Seite 240 i^c^^q^^^c^c^c^c^c^c^ Unsere Heimat ^^^^^^^t^r^^ß^cy Nr. 9
was gibts Neues daheim?
Zunächst heute einen schönen Dank dem Braven, der dafür gesorgt hat, daß die liebe, alte Klosteruhr wieder in einen ordentlichen Gang gekommen ist *). Schon im Juni wollte ich danken, dachte aber: „Wart's ab! Wer weiß, wie lange die Freude dauert!" Aber nun geht sie noch heute richtig, und alle, die „auf sie hören", freuen sich darüber. Sie macht nicht nur Stundenschritte, sondern „viertelt" auch, was durchwachte Nächte bedeutend „kürzt". Leider hat auch in Notzeiten der Tag 24 Stunden, und das ungestüme Verlangen, das nimmer müde Rad der Zeit schneller rollen zu sehen, wirkt so wenig wie das Mühen eines Kindes, einen ruhenden Eisenbahnzug in's Rollen zu bringen. Unsere Glocken haben überhaupt in dieser Zeit mehr zu tun als in stiller Friedenszeit. Nicht als ob der Tod sie häufiger in Bewegung setzte im Gegenteil: der feiert daheim so ziemlich, da er ja draußen so furchtbar zu tun hat, sind doch im ganzen August, wenn ich nicht irre, nur zwei Greisinnen heimgerufen worden, eine Neunundachtzigjährige, die Mutter unsers Herrn Superintendenten, sicher nicht allen im Städtlein bekannt, und eine, die alle gekannt haben, „Mutter Helbig" vom Bahnhof. So geht eins nach dem andern aus den Reihen der Alten, und bei jedem ist's einem, als würde man ein wenig ärmer. . . Es ist schliestlich auch keine ungewohnte Arbeit für unsere Glocken, die sie in dieser Notzeit dann und wann tun müssen. Die alten, vielerfahrenen in den Klostertürmen, die schon die 30jährige Elendszeit erlebt haben, wissen ganz genau, um was es sich handelt, wenn jetzt des Glöckners Hand so „außer der Zeit" nach dem Strang greift. Gewöhnlich stimmt die älteste an der Huttenkapelle das Lied an. „Sieg! Sieg!" ruft sie mit wuchtigen Schlägen über das Städtlein hin. Dann schließt sich in der Regel die Feiertagsglocke an mit ihrem melodischen: „Friede! Friede!" Sie kann nun einmal nicht anders, als der armen Erde d e n zu erbitten. Dann erst fällt die große Glocke vom Kirchturm ein; langsam und wuchtig 1)röhnt's: „Dank' auch, Schlüchtern!" Ihre Nachbarin, deren Klangwellen am liebsten nach der Mauerwiese zu aus dem Schalloch klettern, fügt hinzu: „Gott dem Herren!" Und der 3. Kamerad im Kirchturm, das Vaterunserglöckchen, wirft in's Rufen der Großen, Lauten fein eifriges Kinderstimm- chen so dringlich hinein, daß es scheint, als ob gerade sein Klingen es sei, das dem andern den Weg zeigte. Manchmal mischt sich sogar das Schulglöckchen in's Siegläuten, als ob es auch ein Verständnis für das ungeheure Geschehen der Gegenwart habe und wisse, daß das die muntern, flinken Buben sind, die es 8 Jahre lang in den Trapp gebracht, die jetzt da draußen entbehren, sümpfen, bluten . . . „Kinder! Kinder!" bimmelts, wenn die Hand eines Uebereifri- ger am Strick zieht, der nicht weiß, daß es wie seine Kollegin, die Feuerglocke im Rathaus, eigentlich nicht zum Kirchenchor gehört. Aber das macht nichts, heute darf's dem großen Erleben zuliebe beim Läuten auch mal ein bißchen durcheinander gehen, und es wäre schade, wenn auch nur eine Elockenstimme schwiege, die Freude künden und zum Danken aufrufen kann. Drum lassen die Kameradinnen von der katholischen Kirche auch nie lange auf sich warten.
