Seite 180 ^/^^^^^^^i^ft^^ß^ Unsere Heimat c^c^^^c^c^^c^c^^c^c^ Nr. 4
Da ist in Pillkallen nicht ein Fenster mehr ganz, Wohnzimmer sind Ställe, das meiste verbrannt, eben alles das Bild einer richtigen Verwüstung. So waren wir bis in die Nähe der Front gekommen. Wo wir angreifen mußten, lagen die Russen in einigen Schützengräben hintereinander bei Drotzwalde, Trackupöhnen. Die Russen hatten natürlich Zeit gehabt, ihre Verschanzungen gründlich vorzunehmen. Das waren die reinsten Befestigungswerke. Die galt es zu stürmen. Von Sonntag morgen bis Montag 1 Uhr waren wir marschiert, hatten aber das Regiment noch nicht, da wurden denn die Maschinengewehre auf Schlitten geladen, die Fahrzeuge blieben zurück und von neuem vor. Das vollzog sich nun schon unter Eranatenhagel. Das ist das Brenz- lichste, über offenes Feld vorgehen und die Granaten bald hier, bald dort in unmittelbarer Nähe. Aber ein Gefühl der Angst hat wohl keinen einen Augenblick befallen. Es geht eben alles, wie mans gehört hat, es kam mir vor, als gings zum Platzpatronen- schießen. Nur war das Schlimme, vom Marsch todmüde zu sein und immer wieder Hunger zu haben. Doch alles war wieder vergessen, als es dann abends hieß: „Ihr Regiment macht einen Nachtangriff auf die feindlichen Schützengräben, den Sie unterstützen". Welche Anstrengungen wir da gehabt haben bei Nacht, ohne Weg, bis über die Knie im Schnee, kann sich niemand denken, selbst unsere Frankreichkrieger knickten zusammen. Wir lagen 4 Stunden auf einem Fleck, da waren uns die Strümpfe an den Füßen festgefroren. Hose und Unterhose war alles Eis. Die Schrapnells haben uns umsonst wie die Schneeflocken, aber darüber macht man nur seine
Witzchen, denn die machen nichts, wenigstens uns haben sie nichts gemacht. Das Miferabele ist das Jnfanteriefeuer. Da sind wir durch, während die Kugeln mir wild am Ohr vorbeisausten, dabei ist and} einer von uns schwerverwundet worden, vom Maschinengewehrzug I, 1 tot, 3 verwundet. Und dann nach dem Sturm! Hunderte tote Russen, oeren Konserven wir uns nachher gut schmecken ließen und Hunderte von Gefangenen; unsere Division soll 7000 gemacht haben. Aber das Schrecklichste ist, unsere blutjungen Kameraden dort liegen zu sehen, wie sie mit gebrochenem Auge dort fern und unbeweint liegen. Alles in der Schlacht war schön. Alles möchte ich mitmachen bis zuletzt, nur das Schlachtfeld abgehen, das ist schrecklich. Um 11 Uhr morgens zogen sich die Russen dann schleunigst zurück, gefolgt von unserer Artillerie. Wir folgten erst am anderen Tage bis Pillkallen. Dort ließ ich mich abends, als der Arzt erfrorene Füße besichtigte, auf meinen Hals untersuchen und bin von dort aus am 11. nach Feldlazarett Granpischken, von dort hierher geschafft worden. Der Hals ist jetzt besser, doch habe ich Rheuma im linken Bein und Rücken. Der Arzt hat mich bis jetzt noch nicht transportfähig geschrieben, ob ich mit dem nächsten Transport weiter ins Innere komme, weiß ich nicht. Schreiben hierher hat wohl keinen Zweck. Nun hoffe ich, daß wir uns bald mal, wenn auch- auf kurze Zeit, wiedersehen, denn raus möchte ich doch bald wieder, denn schön ist's doch draußen.
Bis auf näheren Bescheid herzlichen Gruß Euch Allen Euer G.
des Grenadiers.
