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Seite 228 ß^ß2ß^ß2ß2ß3ß3ßi>ß2ß2ß<2ß^ Unsere Heimat ß^ß^ßSß^ß^ß^ßSß^ß^ß^ß^ß^ Nr. 8

ten: „Hierher gesehen! Uns habt ihr aber auch rein gar nichts zugetraut; muß man euch wieder zeigen mit wie wenig Wasser ein Kartosfelstrauch auskommen kann! Paßt mal auf, wir liefern dies Jahr keine einzige faule!" Und das war keine Auf­binderei: Wir essen die schönsten neuen Kartoffeln vom eigenen Grund!

Und nun dreschen wir schon seit 14 Tagen Roggen und Weizen. Kaum einer sagt, er bekäme zuviel des Guten; aber beinahe alle rühmen, daß sie eine gute Mittelernte in Körnern haben. Von der Dresch- Halle summt's herüber von früh bis in die Nacht; und will's in meinem Kopf auch brummen, so sagen die Nerven, Die vor allem andern doch dem Vater­land gehören: „Brumm' weiter! Die Musik ist jetzt viel schöner als vor 25 Jahren die Kapelle Link in Herolz, schöner als heute eine der feinen Kapellen, die trotz des Krieges jeden Abend in Frankfurter „Restaurants" spielen. Denn die Dresch­maschine singt: „Ausgelacht, ihr Schurken! Das deutsche Volk aushungern? Hierher gesehen! Seht da die grauen Körner für Kriegs- und Friedensbrot, seht die Mengen der goldgelben Weizenkörner, auf die wir verzichten gelernt haben zum Dienste für das Ganze!"

Aber das hat die Dreschhalle noch nicht gesehen: Da stehen abwechselnd zwei unserer städtischen Be­amten mit der Wage. Geht's denn auch hier nicht ohne Polizeiaufsicht? „Nein, nur diesmal nicht!" belehrt uns der Polizeisergeant Muth. „Es wird alles genau gewogen und aufgeschrieben, was aus der Maschine kommt. 1915 darfst Du Dein Korn und Deinen Weizen nicht allein zählen und verbrauchen; die Brotfrucht gehört freilich Dir; aber sie gehört auch, wenn's sein muß, dem ganzen Volk." Im vorigen Jahr hat mancher viel versteckt; das kann jetzt nicht mehr zum Schaden der Gesamt­heit passieren. „Und dann", fügt er ein bißchen spöttisch hinzu, „wollen wir euch vor den schweren Strafen behüten, die dem Fruchtverheimlicher seinen ruhigen Schlaf rauben!"

Es ist nun gar ein förmlicher Schabernack für unsere Feinde, datz uns der gütige Herrgott zum Stück Brot in der einen Hand gleich einen Apfel in die andere legt, falls dem „Schnäuber" die Butter

zu teuer oder gar nicht zu haben ist. Vorläufig hängt ja noch das meiste Obst an den Bäumen. Die haben sich mit Aepfeln und Birnen so reich be­hängt, datz es an Stangen zum Stützen fehlt; der Sommer malt eben noch die letzten roten Backen auf. Mit dem „Latwergekochen" wirds dies­mal freilich nichts; die Zwetschen sind ganz ausge­blieben, wahrscheinlich, weil das Weißmehl für die Zwetschenkuchen nicht hergegeben wird. Und wer ohne Zwetschenschnaps nicht leben mag, der soll nur ruhig als Abkömmlicher sterben; wir müssen jetzt viele hergeben, die weniger entbehrlich sind. Datz wir das eine oder andere Obst nicht haben, ist eben auch eine Nachhilfe bei dem Bemühen, das Ent­behren des Entbehrlichen zu lernen. Fortschritte in der Kunst sind schon gemacht. Heute sagte einer, er meine, man könnte sogar ohne Stroh durch das Jahr 1915 kommen. Aber am Ersatz fehlt's ja nicht: Was die Hausfrauen im Einkochen von Obstsäften und im Einmachen leisten, das kann mit manchen Kriegstaten verglichen werden. Sie meinen über­haupt, sich verpflichteten sich, alles Obst so unter- zubringen, datz die Männer Abend für Abend einen Trunk von Obstsaft zu Hause haben könnten.

„Unsere Heimat" hat nicht nur, wie aus dem „Briefkasten" hervorgeht, draußen in dem Felde Anerkennung, Freude und Dank gefunden, auch von anderen Stellen, an denen Heimatsinn und der Heimatliebe innerlich und beruflich ihre Pflege und Förderung erfahren, ist dem Blatt hohe Anerken­nung geworden. So hat ihm Professor Wenck in Marburg in den „Jahrbüchern des Hessischen Ge- schichtsvereins" 3 Seiten gewidmet und den gesam­ten Stoff des Blattes nach seinem Inhalt gruppiert und mit freundlicher Anerkennung besprochen. Solche Urteile müssen dem Herausgeber und allen Mit­arbeitern die Sicherheit gewähren, daß sie mit ihrem Streben aus dem rechten Wege sind und sie zu weiterer Arbeit ermutigen. So kann denn auch ferner, nachdem die Unterstützungen von allen Seiten so reichlich geflossen sind, während der Kriegsdauer „Unsere Heimat" allmonatlich unsere Gedanken und Grütze hinaus in Feindesland tragen; wir glauben hierfür die Unterstützung aller alten und neuen Freunde zu finden. F. Walther.

Erinnerungen uns dem ^nhre 1866, Ehringhaus in Mottgers.)

(Von Pfarrer

as Kriegsjahr 1866 bildet meines Erachtens kein besonderes Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte; mag man zur Entschuldigung auch anführen, daß es der traurigen Kleinstaaterei ein

Ende mit Schrecken bereitet, oder daß das große Ziel Bismarcks, ein einheitliches deutsches Reich zu begründen aus anderem Wege nicht zu erreichen ge­wesen. Immerhin ist und bleibt die Tatsache, daß die deutschen Volksstämme die Waffen gegen ein­ander erhoben, ein trauriges Vorkommnis. Glück­licherweise hat die Feindschaft nicht lange angehal­ten; schon wenige Jahre hernach, im deutsch-franzö­sischen Kriege, haben Nord- und Süddeutsche Schul­ter an Schulter zusammen gestanden und treu Waffenbrüderschaft gehalten, und der jetzige Welt­krieg kennt nur noch Deutsche, aber keinerlei „Par­teien" mehr.

Für das ehemalige Kurfürstentum Hessen war jener Krieg besonders bedeutungsvoll und folgen­schwer, denn er nahm ihm seine politische Selbstän­digkeit und gliederte es als „Provinz" dem König­reich Preußen an. Wir in unserer Gegend wurden außerdem noch insofern besonders davon berührt, als er sich teilweise hart an der kurhessisch-bayerischen Grenze abspielte und wir infolgedessen auch eini­ges davon zu merken bekamen. Da mein Vater in jener Zeit Pfarrer in Mottgers war, ich selbst also damals die Tage meiner Kindheit verlebte, so möchte ich einiges von meinen Erinnerungen, so- viele mir deren geblieben sind, kurz mitteilen.

Eines Morgens, als wir eben Kaffee tranken, kam ein Mann in das Haus gelaufen, ritz die Tür auf und rief, fast atemlos: „Herr Pfarrer, die Preußen kommen! Sie sind schon durch Sterbsritz und ziehen