*) Unberufen.
Jubelnd fallen sie ein, und eine Flut von Tönen steigt aus dem Tale auf, schwingt sich über die Höhen und schließt sich dann dem Heer von Klängen an, das Dank und Bitten eines großen Volkes nach oben bringt.
Die Schuljugend freilich hört aus dem Siegläuten immer und vor allem heraus, daß morgen jedenfalls schulfrei ist, mögen die alten Leute, die es gut haben, weil sie in keine Schule mehr brauchen, sagen, was sie wollen. Und bitter ist's für's kleine Volk, wenn es im General-Anzeiger liest, daß in Berlin und Frankfurt schulfrei gewesen ist und in Schlüchtern nicht, ja es gibt sogar Schlüchterner Jungen, die haben ausgerechnet am Tag „nach Kowno" eine Stunde Arrest absitzen müssen. Das denkt den Armen auch ihr Lebtag, aber in Groll gewickelt. Nach dem Fall von Brest-Litowsk freilich hat die Freude hier auch mächtig eingeschlagen, die Lehrer sind mit allem, was an Siegestagen unter Schulzwang seufzt, zum Kaiserdenkmal gezogen, und dort hat Herr Seminarlehrer Walther mit packenden Worten gesagt, daß die Feldgrauen gegenwärtig das Wort hätten und die besten Schulmeister seien. Dann hat er sie alle hochleben lassen. Und alles hat aus vollem Herzen eingestimmt und vaterländische Lieder gesungen. Und das denkt einem auch sein Lebtag, aber ohne Groll.
Etwas „Gewaltiges" ist heuer wirklich auch die Kernobsternte geworden; nicht wenige Bäume brechm schier unter der Last. Da alles früher als sonst reist, wird der meiste Segen wohl geborgen sein, wenn unsre Feldgrauen dies lesen. Auch die Grumternte ist dann wohl beendet und die Kartoffelernte im Gange. Aller Erntesegen reich und gut! Gott gebe, daß der größte Teil von dem, was das Jahr beschert, in Frieden verbraucht werde! An den Bahndämmen und Gärten blühten in Mengen die Sonnenblumen, die diesmal bei der Oelgewinnung helfen sollen. Die Lazarette im Kreise sind besetzt. Bad Soden war sehr gut besucht, auch das Sanatorium, und die evangelische Kirche in Salmünster hat sich als zu klein erwiesen. Unter den Soldaten in den GoPeilet Lazaretten befinden sich! jetzt viele Herz- und Rheumatismuskranke, denen die Bäder sehr zu statten kommen. Unter den Kurgästen bildeten die Kriegerwitwen der Fürsorge Frankfurt a. M. eine besondere Klasse. Je 30- 40 waren jedesmal zu einem Badeaufenthalt vereinigt. Daß auch unsere Dörfer sich in Kriegsfürsorge betätigen, ist selbstverständlich. Hervorgehoben sei, daß das Kirchspiel Oberkalbach bei einer Sammlung für die Lazarette Schlüchtern und Neuhof neben vielen Nahrungsmitteln auch über 1000 Eier zusammenbrachte. Unser lieber Helfer in Marjoß, Herr Bürgermeister Richter, findet, daß der Krieg eine gewisse Ähnlichkeit mit dem „Kriegsstich", dem steilsten Straßenteil zwischen Niederzell und Bellings, habe. Beide übten die Menschen in Betätigung der Nächstenliebe und der Willigkeit, Vorspann zu leisten, und man merke, daß auch eine so bucklige Wegstrecke einen Zweck habe. Die Marjosser Schuljugend hat fleißig Aehren gelesen und zweieinzehntel Zentner Getreide, das sonst zweifellos zugrunde gegangen wäre, gesammelt und für einen guten Zweck zu Geld gemacht. Wie schön ist doch das, daß auch die Kinderwelt mithilft, wohlzutun und Last zu mildern! Wie haben wir