Ueber die Straßen schau'n die alten Muhmen Aengstlich nach den verflogenen Hühnern aus. Die scheck'ge Kuh brüllt wohlig aus dem Stalle Der Nero kläfft auf einer Räderspur. — Wars Peters Stute die vorüberfuhr . . . ? Grüß' mir das Vieh unb auch die Blumen alle.
Der Arzt sagt freilich . . . Gott sie trösten Jeden, Auch mich vorhin, als ich um Wahrheit frug. Dann hört ich leise sie lateinisch reden. Ich denk', es war latein und wußt' genug. Ich hab' gekämpft auch mit dem Tode wacker, Wie's ein Soldat und deutscher Bauer soll. Heut' Nacht, der Himmel war von Sternen voll, Heut' Nacht, sah ich ganz nah den Gottesacker. Ich sah des Vaters Kreuz im Kirchhofsgarten, Der kleinen Lene Hügel dicht dabei, Ganz voller Primeln noch, als wärs im Mai, Und hab's gefühlt: Vater und Schwester warten! Grüß' ihre Gräber, Mutter, sag', der Weg War mir zu weit. Und weine nicht! Ich leg' Mein Haupt hier friedlich an des Reiches Grenze, Wie's mir die Schlacht, der Sieg in Ehren gab, Und weiß es gut: In einem stillen Lenze Schmückt wandernd mir ein Landsmann wohl das Grab Und singt, den 9 anzen wieder aufgelaben, Im Weitergehen: „Ich hatt' einen Kameraden!"
Sieh', Mutter, all das große Vaterland Liegt bald im Frieden. Was in Sturz und Brand Verloren ging, wird wieder auferstehen, Und Tausend, Tausend werden's nicht mehr sehen. Auch ich nicht, Mutter. Doch ich fühl's und weiß; Ein Bauer nur, hab' ich mit Blut und Schweiß, Eh' mich die Kugel fern' von Euch gebettet,
Der Gries
Mich traf die Kugel, Mutter — ’s ist nicht schlimm, Sie haben Bomben aus dem Fort geschmissen.
Wir stürmen los — mich hat vielleicht der Trimm Zu unvorsichtig an den Feind gerissen.
Die andern lagen schon . . . Ich stand und lief. Granaten platzten. — Was der Hauptmann rief, Drang an mein Ohr nicht mehr ... Ich sah, wie kurz Das Feld mich trennte noch von den Verhauen, Sah rote Hosen unb den Frack, den blauen, Und stürmte mit „Hurra" . . . Ein Ruck, ein Sturz . . . Du mußt nicht glauben, daß es wehe tut.
Man greift zur Stirn und — hat die Hand voll Blut, Taunielt und krampst die Finger ins Gewehr, Knickt in die Knie und wankt . . . und weiß nichts mehr. ^Hier hab' ich's gut, ich lieg’ im Lazarett . . .
So sauber wie bei Dir zu Haus' mein Bett, Und eine Schwester pflegt mich all die Tage, Ein weißes Häublein auf dem goldenen Haar; Mutter, so blond, wie unsere Gretel war. Sie ist — freilich, sie will nicht, daß idj’s sage — Ist eine Gräfin. — Schlicht und ohne Lohn, Umsorgt sie treu und pflegt sie Deinen Sohn Und weiß doch, daß er ärmlich und gering, Im Lenz noch säend hinterm Pfluge ging.
Sie rückt behutsam Kissen mir zurecht, Erneut der Binden kühlendes Geflecht Und fehlt mir nie, so leis ich sie auch rief, Und kühlt des Fiebers heiße Flackerbrände Und hat so schöne, schlanke, weiße Hände — Und sie besorgt auch diesen letzten Brief. Den letzten Mutter — wiss es und sei stark! Jetzt schau' ich unter Kiefern in der Mark Im sandigen Boden unser kleines Haus, Der Abend kringelt um die Sonnenblumen,