Seite 218 5^^^^^^^^^6S^L^> Unsere Heimat c^c^l^^^c^^c^c^^sc^^ Nr. 7
Größe, Güte und Aufmachung für 60 Pfg. bis 2 Mark, heute kosten dieselben 1,50 Mk. bis 4 Mk. Es lohnt sich also, daß der Geist der alten Holzschuhmacher lebendig wird, klappert doch schon, wie die „Frankf. Ztg." erzählt, der „Hölzerne" wieder in manchem Haus, in mancher Schule, ja sogar in „manch strenger Amtsstube", wo er verschwunden war. Erlenholz, Du wirst 'was erleben! Gestern fand ich zufällig in der Sammelmappe des Heimat- bundes eine Notitz von unserm leider so schweigsam gewordenen Schlüchterner Chronisten Philipp Lotz, der u. a. folgendes erzählte: „Anno 1813 fingen die damals „befreundeten" Russen an, in Frankfurt die Judengasse zu plündern und verfolgten Frauen und Mädchen über die Straße. Die Geängsteten rissen in ihrer Not die Falltüren auf, die sich gleich hinter der Haustüre in jedem Hause befanden. 3 Kosaken stürzten hinab und brachen das Genick. Ratlos ordneten die Jsraeliten in ihrer Angst eine Deputation an den General und Kosakenführer Tschernitschew ab, der im roten Hause Quartier
hatte. Der empfing sie freundlich, ließ sich den Sach- verhalt vortragen und erklärte: „Der Kaiser, mein gnädigster Herr, hat mir meine Kosaken nicht zugezählt." Damit war die Angelegenheit erledigt. Menschenleben sind seitdem in Rußland im Werte nicht gestiegen. Ungezählte hätten vernichtet werden dürfen, hätte Semberg gehalten werden können.
Nun ist das Heu daheim. Es war halbe Arbeit dank der für die Heuernte sehr günstigen Witterung. Der Duft der würzigen Berg- und Wiesenkräuter mischte sich mit dem der blühenden Linden, Holunder- büsche und Rosen, die auf dem alten Friedhof in verschwenderischer Pracht standen. Die Kirschen und das Beerenobst sind eingeheimst. Die Bäder und Sommerfrischen hängen ihre Locktafeln aus, denen Heuer wohl nur die Kranken Folge leisten werden, weil die andern lieber in die Heidelbeeren gehen oder daheim bleiben, wartend und arbeitend für die Ernte dieser leidbelasteten Zeit. So Gott will, lenzt es noch einmal im Herbste. Er geb's in Gnaden!
Flg-
Und nachher?
Eine ernste Frage von Lic. theol. Fresenius, Festungsgarnisonpfarrer in Mainz.
iejenigen in unserem Volk, die nicht in den Tag hinein leben und sich nur von dem Strom der jeweiligen Ereignisse mitschleppen lassen, sondern sich Gedanken machen und lebendigen, inni- ren Anteil nehmen an unserem Volk und seinem Schicksal, sind jetzt beschäftigt mit der Frage: Und nachher? Die einen denken darüber nach, wie uns nach außenhin die Früchte dieses furchtbaren Kriegs gesichert werden können, damit wirklich Friede werde für lange Zeit. Die anderen sind bemüht, gute Saat in die Furchen zu streuen, die durch die gewaltigen Ereignisse der Zeit in das Seelenland unseres Volkes gezogen wurden. Auch hier sollen all die vielen Opfer nicht umsonst gebracht worden sein, sondern zur Vertiefung und Verinnerlichung unseres Volkes dienen. Ich meine, diese zweite Frage nach dem neuen Lebensziel für uns ist mindestens ebenso wichtig und brennend wie die erste nach dem äußeren Kriegsziel. Hier soll auf eine Frage hingewiesen werden, die für das neue Lebensziel unseres Volkes von entscheidender Bedeutung ist.
Wen die Frage: Und nachher? beschäftigt, der muß unwillkürlich an die Zeit vor 44 Jahren, an die Zeit, die dem Krieg von 1870/71 folgte. Sie war, wir wissen es alle, bezeichnet mit den Worten: „Gründerjahre" und „Spekulationszeit". Nach der wunderbaren nationalen Erhebung und Einigung der Kriegsjahre eine Zeit der nationalen und sozialen Verbitterung, an deren Folgen wir noch heute schwer tragen. Lassen wir uns einmal die Eindrücke eines Mannes mitteilen, der damals mit brennendem Herzen den Ereignissen zusah. Der Altmeister unserer deutschen Volkswirtschaftslehre Adolf Wagner erhielt während des deutsch-französischen Kriegs seine Berufung als Professor an die Universität Berlin. Er berichtet in seiner Schrift „Wohnungsnot und städtische Bodenfrage", die Stadt hätte damals fast noch den Eindruck einer großen, friedlichen Landstadt gemacht. Als aber unsere Heere nach dem glücklichen Ausgang ihrer Kämpfe in Frankreich nach Ber
lin zurückkamen was mußten sie da erleben? Gerade in den Jahren 1871 bis 1873 schnellten die Preise der Baustellen, der bebauten Grundstücke und damit auch die Mieten außerordentlich empor! War dies Emporschnellen auf irgendwelche Leistungen der zufälligen Grundstückseigentümer zurück- zuführen? Nein, die weltgeschichtlichen Ereignisse, die Opfer des ganzen deutschen Volkes in diesem Krieg waren die Hauptursachen, welche die Grundstückseigentümer mit einem Schlag reich machten! „Ich sollte meinen", sagt Adolf Wagner, „die Tatsache, daß einem zurückkehrenden Krieger die Miete gesteigert oder, weil er mit einer großen Familie gesegnet ist, die Wohnung gekündigt wird, hat zehnmal mehr aufhetzend gewirkt als irgend etwas, was die Sozialdemokratie theoretisch oder praktisch vertreten hat". Was für ein Bild: Krieger, die ihr Leben eingesetzt haben für den Schutz des Vaterlandes, müssen plötzlich ohne Grund höhere Mieten bezahlen, werden mit ihren Familien auf die Straße gesetzt und müssen in Baracken untergebracht werden! (Auch das berichtet Wagner.) Soll es nach diesem Kriege auch wieder so werden, sollen all die schönen Güter der Einigkeit, des Opfermutes, der Vaterlandsliebe wieder zerstört werden durch das Einsetzen einer rücksichtslosen wirtschaftlichen Selbstsucht? Wir können's nicht wollen; keiner wenigstens, der sein Vaterland wirklich lieb hat!
Und doch sind auch jetzt wieder die Anzeichen da - wohl vereinzelt, aber sie sind da , die auf solch erbärmliches Ende eines großen Anfangs hindeuten. In der „Allgemeinen Zeitung" Nr. 4, Chemnitz, ist folgende Anzeige wörtlich zu lesen:
„Neue Gründerzeit! Für aussichtsreiches Unternehmen werden sofort 100 000 Mark gesucht. Es handelt sich um industrielle und Grund st ücks- Spekulation. Risiko ausgeschlossen. Stille oder tätige Beteiligung oder feste Dividende nach Wunsch. Großzügig veranlagte Reflektanten wer-