Nr. 6 ^^^^^^^r^^L^^^ Unsere Heimat ^r^^^i^^^^i^^^ Seile 207
Treue Rumeradschuftlichkeit unserer Landwehrmänner.
>^y s war am 22. Oktober 1914. Unser Regiment sollte gegen die bei Armentieres westlich von Lille stehenden Engländer vorgehen. Dabei mußte meine Kompagnie ein gefährliches Gelände überschreiten. Das Land ist ganz eben, überall stehen BauMgruppen, dazwischen ragen einzelne Gehöfte, auch Fabriken, empor. Wie uns mitgeteilt war, lagen die Engländer hinter einem Bahndamm in einer Entfernung von ungefähr 500 Metern. Wir gingen zuerst in Schützenlinie sprungweise vor, ohne von bem Gegner stark beschossen zu werden. Plötzlich wurde das feindliche Feuer lebhafter. Wir stürzten uns im Laufschritt in einen Wassergraben, der quer durch den Acker zog, und beschossen von hier aus die feindliche Stellung. Als das Feuer drüben nach- ließ, erhielten wir den Befehl, weiter zu stürmen. Ich sprang aus dem Graben heraus, hinter mir die Gruppenführer. Diesen Augenblick benutzte der Feind. Es begann ein rasendes Maschinengewehrfeuer. Die Kugeln pfiffen einem um die Ohren, klatschten in die Erdhügel, fegten durch die Büsche. Da war es unmöglich, dast die Kompagnie den Graben verliest. Wir Führer warfen uns schleunigst platt auf die Erde. An ein Vorwärtskommen war zunächst nicht mehr zu denken. Ich lag ungefähr 50 Meter vor dem Graben, auf einem ebenen Acker. Als ich nach einiger Zeit mich etwas aufrichtete, um durch das Fernglas die Stellung des Feindes näher zu erkunden, zerschmetterte mir ein Schuß den rechten Oberarm. Da die Schlagader zerrissen war und der zersplitterte Knochen mir heftige Schmerzen verursachte, knickte ich hilflos zusammen und brächte es nicht fertig, mich auf den Rücken zu drehen. Der Hagel der Geschosse dauerte unvermindert an, sodast jeder, der nur den geringsten Versuch machte, sich zu erheben, unfehlbar getroffen worden wäre. Ich lag ungefähr eine halbe Stunde, da merkte ich, wie hinter mir einer meiner Leute platt aus dem Bauche zu !mir kroch. Bald war er neben mir, nahm seinen Spaten, warf im Liegen vor mir einen kleinen Erdwall auf und höhlte unter mir und unter sich die Erde soweit aus, daß wir beide zusammen wie in einer Wiege lagen. Dann drehte er mich auf den Rücken und verband meinen Arm. Inzwischen sausten die Kugeln immer fort um uns herum; manche schlugen in unsren kleinen Wall und bewarfen uns mit Erde. Ich, hatte ein Fläschchen Cognak in nteinem Brotsack. Nachdem ich getrunken hatte, wollte ich meinen Helfer bewegen, sich auch zu stärken. Umsonst! Er lehnte alles ab tnit den Worten, er brauche nichts. Es wurde üns klar, dast wir bis zur Dunkelheit liegen bleiben müßten. Nach einigen Stunden richtete er sich, trotz meiner Warnung, etwas über den Erdwall empor, um nach dem Feinde zu sehen. Da — ein scharfer Schlag — mein tapferer Retter hob sich etwas ho>ch, und sank dann lautlos über mir zusammen. Eine Kugel mar ihm mitten durch den Kopf gegangen. Während ick) noch ganz erschüttert über den Tod dieses treuen Mannes nachdachte, hatte man auch schon aus dem Graben meine Lage bemerkt. Ein anderer Landwehrmann kroch abermals platt aus dem Leib den gefährlichen Weg und gelangte glücklich zu mir. Er legte sich auf meine andere Seite und höhlte Unter sich die Erde weg, damit auch er gedeckt lag. Dann schoben wir den Toten neben mich
und so lagen wir drei wie in einem Bett nebeneinander. Der Wehrmann, der meine starke Erschöpfung sah, gab mir sein Brot und half mir dann mit un- ermüdlicher Geduld meinen zerschmetterten Arm, oer mir große Schmerzen verursachte, anders zu legen, zu halten und zu stützen. Endlich kam der Abend. Mit zunehmender Dunkelheit liest das Feuer nach. Nun konnten wir daran denken, uns in Sicherheit zu bringen. Mein Helfer machte mir aus dem Bande des Brotbeutels eine tadellose Armbinde und half mir auf die Beine. Wir nahmen Abschied von dem Toten. Inzwischen war die Kompagnie zurückgezogen worden, um die englische Stellung am folgenden Tage von der Seite anzugreifen. So wanderte ich!, treu gestützt von dem Kameraden, durch die Finsternis, fast eine Stunde, bis wir die Verbandstelle erreichten, wo er mich den Aerzten überlassen konnte. Eine groste Freude ist es mir später gewesen, daß ich wenigstens ihm meine Dankbarkeit beweisen konnte, innern ich ihm das Eiserne Kreuz verschaffte.
Dr. Gr.
Drei Kaspar, Ein Gruß aus Hellinge ins feid. Nach Phot. von F. Lauer.