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Nr. 7/8 ^^^^^^^^<^-^7^I<?v Unsere Heimat <^<^<^^m^<?o<^<^<^<?ö^ Seite 189

die Eindrücke gemahnen, die wir bei einer Wanderung durch sein Geburtshaus aufnehmen."

Was Dr. Rullmann an so manchen Werken über Goethe auszusetzen hatte, war dies, daß in ihnen „der Mensch Goethe allzusehr zurücktritt vor dem Dichter, daß die Darstellung seines Lebensganges, seines Charakters und seiner Persönlichkeit über­wuchert wird von den Kommentaren über seine dich­terischen Schöpfungen." In den Dienst derartiger Bestrebungen sollte sich auch sein Werk stellen, an dem er zwanzig Jahre lang gearbeitet und das er Anfang des vorigen Jahres fertig gestellt hatte; ein Werk, nach dessen Vollendung, wie er schrieb, „ich sicher sein durfte, keine jener Enttäuschungen zu er­leben, an denen das hohe Alter so reich ist; es war ja bestimmt, nach meinem Tode als Manuskript mit meiner kleinen Goethe-Bibliothek in den Besitz des Frankfurter Goethe-Museums Überzugehen, um viel­leicht einer jüngeren und frischeren Kraft als Grund­lage für ein Goethewerk zu dienen". Die Lust und Liebe, mit der er bei der Sache war, hat dem Ver­storbenen, der in seinen letzten Jahren sehr unter den Gebrechen des Alters zu leiden hatte, über man­ches Schwere glücklich hinweggeholfen. Seine letzte Veröffentlichung war „Goethe am Vorabend seines 70. Geburtstages", erschienen in den „Beiträgen zur Literatur- und Theatergeschichte", Ludwig Geiger zum 70. Geburtstag am 5. Juni 1918 als Festgabe dargebracht von der Gesellschaft für Theatergeschichte.

In den letzten Jahren seines Lebens beschäftigte sich Dr. Rullmann noch viel mit der Bearbeitung einer Goethe- und Schillerbiographie vorzüglich zum Gebrauche für Schüler höherer Lehranstalten und Studenten, um ihnen in besserer Weise zum Ver­ständnis dieser beiden großen Männer zu verhelfen, als dies durch die üblichen Literaturgeschichten ge­schieht oder geschehen kann. Auch sonst suchte der fleißige Mann die reichen Früchte und mancherlei Erfahrungen seines langen und inhaltsreichen Lebens festzuhalten; eine große Reihe von Manuskripten mit umfangreicher Stoffsammlung in seinem Nachlaß gibt Zeugnis davon, und es ist erstaunlich, was er, der Gichtgeplagte, dem das Schreiben vielfach unmög­lich war, wenigstens mit Hilfe seiner Schreibmaschine noch leistete.

In seinem stillen Tuskulum erinnerte er sich gern der schönen Zeit, die er als schaffensfreudiger Mann mit reichen geistigen Interessen in Graz im Kreise anregender Berufsgenossen, Gelehrter und Künstler verbracht hatte. Unter allen diesen stand ihm nament­lich einer nahe und bewahrte ihm bis zuletzt an­hängliche Treue und Liebe, der in Oesterreich und Deutschland viel gefeierte Volksschriftsteller Peter Rosegger, für dessen Zeitschrift „Der Heimgarten" Wilhelm Rullmann so manchen schönen Beitrag lieferte. Bezeichnend für das traute Verhältnis, in dem diese beiden Männer standen, ist der Anfang eines Schreibens Roseggers vom 7. August 1913, in dem! er an seinen langjährigen Freund schrieb: „Du Lieber, Treuer, habe Dank! Du sagst mir aber nichts Neues, wenn Du schämig gestehst, daß Du mir wirklich aus ganzem Herzen alles Gute wünschest". Und auf einer anderen Karte schrieb Rosegger, als ihm Rullmann von einer starken Bronchitis berichtet hatte, die ihn im Frühjahr 1915 befallen hatte, am 14. April jenes Jahres: „Lieber Freund und ge­lehriger Schüler! Also mir nachmachen die Bron-

