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Nr. 1/2

Unsere

Heimat ^^^^-^^^^^^^^ Seite 143

schüft und Kunst das alles wirkte belebend, ver­jüngend, befruchtend. In zahlreichen Briefen be­schreibt er im Stuttgarter Morgenblatt seine Reisen in und durch Italien. Im Hause Baciocchi weilt er Wochen lang als Gast und er findet dort alles wie einst, nur den Fürsten etwas knauserig geworden und Prinzessin Napoleons noch schwammiger. Auch die Liebe nahte ihm wieder, diesmal in Campolongo. Luzitta heißt die Angebetete. Näheres erfahren wir nicht über sie. Nur hin und wieder ein paar leiden­schaftliche Zeilen, dann ein Ankämpfen gegen die Leidenschaft, allerlei Bedenken und schlichliH Verzicht. ....„Ich bin verliebt, ich fühle es. Ich möchte es aber nicht sein. Die Liebe hat in meinem Leben schon eine große Rolle gespielt. Es wäre besser für mich gewesen, wenn ich kein so heißes Blut, kein so warmes Herz hätte. Wer weiß wie sich dies Ver­hältnis noch gestalten wird. Mein guter Genius wird es schon einrichten. Oder wird er es nicht einrichten, daß ich mich einmal verheiraten werde? .... Ich gehe, ich muß gehen. Ich zerreiße wieder den Faden, der sich durch mein künftiges Leben hindurchwinden sollte. So ist mir's oft gegangen. Ein Verhältnis angeknüpft, die Zukunft vorbereitet. Da muß ich fort und meine Zukunft liegt im Dunkeln und los und ledig gehe ich einer anderen Situation entgegen".

Wiederholt spricht er davon, daß er nun doch bald heimreisen müsse. Und immer wieder verlängert er seinen Aufenthalt. Bald sind's Luzitta's Augen, bald die vielen Freunde, bald die Schönheit Italiens, die seinen Reiseplan umstoßen. Und wie gern laßt er sich treiben und bestimmen und genießt, was der Tag ihm bringt. Unter den italienischen Stäoten Hat's besonders Venedig ihm angetan. ... „Ich muß sagen, ich bin ein glücklicher Mensch. Wie viele meiner Landsleute mögen sich wohl rühmen können, so oft in Venedig gewesen zu sein wie ich? Und gar solche, die wie ich im stande sind alles genießen zu können, was diese Stadt darbietet."

Zuletzt weilte Lotich im Oktober 1838 in Venedig. Es waren die Tage, in welchen dort die Anwesenheit des Kaisers Ferdinand I. in zahlreichen Festen gefeiert wurde. Seine Aufzeichnungen über diese Tage hat Lotich später in einem Buche herausgegeben unter dem Titel: Meine Gondel und mein Sediol bei bem Kaisereinzug Ferdinands 1. im Jahre 1838. Veneti- anische *) Vedüten und Visiten von Lotichios (Hanau 1841. Königs Buchhandlung. 1 Thlr. 15 Ngr. 320 Seiten in Kleinfolio.). Das Buch hatte nicht den vom Verfasser erwarteten Erfolg. Es ist bald aus dem Buchhandel verschwunden und existiert heute nur noch in wenigen Exemplaren. Gutzkow hatte Recht mit seiner Befürchtung, die er dem befreundeten Lotich vor Druck des Buches mitteilte, daß ein Werk über den Dünger in Schlüchtern zur Zeit vielleicht mehr merkantilischen Nutzen abwerfen würde als eine poeti­sche italienische Arbeit. Es sind lose aneinanderge­reihte Bilder, die Lotich in seinem Buche vor oas Auge des Lesers stellt. Die Tagebuchform ist beibe­halten. So schildert er unter dem 5. Oktober seine Reise von Campologno nach Venedig, unter dem 7. Oktober die Kirchen Venedigs und den Iudentoten- Hof, der 9. Oktober bringt einen geistreichen Essay über die italienische Musik und das in den Festtagen in Venedig gastierende Lanner'sche Orchester aus

*) Bilder und Erlebnisse.

