Seite 232 ^^^^^£^r^^^^^^ Unsere Heimat i^^^e^c^i^i^^^^^ Nr. 8
zu mehrerer Demütigung und Erkenntnis ihrer eigenen Anwürdigkeit das Gedächtnismahl ihres Herrn und Erlösers alljährlich an diesem Tage zu feiern." Und das war schön; denn sie haben damit etwas geschaffen, woran auch mancher, der nicht aus Bel- lings stammt, seine helle Freude hat, wenn er davon hört. Das Consistorium war auch so klug, zuvor so wenig die theologische Wissenschaft zu befragen wie die Bauern die tierarzneiliche, und stimmte zu. Die Ethiker und Professoren Reinhard und Beck waren dem damaligen Ortspfarrer Osius, der die Gemeinde in ihrem Wollen bestärkte, noch nicht bekannt, sonst wäre wohl das aufquellende menschliche Dankgefühl der der Gefahr Entronnenen in seiner Auswirkung gehindert und wissenschaftlich als „unevangelisch" erwürgt worden, und die Bellingser hätten ihren verlobten Tag nimmer erhalten. So aber konnten die Alten einen Gedenkstein aufrichten, der heute noch „lebt" und in Ehren gehalten wird, während manches Denkmal aus Stein und Holz, das jene Zeit schuf, längst wieder zerfallen ist. Kein Mensch weiß wohl, wo die Aeltesten Seelig und Heil, der Schultheiß Simon, der Gerichtsmann Schmitt und der Ee- meindsmann Schreiber, die sich um die Errichtung dieses Zeichens menschlicher Dankbarkeit für erlebte Hilfe bemühten, im langen Schlaf ruhen; aber ihrem Willen gehorchen die Urenkel noch. Daraus folgt, daß die E e m e i n d e s i t t e stärker sein kann als manches andere, dem man sonst wohl die Sicherung wertvollen Gedenkens anvertraut. Die Bellingser Alten wagten es, dem kirchlichen Brauch die Durchführung ihres Willens zu übertragen in der Zuversicht, daß dadurch auch das Verständnis für ihr Wollen lebendig und für die Nachfahren gesegnet bleiben werde. Vielleicht würde man heute „dergleichen" im günstigsten Falle mit einem „Stein" abtun, der in ein paar Jahren unter den Würfen spielender Kinder, vielleicht auch bedeckt Mit schriftlichen Schamlosigkeiten gewisser Rohlinge sterben müßte. Angesichts des Bellingser verlobten Tages aber weiß man heute, nach 118 Jahren, nicht, worüber man sich mehr freuen soll, über die Dankbarkeit und das vorbildliche Abhängigkeitsgefühl der Altvorderen gegenüber dem Ewigen oder über die Treue, mit der das gegenwärtige Geschlecht noch den Willen der Väter achtet und zu seinem eigenen macht. Möchte es in Bellings niemals an einem fehlen, der dies Achten auf Erbgut pflegt und fördert! - -
Auch in anderen Orten des Kreises hat sich die Feier gelobter Tage bis heute erhalten, so in Hohenzell am 10. November, in Ahlersbach und in Reinhards am 24. Juni. Letztgenannter Ort feiert einen „Gewittertag", und auch in Ahlersbach dürfte in dem früher geübten Brauch, an Johanni kein Feuer in den Häusern anzuzünden, vielleicht ein Hinweis auf die gleiche Veranlassung der Feier zu finden sein. In Z ü n t e r s b a ch ist der Freitag nach dem Feste der Himmelfahrt Christi ein gelobter Tag. Die katholische Gemeinde oaselbst feiert ihn durch Enthaltung von Feldarbeiten am Vormittage und Wallfahrt nach dem nahen Kloster Volkersberg. Veranlassung ist hier ein in früheren Jahren niedergegangener Hagel, der die Fluren verwüstete. Aus Salmünster berichtet Pater-Pastor Schumacher: In der Pfarrei Salmünster und in den früher dazu gehörenden Gemeinden Soden, Romsthal und Marborn gelten als gelobte
