Seite 178 ^^^t^^^r^i^^^^^ Unsere Heimat ^r^^^^^^r^^^^s^ Nr. 4
gut 1 Mtr. stark und bestehen aus Lehm, der auch als Gegengift gegen Granaten hervorragende Dienste leistet. Im Innern befindet sich ein gut funktionierender Ofen, der auch als Herd zum Braten von Kartoffeln, die die Franzosen in zuvorkommender Weise in den unsere Batterien umgebenden Aeckern haben stecken lassen. Das Einzige, was uns manchmal lästig wird, ist das Grundwasser, das täglich mehrmals aus Sammellöchern geschöpft werden muß. Da wäre eine „Puddelpumpe" von großem Vorteil. Ich bin in den sämtlichen Dörfern oer Umgegend auf der fruchtlosen Suche danach gewesen. Mit dem Schießen ist es auch anders, als man sich's oorstellt; da man von dem Ziel, das man beschießt, gar nichts sieht und einem infolgedessen gar nicht zum Bewußtsein kommt, was man anrichtet. In den meisten Fällen wird ja wohl das Unglück nicht so groß sein, wenn man nach dem Erfolg schließen darf, mit dem uns die Franzosen beschießen. Der ist nämlich negativ. Aber dann und wann wird doch manchmal durch das Telephon gemeldet, daß wir etwas getroffen haben, neulich ist es sogar vorgekommen, daß wir durch Fehlschüsse ein Ziel getroffen haben, das gar nicht beabsichtigt, aber trotzdem sehr wichtig war. Das war ein Mordsspaß. Wenn wir während des Schießens wieder beschossen wurden, treten wir unter und hören auf. Dann steht im französischen Tagesbericht: „Line feindliche Batterie wurde zum Schweigen gebracht".
Nun auch noch etwas aus unserem Leben außerhalb der Feuerstellung. In den ersten Monaten hatte die Batterie ihr Heim in einem dicht daneben liegenden Dorfe aufgeschlagen. Dies wurde aber mit der Zeit etwas windig, da die Franzosen täglich einige Granaten hereinfeuerten, von denen eines Tags eine gerade in die Schreibstube ging, wobei es einen Toten und mehrere Verwundete gab. Die Wohnstätte wurde deshalb in einen weiter rückwärts gelegenen Wald verlegt. Eine große Bretterbaracke wurde gebaut, die möglichst wohnlich eingerichtet wurde. Ls fehlt sozusagen nichts. Selbst eine sehr reichhaltige Kantine, in der man außer vorzüglichem Münchener Bier (bas Glas zu 15 ,H) die verschiedensten Genüsse für billiges Geld zu kaufen bekommt. Dieses Waldquartier, genannt „Villa Granatenruh", ist in der Tat idyllisch gelegen und würde sich nach unserem Verschwinden beispielsweise als Wandervogellandheim oder als Behausung für eine Ferienkolonie hervorragend eignen. In bett 48 Stunoen, die wir hier zubringen, können wir nicht der Ruhe pflegen. Da gibt es allerlei Arbeit. Im Vordergrund steht die Anlage von Knüppelalleen, die wir wegen der Feuchtigkeit des Bodens in unserem „Park" nach allen Richtungen hin anlegen. Dabei macht mir immer Spaß, daß man einen Baum, den man braucht, einfach abhauen darf, ohne eine Anzeige wegen Waldfrevels befürchten zu müssen. Ueberhaupt kann man bei allem, was man braucht, aus dem Vollen schöpfen. Da es an Wasser zum Kochen von Trinkwasser nicht zu reden — fehlt, haben wir beschlossen, einen Brunnen zu graben. Es scheint mir, als ob der Landrat und der Kreisarzt, die in dieser Gegend für gewöhnlich ihres Amtes walten, auf die Anlage von Wasserleitungen nicht so wütig sind wie bei uns daheim, oder als ob die Gemeinderäte oer verschiedenen Dörfer diesen beiden Herren erfolg
reicher Widerstand leisteten als dort. Als erstrebenswerte Abwechslung empfindet man es, wenn man für einen Tag irgendwohin abkommandiert wird. So war ich neulich mit einigen Kameraden an oer nächsten Bahnstation, die etwa 7 Kim. von unserer Villa entfernt ist, um ein Kanonenrohr zu verladen. Wenn man berücksichtigt, daß dies nur die Kleinigkeit von 60 Centnern wiegt, so sieht auch der Laie ein, daß dies eine Arbeit ist, die mit List und Tücke ausgeführt sein will. Nach einigen Stunden angestrengtesten Schaffens gelang es uns denn auch unter Assistenz eines biederen bayrischen Eisenbahnbeam- ten, der für die guten Reden sorgte, bei denen die Arbeit munter fortgeht, das Rohr auf den für es bestimmten Wagen zu befördern. Ein besonderer Genuß war mir dabei der Spaziergang nach der Bahnstation; denn die Gegend hier entbehrt nicht der Reize, wenn ja auch ein Sohn des Kinzigtales etwas anderes gewohnt ist. Das Schönste an der Landschaft sind einerseits die immer auf der Höhe einherziehenden, mit herrlichen Pappelreihen bepflanzten Landstraßen, andrerseits die an diesen Landstraßen liegenden Dörfer mit ihren für diese Gegend charakteristischen Kirchtürmen. Da meist die Straßen mit den Dörfern den Horizont bilden, sieht man alles, was sich, auf der Straße bewegt, als Silhouette, was besonders in der Dämmerung ein ganz eigenartiges Bild abgibt. Bei einem Gang sah ich neulich einen Infanteristen, der eine schöne Kuh mitführte, die nicht etwa zur Schlachtbank sollte, sondern in die Schützengräben, wo sie Mannschaft mit Milch versorgt. Die Dörfer dicht hinter der Front sind ohne Bewohner, weiter hinten findet sich ziemlich viel Zivilbevölkerung, die von unserer Militärverwaltung mit den nötigsten Lebensmitteln versehen wird. In der Nähe unserer Bahnstation liegt ein wundervolles Schloß mit großem Park; auf dem Teich schwimmen sogar noch zwei Schwäne, die vom Krieg nichts zu wissen scheinen. Der Gedanke aber, der einem beim Anblick der hiesigen Landschaft mit den ihr anhaftenden mannigfachen Spuren des Krieges immer wieder kommt, ist der, daß es ein gewaltiger Erfolg war, es möglich zu machen, den Krieg seit nunmehr 7 Monaten in Feindesland zu führen, und andrerseits wird, wenn man die Verfassung unserer Truppen sieht, jeder Zweifel daran, daß der Krieg einen anderen, als den vom ganzen deutschen Volke ersehnten Ausgang nehmen wird, behoben. F. C.
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Von einem Felddivisionspfarrer im Westen.
. . . Vor einigen Tagen ritt ich mit einem Offizier über ein altes Schlachtfeld, er zeigte mir, wo er, zwei Kilometer über die schachbrettflache Ebene hin, angriff. Ich fragte ihn, wie ihm dabei eigentlich zumute gewesen sei. „Fast apathisch, nur noch ein Gefühl, das mir half, ganz ruhig ins Gefecht zu gehn, nämlich die Ueberzeugung, daß ich nicht ausgelöscht werde, daß ein großes, reiches Leben drüben auf mich wartet". Sieben Wochen war ich in R., nachdem ich einigermaßen wiederhergestellt war, in einem Tag und Nacht fast ununterbrochenen Granatfeuer. Ich war gerade der einzige Pfarrer so weit vorn, so habe ich Protestanten, Katholiken und Juden beim Sterben geholfen und sie begraben.