Wien, — die Illumination des Markusplatzes — Venedig im Zeichen des Lottos - Venedig im Regen — ic. Die Lektüre des Buches ist auch heute noch ein Genuß, wenn man hier und dort die epische Breite mit in Kauf nimmt. Die bloße Beschreibung wird immer erhellt durch geistreiche Streiflichter. Wie fein, voll poetischen Zaubers die Blätter, nie der Verfasser dem Iudentotenhof widmet, wie über­haupt Stimmungsmalerei die Stärke der Lotich'schen Feder ist. Und wie echt Lotich'sch, wenn er auch hier seinem lieben Heimweh ein Denkmal setzt. ... „Diesen Morgen um 8 Uhr wohnte der Kaiser im Dom der Messe bei, während schon sein Reisewagen auf oem Domplatz hielt. Als die Messe vorüber war, fuhr der Wagen vor und der Kaiser stieg ein. Vorbei sind die Kaiserfeste, die Jubeltage, vorbei ist Nein nicht alles ist vorbei. Unvergeßlich werden diese Tage jedem bleiben, der so glücklich war sie zu sehen. Alles geht nach Hause. O könnt' ich auch nach Hause gehen, könnt' ich heimkehren in das Tal, wo die Burg Ulrichs von Hütten steht, heim zu meinen Ver­wandten, zu meinen Feldern und Wiesen, meinen Ochsen und Schafen, in mein Königreich ..."

In den Blättern für litterarische Unterhaltung (1842 Nr. 9 u. 10) hat H. König das Lotich',che Buch recensiert. Seine Recension wird im großen Ganzen dem Buche nicht gerecht. Sie ist offenbar mit bestimmt durch ein gewisses Vorurteil. Daß Lotich seine litterarische Befähigung sich nicht auf deutschen Hochschulen angeeignet hatte und sie nicht durch ab­gelegte Examina schwarz auf weiß jedem dokumen­tieren konnte, das war schon für die Zunftgelehrten der damaligen Zeit ein schwerer Mangel. Und dann, wie ein gebildeter, weitgereister Mann unter Die Bauern gehen, zum Pfluge greifen konnte (Lotich hatte sich unterdessen in He'rolz ansässig gemacht), das war ihnen vollends ein Rätsel. Grade für das Originelle an der Lotich'schen Lebensentwickelung und an seinem Stil hat König wenig Verständnis. Doch hören wir ihn selbst. Nachdem er mit Recht den un­gewöhnlichen, geschraubten Titel des Buches bean­standet hat, auch die Eräcisierung des Verfasser­namens — Lotich pflegte seit 1834 bei Veröffent­lichungen seinem Namen bald die lateinische Endung - ius bald die griechische — ios anzuhängen —, fährt er fort: Der Verfasser ist den Lesern zum Teil wohl noch unbekannt. Einige erinnern sich vielleicht seiner Reisemitteilungen im „Morgenblatt". Seine früheren Korrespondenzen aus Italien in der „All­gemeinen Zeitung" konnten ihm keinen Namen machen, da sie keinen trugen. Mit der vorliegenden Schrift bahnt er seinen litterarischen Ruf an. Man spricht von poetischen und anderen Werken, mit denen seine Muse guter Hoffnung sei. Stil und Anschau­ungsweise erinnern nicht unbedingt an des Verfassers frühere Stellung in Italien, sondern sondern manch­mal auch ein wenig an seinen späteren Verkehr in seinem lieben Schlüchtern und Herolz. Das Buch berührt vieles, was die ausgebreitete Bekanntschaft interessiert, die der Vielgewanderte besitzt. Manch­mal aber glaubt man auch den Erzähler aus der hölzernen Bank sitzen zu sehen, auf der er sich in seiner lieben Unabhängigkeit zu denen herabläßt, die mit ihm das bergige Ackerfeld bestellt oder die heimischen Waldwiesen gemäht haben. Die auffallende Un­gleichheit des Stils, die wir in dem Buche finden,