Tage der St. Sebastianstag, der 20. Januar, und der sogen. hl. Blutstag, ursprünglich der Octav- tag vom Fronleichnamsfest, neuerdings der Sonntag innerhalb der Fronleichnamsoktav, also der auf das Fronleichnamsfest folgende Sonntag. Ueber den St. Sebastianstag schreibt P. Damasus Fuchs in seiner „Geschichte der Pfarrei Salmünster": In den Jahren 1743 und 1744 trat eine heftige und hartnäckige Viehseuche auf. Wie anderwärts, so ging damals auch hier viel Vieh ein. Auch konnten infolgedessen die Viehmärkte hierselbst nicht abgehalten werden. Die Bedrängnis war noch gestiegen, als im Sommer 1742 eine große Dürre eingetreten und dadurch die Futter- und Getreideernte sehr geschädigt worden war. In dieser allgemeinen Notlage „versprachen der hochlöbliche Stadtrat und die Bürgerschaft allhier zur größeren Ehre Gottes und seines hl. Blutzeugen St. Sebastianus alljährlich den 20. Januar mit einem hochfeierlichen Gottesdienst als Amt, Predigt, ganzen Feiertag um fernere gnädige Abwendung Der Viehseuche zu begehen, also daß am gedachten Fest alle Jahr bis nach gehaltenem Gottesdienste Menschen und Vieh fasten sollen" (Verkündbuch von 1743, S. 58). Der Für st abt approbierte am 28. März 1743 das Gelöbnis und verordnete, daß der Tag in der ganzen Pfarrei gefeiert werde, während die Beobachtung des Fastens nur in Salmünster verpflichten, den übrigen Pfarreiangehörigen aber freistehen solle, indessen schlössen sich diese auch hierin den Bewohnern Sal- münsters an. Die erstmalige Feier des verlobten Tages fand am 3. April 1743, dem sogen. Schmerzensfreitag statt. Von 1775 an wählte der Pastor von Salmünster das Sebastiansfest am 20. Januar. Der hl. Blutstag wurde ebenfalls, wie Anhaltspunkte nahelegen, in jenen Zeiten der Drangsale und Heimsuchungen gelobt. Näheres hierüber ist nicht bekannt. Von anderen Orten des Kreises hat Ulmbach den Montag vor Christi Himmelfahrt wegen eines Hagelwetters und R a b e n st e i n den 20. Oktober wegen einer Viehseuche verlobt. Und die Feier aller Tage hat sich, dem Willen der Gelobenden gemäß, durch den Wandel der Zeiten bis heute lebendig erhalten, ein Beweis für die Tragkraft und das Bewahrungsvermögen der kirchlichen Gemeindesitte, die freilich vor anderen Weisen, das Gedenken an Nottage und erlebte Hilfe den nachkommenden Geschlechtern anschaulich zu vermitteln, das voraus hat, daß sie durch das begleitende, lebendige Wort den vollen Inhalt des Gedenk- wertes immer wieder neu zu vermitteln und zu deuten bemüht sein kann. So nur kann die lebende Generation inneren, ihr selbst gesegneten Anteil nehmen an schwerem Leid und hoher Freude der entschlafenen Väter und auch ihrerseits wirklich weitergeben, was sie empfangen. Wie schön und gut wäre es, wenn auch unsere Notgegenwart, daraus lernen und großes Gedenken, das fortzupflanzen und zu pflegen Pflicht ist, der Gemeindesitte in ähnlicher Weise anvertraut würde.
Ein Knifermort
Ich wollte, der europäische Friede läge allein in meiner Hand. Ich würde jedenfalls dafür sorgen, daß er nimmer gestört würde.
4. Mai 1891. Kaiser Wilhelm II. in Düsseldorf.