chitisen? In diesem Frühjahr habe ich schon oie zweite nun beinahe überwältigt. Wenn man im Kranksein nur erst einmal die richtige Uebung be- kömmt, dann gehts wie im Schützengraben: man ist immer belästigt, hält aber durch. Trotzdem tut es mir leid, daß auch Du leiden mußt. Wenn wir aber den Kriegsschluß wirklich erleben, so werden wir dann erst recht nicht fortwollen. Wir wollen ja sehen, wie es nachher weiter geht. Na, ich will mich erst einmal ausschlafen, und stehe später wieder auf, um mit junger Kraft mittun zu können. — Ich hoffe, wir begegnen uns auch im neuen Leben und fetzen sie alte Kameradschaft fort. Einstweilen hienieden noch vieles Gute Dir und mir und allen, die wir gern haben. Sei lieber Freund, herzlich gegrüßt von Deinem P. Rosegger".

Aus dem Briefwechsel der beiden alten Freunde sei noch etwas angeführt. Rullmann sandte vor einigen Jahren an Rosegger zwei Postkarten mit den Bildern des jungen und alten Goethe und be­merkte ungefähr, so ergehe es einem; in der Jugend sei man frisch und schön, im Alter habe man statt des glatten Gesichtes Runzeln. Darauf sandte ihm Rosegger zwei Postkarten mit seinen Bildern aus der Jugendzeit und vorgeschrittenen Jahren uno schrieb auf diese:

„Lieber Freund, das muß so sein!

Das haben auch wir mit Goethe gemein,

Daß unser schönes, glattes Gesicht

Im Alter viele Runzeln kriegt.

Von siebzig, achtzig Lenzen fein

Gräbt jeder eine Rune ein.

Doch manche Jugendfreude spricht

Noch aus des Alten Angesicht."

Für Roseggers Heimgarten schrieb Rullmann von Schlüchtern aus noch öfter, auch'während des Krieges, z. B. die Abhandlung „Vom ewigen Frieden und vom ewigen Krieg", die dann als Sonderdruck er­schien und deren Reinertrag auch zum Teil oer Kriegsfürforge im Kreise Schlüchtern zugutekommen sollte. Für einen anderen Beitrag dankte Peter Ro­seggers Sohn Hans im Juli 1917 mit folgenden Worten: „Vor allem von meinem Vater die herz­lichsten Grüße. Es geht ihm recht gut - wie es einem anständigen Menschen mit über siebzig Jahren in unserer Zeit eben gehen kann. Und von mir besten Dank für den „Humor in ernster Zeit" glücklich, wer darüber verfügt. Manchmal möchte man ihn in einer gewissen Gegend Europas beinahe schon ver­lieren".

Das enge Band gegenseitiger aufrichtiger Zu­neigung und Verehrung, das die beiden Schriftsteller verknüpfte, wurde durch Roseggers Tod am 26. Juni 1918 gelöst; die letzte Arbeit, an die Rullmann sich begab, war ein Aufsatz über seinen ihm in die Ewig­keit vorangegangenen Freund, der von ihm nach seinen eigenen Worten schon aus dem Iahte 1894 „so viel Liebes, so wahre und echte Freundschaft" erfahren hatte. Stark zunehmenoe Kränklichkeit ließen Rullmann nur mit seiner Dar­stellung beginnen; der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Ein Freund schrieb mir damals: „Nun ist dein Onkel seinem alten Freunde Rosegger bald in die Ewigkeit nachgefolgt. Die beiden werden sich jetzt droben über den Lauf der Welt wundern und sich freuen, daß sie aus dem Schlamassel heraus sind".

Das Bild Dr. Rullmanns wäre unvollkommen.