Seite 234 ^^^^^r^^^r^r^^^ Unsere Ueimat ^^^^^^^^^^^c^ Nr. 8
Mit Luther, deinem Freund, brachtst du zu Ehren Das deutsche Wort, die liebe Muttersprach'. Kein Feind, — kein Acht und Bann konnte dir wehren, Dem starken Geist, — der schaffend Schranken brach. —
Doch allzufrüh ward deinem ruhelosen Leben
Ein Ziel gesetzt, — im fernen Schweizer Land Ward Dir ein Erdensleck zur letzten Rast gegeben, Dem müden Wandersmann, — weltabgewandt
Doch in die Träume deiner letzten Tage Klingt leise mahnend Heimatglockenton:
Du denkst daran, wie einst mit Klage Die fromme Mutter weinte um den Sohn,
Der keck hinauszog und sein Werk begonnen Und nach des Vaters Willen nicht gefragt,
Und wie er sich sein trutzig Kampflied hat ersonnen, Voll Mut ein deutsches Lied: Ich hab's gewagt!
Heut' stehest, Hütten, du vor unsern Augen: Ein deutscher Kämpfer und ein deutscher Held! Solch hoher Mut soll deutsch m Wesen taugen, Im großen Kampf mit einer ganzen Welt.
Soden-Stolzenberg.
Hanna Walthcr.
Steinauer Raritäten,
Von Landgerichtsrat Büff in Kassel.
I.
icht von Euterwaren aus Steinau an der Straße soll im nachfolgenden die Rede sein, sondern von Schriftstücken Steinauer Wachstums, die mit Sorgfalt in meinem Familien-
archiv verwahrt werden, vom Großvater her. Er war von 1814 —1822 Amtmann in genanntem Städtchen, und so bin ich Easselaner Junge auch ein Steinauer. Mein Großvater hieß Wilhelm Ulrich Büff, geboren als eines Pfarrers Sohn am 1. September 1781 zu Völtershausen bei Vacha, einem ehemals ritterschaftlichen Dorf in der Vorder- rhön, welches seit 1810 gegen Fulda ausgetauscht wurde und an Sachsen-Weimar fiel.
Mein zu Marburg am 22. Mai 1811 geborener Vater Georg Ludwig Büff, am 8. Mai 1869 zu Lasset als Oberappellationsrat gestorben, siedelte mit seinen Eltern ^ dreijährig nach Steinau über, und er hat mir's aufgeschrieben, daß die Erinnerung an die goldene Zeit seiner Kindheit sich an dieselben Wege und Täler, Wiesen und Gärten knüpfe wie die der berühmten Brüder Grimm, deren Vater der Vorvorgänger seines Vaters im Steinauer Amthaus war.
Mit 6 Jahren kam der kleine Marburger zur Schule und schon nach Jahresfrist war er so weit, daß er auf dem von Bürgermeister und Rat, auch! dem landesherrlichen Beamten, abgehaltenen öffentlichen Eramen mit 6 pretiolis, welche aber keine Brezeln, sondern Wecke waren, vor andern ausgezeichnet wurde. Diese Andern rächten sich, indem sie des siegreichen Schülers hochgemutes, aber argloses Herz durch den Argwohn vergifteten, die pretiola hätten mehr dem Vater als dem Sohn gegolten. Und doch war der Sohn dem Aristokratismus spinnefeind. Wenn die Schuljugend mit zur Leiche sang, was dem Mann 1 Kreuzer beizutragen pflegte, verfehlte er nicht, trotz Wetter, Sturm und Graus mitzusingen und solchergestalt Freud und Leid feiner Schulkameraden zu teilen, ohne sich eines erhöhten Honorars zu erfreuen.
Als er 7 Jahre geworden war, brachten ihn seine Eltern von wegen des Lateinischen in das Pfarrhaus nach Elm, wo der neue Pfarrer Pauli 2), eben ver
*) Die Mutter Ernstine geb. Merrem war die zweite Tochter des in 1824 zu Marburg verstorbenen Professors Merrem.
2) Stoll. Ludwig Emil Grimm, Erinnerungen aus meinem Leben, S. 43.
heiratet, aufgezogen war, und die junge Frau Pfarrerin, von größter Herzensgüte, sich in jeder Weise bemühte, dem kleinen Schulmann die Mutter zu ersetzen. Es war am 5. September 1818, an einem schönen Sonntag, als er dort ankam. Die Mitgift eines kleinen mit grünem Wachstuch überzogenen Ränzchens, welches den Jungen in seinen Augen einem Studenten oder mindestens einem Schlüchterner Gymnasiasten sehr nahe brächte, und das er in Zukunft jeden Sonnabend nach Hause tragen wollte, hatte ihn einstweilen die Tage zwischen dem Sonntag und Sonnabend übersehen lassen. Der Trost des Ränzchens erwies sich jedoch ganz kraftlos, als es am Abend zum Abschied kam, und der Abstand zwischen dem Sonntag und dem nächsten Sonnabend schien unermeßlich. Er eilte weinend auf sein Bett und drückte das Gesicht so fest in die Kissen, daß er es gar nicht gewahrte, als feine Mutter leise noch einmal hereingekommen war, um wiederholt Abschied von ihrem Jungen zu nehmen. Drei Tage verharrte er im gleichen Schmerz, während welcher nichts geschah, als ihn zu erheitern und guter Dinge zu machen. Nachher beruhigte er sich und fand an der Gesellschaft einiger Altersgenossen, in der Familie des Schullehrers, Gefallen. Als er am Sonnabend abgeholt wurde, um nun mit dem grünen Ränzchen die erste Ferienreise anzutreten, war er fast überrascht und fürchtete nicht, daß er anderen Tages wieder ähnlichem Jammer verfallen würde.
In freien Stunden wurde der Brandenstein oder ein anderer nächst dem Dorf gelegener Hügel (der Weinberg) erstiegen und sehnsüchtig nach dem Steinauer Schloßturm geschaut; bei günstigem Wind konnte man sogar den Sonnabend Abend die Steinauer Glocken den Sonntag anläuten hören, und in seiner für uns Kinder in 1863 geschriebenen Selbstbiographie lese ich weiter das schöne Geständnis des Elmer Pensionärs, daß er sich den Brandenstein, den frischen Wiesengrund nach Schlüchtern, die hohen Linden neben dem Kloster und den Steinauer Kirchturm nicht anders als in goldenem Sonnenschein denken könne, der sich über jene Jahre der Kindheit überhaupt ausbreite; es sei ihm, als ob die Sonne damals heller und froher geschienen hätte, als heute.
Unter den ernsten Erinnerungen jener Tage gedenkt er der Ermordung Kotzebues durch Sand (23. 3. 1819), nach den Erzählungen der Frau Postmeister Köhler in Schlüchtern. Es machte einen tiefen Eindruck auf den achtjährigen Zuhörer, als die Erzähle-