaren, die bewaffnete Macht des Fürst­bischofs, gegen ihn geschickt, daß sie ihn nach Fulda brächten. Er empfing sie sehr freundlich, hieß sie Platz nehmen, tischte ihnen auf, unterhielt sie aufs angenehmste. Als sie sich nun recht satt gegessen, sagte er:Nun, meine Herrn, wollen wir uns auf den Weg machen." Die Husaren wollten sich oaher erheben. Allein o Wunder! sie konnten nicht auf, sie mochten machen, was sie wollten, sie konnten nicht aufstehen. Nun baten sie, er möge sie doch nur los lassen. Er ließ sie eine gute Weile zappeln, dann aber, nachdem sie ihm alle heilig in die Hand hin­ein versprochen hatten, ihn förderhin ungeschoren zu lassen, ließ er sie ziehen.

Un dos is ganz gewiß wahr, dos Hot m'r mei Eller gor villemol verzehlt.

Ich schließe dieses volkskundlich interessante Kapitel ab mit der Schilderung eines Besuchs, den Lotich im Dezember 1852 der Mottgerser Meistersfrau (Witwe des berühmten HeXenmeisters) abstattete.

Diese Schilderung ist ein Kabinetstück Lotich'scher Erzählungskunst.

--- Ein noch junges Pferd ist mir blind und daher auch sehr feil geworden. Unter den Kauf­lustigen befindet sich horribile Dicht die Mott- !gerser Meistersfrau. Sollte es mir gefallen, ließ sie mir sagen, den Blinden auf eine Kuh zu ver­

handeln, so möchte ich mich gefälligst zu ihr bemühen und diese in Augenschein nehmen. Ein Spaziergang bei gelinder Kälte und trockenem Wege schien mir angenehm, sogar nicht ohne Reiz, weil ich bei dieser Gelegenheit einen Ort kennen lernte, von dem so oft auf dem Blocksberg gesprochen werden mag, uno dem die Raben unserer Gegend zum großen Teil die fettige Schönheit ihres glänzenden Gefieders zu ver­danken haben. Diese Vögel, wie sehr sie mit oem düsteren Anstrich unserer Winterlandschaft im Ein­klang stehen, ja das Fatale desselben noch lebhafter empfinden machen, ergötzen nicht selten das Kindische und Kindliche im Gemüt, etwa so wie es die Eis­blumen an unseren zugefrorenen Fenstern tun. Da­her auf der Sterbfritzer Höhe angelangt und dem kalten Angesicht des Schwarzenfelser Schloßbergs be­gegnend, sah ich mich nach den Raben um, welche auf ihrem Fluge aus dem Kinzigtal in das der Sinn und aus diesem in jenes diese Höhe zu beleben pflegen. Aber des Cinthius Raben und die der Sinn waren zur Zeit alle bei Tisch drunten am Abhang des Berges, am Anger, über welchem die einsame Mottgerser Meistershütte steht.

Ein edler Transilvaner, der oft und prächtig die Front abgaloppiert hatte in seines Kaisers Landen und durch bizarre Fügungen auch im Baiernland, stolperte am Fuß der Rhön und tat sich so weh, daß er von seinem Obersten ich glaube zu Rothenrain im Stich mußte gelassen werden. Zur selben Zeit (Herbst 1850) verhüllte sich beim Hintertreffen auf dem Reitherfeld ein süperber bayrischer Fuchs, der einst auf der Theresienwiese seinesgleichen suchte, und mußte ebenfalls ausrangiert werden. Beide Un­glückliche, vielleicht Attila und Bayard genannt, Leidensgenossen des Schimmels von Bronzell, ge­rieten zu vörderst und nach der Hand mehrmals in die Hände der Hebräer von Heubach, von Sterbfritz und Birstein. Ich sah sie einmal zusammen unter dem verwegenen Sporn der Jünglinge des Sterb­fritzer langen David bei meinem Hause vorbei oen Hohlweg hinaufjagen, und da konnte man zwischen ihren Rippen lesen, was sie einmal waren gewesen. Als entschiedener Erohdeutscher und dann auch als Mensch bedauerte ich sie sehr. Als Mensch, ich ge­stehe es, ersteren mehr als den anderen, weil Die Kameraden des letzteren, des Bayard, unseren Hafer aufgefressen haben, ohne daß bis auf diese Stunde von einer Vergütung die Rede gewesen ist 2). Die Juden verkauften und verhandelten sie und kauf­ten und handelten sie wieder zu verschiedenen Malen, weil sie bei keinem Bauer und bei keinem Müller gut tun wollten, weil sie dem Pegasus verwanol nicht so leicht sich ins Joch einspannen ließen. Sie sträubten sich, bäumten sich, zerrissen, zerschlugen, man mochte sie an- und hinspannen, wie und wohin man wollte. Und taten sie mitunter eine zeitlang gut, plötzlich kam Anen der Rappel und der Koller und fort mußten sie wieder. So ging es, bis sie sich gestern Nachmittag auf dem Mottgerser Schindanger zum letzten Mal begegneten, schon auf dem Wege dahin, der eine von den Raben der Sinn begleitet, der andere von denen des Cinthius. Und daher kam es auch, daß keiner von diesen Vögeln in meinen Gesichtskreis trat, als ich heute die Sterbfritzer Höhe überschritt.

2) Anspielung auf den Einmarsch der Bayern in Hessen im Herbst 1850.