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Nr. 12 c^^c^k^^^^^i^^c^c^ Unsere fjeimnt c^^c^c^^^i^i^^^c^c^ Seite 293

Steinauer Paritäten,

Von Landgerichtsrat Büff in Lasset.

V.

er Leser weiß, daß ich das letzte Mal von Gräbern alter Steinauer erzählt habe.

Der alte Steinauer Amtmann, mein Groß­vater, ist am 29. Mai 1822 gestorben; sein Steinauer

Grab kennt man nicht mehr, und selbst der Apfel­baum, den der treue Jacobi darauf gepflanzt hatte, und den die Großmutter am 10. Oktober 1826 noch gesund gesehen hat, wird gestorben sein.

Die Großmutter hat am 10. November 1829 in Marburg das Zeitliche gesegnet, auch ihr Grab auf dem alten „Michelchen" ist Menschenaugen entrückt. Ihre drei Kinder, die einst unter dem Lindenschatten auf dem Steinauer Amtshof spielten und Kinderlust wie Kinderleiden erfuhren, wissen davon nichts mehr. Das „Medicuschen" ist am 29.2. 1849 in Prüm, ein Opfer seines Berufes, gestorben, seine Frau und 2 kleine Kinder bald nach ihm; der Louis, mein Va­ter, am 8. 5. 1869 in Kassel, und das Mariechen, ausruhend von vieler Arbeit für die Ihrigen und viele andere Leute, am 6. 6. 1876 in Stadt Vacha. Nur die Gräber der letzten beiden unb die ihrer Wohltäter, des Onkels und der Tante, die am 6.5. 1869 bezw. 4. 4. 1871 das Zeitliche mit dem Ewi­gen vertauscht haben, sind Menschenaugen noch sichtbar, und sie werden von dankbaren Nachkommen auch noch besucht.

Die beiden zuletzt gedachten Gräber schmücken zwei einfache Steinkreuze mit den Inschriften:

„Das Gedächtnis des Gerechten bleibt im Segen. Spr. Sal. 10,7". auf des Pfarrers, und „Dein Wille geschehe wie im Himmel also auch auf Erden" auf seiner treuen Schwester und Haushälterin Grabe.

Ueber den Kirchhofszaun hinüber aber, im alten Familienparadies, steht nod). heute der hohe Birn­baum, der dem Steinauer Louis Büff vom 1. 5. 1821 an bis zum 8. 5. 1869 lieb gewesen ist. Das hat noch einen besonderen Grund, lieber Leser. Grünender Efeu umgibt den Baum bis in die höchsten Spitzen. Ihn haben meine Eltern an des Vaters Geburtstag, am 22. 5. 1840, der zugleich ihr Hochzeitstag war, gepflanzt. Der treue Oheim hat damals ihre Hände in der Völkershäuser Kirche zum Lebensbunde zusammengefügt, und er hat die beiden in der noch erhaltenen Traurede Gottes Führungen anvertraut. Sie sind, wie i^ weiß, durch viele Trübsale gegangen. Meine gute Mutter hat von fünf Kindern vier und ihren Mann vor sich sterben sehen, bis sie selbst fast 83jährig in Cassel am 6. 5. 1898 das Zeitliche gesegnet hat. Ihr Elternhaus hatte zu Ende des vorvorigen Jahr­hunderts auch in Völkershausen gestanden, wo ihr Vater, der anno 1837 in Lasset verstorbene Ober- appeklationsrat Burchardi als Amtsassessor in seiner ersten Stelle war. Die alte Anne Margret aus Völkershausen ging als treue Dienstmagd des Hau­ses Burchardi mit nach Lasset. Außer einem anhäng­lichen Herzen nahm sie auch ihren Lieblingsspruch mit dorthin. Er lautete: „Hilf Gott allezeit, mach midj bereit zur ewgen Freud und- Herrlichkeit!", und mit diesem Spruch hat die jüngste Tochter des Burchardischen Hauses — von sage und schreibe acht

Töchtern die jüngste — in ihrem betrübten Witwen- stande manche Seele trösten dürfen, die sich im alten

Famikendorf zur Heimfahrt zu rüsten hatte. Auch das Steinauer Mariechen gehörte zu diesen Seelen. Ich- weiß es von meiner Mutter selbst, daß in der Iuninacht 1876 der Sterbenden Hand zum Dank für alle schwesterliche Liebe so fest in der ihrigen gelegen hat, daß sie sich der erkalteten nur schwer entwinden konnte. Die Zurückbleibende hat dann beide Hände der treuen „Geschmei", wie sie dort- landes für Schwägerin sagen, bei deren Heimfahrt über der Brust zusammengelegt, gefaltet zum Gebet.

Meine Mutter war von den Voreltern her den Steinauern, und zwar den Größesten unter ihnen, anverwandt, denn an ihrem Tauftag im November 1815 haben im Rathause zu Cassel am ehemaligen Meßplatz, wo damals ihr Vater als Stadtgerichts- oirelior wohnte, alle ortsanwefenden Grimnis, vorab Jakob und Wilhelm, um den Tauftisch gestan­den, und ich lese es gern in den gedruckten Briefen des Bruderpaares, daß Wilhelm an Jakob zum 5. November schrieb: „Die Burchardi hat ihr achtes Töchterchen". Z

Die Grimms nannten meine Mutter und deren Schwestern Basen, und ich besitze noch manches An­denken an sie. In unserer raschlebenden Zeit wird man ob dieser Verwandtschaft meiner Mutter Urgroßmutter und des großen Brüderpaares Groß­mutter waren Schwestern, Töchter des Hanauer Hof- gerichtsrat Heilmann, — lächeln. Sie gehört darum doch zu meiner und meiner 5 Kinder und 5 Enkel­kinder Steinauer Raritäten. Wenn ich von den Grimms und wohl davon sprach, daß Grimms Groß­mutter eine Schwester ihrer Ur—ur—ur-Großmutter gewesen sei, dann glaubt mirs wohl der Leser, daß mein Aeltester, der jetzt ein Oberförster in Hessen ist, als kleiner Junge nach der alten Familienuhr von 1749 gesehen und auf sie gewiesen hat.

Nun muß und will ich Schluß machen, lieber Steinauer Leser.

Der jetzige Pfarrer zu Völkershausen hat, als ich ihn auf der heimatlichen Fahrt dorthin mit meinen drei ältesten Jungen, darunter zwei Grünröcken, be­suchte, wohl über den Efeu am Birnbaum geklagt. Er bringe um des Efeus willen keine Früchte mehr in erwünschter Zahl. Erst als ich ihm den Grund der Pflanzung bekannt gab, wurde er milder ge­stimmt, und er hat mir seitdem wohl einen Efeu­zweig, einmal aber auch in einem früchtereichen Jahr einen großen Korb voll Aepfel und Birnen geschickt, dazu schreibend, er denke an die beiden Vorgänger im Amt, Pfarrer Büff, Vater und Sohn, die die Bäume dazu für ihn gepflanzt hätten.

Und nun mein letztes Bild.

In alten Hessenszeiten — das tröstet wohl die Juristen unserer Tage — hatten diese einen schweren Stand. Wer im Staatsexamen nicht mit „Sehr gut" ab schnitt, der wurde nicht Referendar, sondern Auskultant oder später Rechtspraktikant. Er konnte

*) Stall. Ludwig Emil Grimm, Erinnerungen S. 138 u. S. 210. An leiserer Stelle hat der verehrte Verfasser ein Töchterchen unterschlagen.