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Seite 156 g^g^g^g^g^gxsg^g^g^gxsg^g^ Unsere Heimat g&g^g&g^g&c^c^g&g^g&g^g^ Nr. 2

gottesdienst ab halten, und sollte dieser Tag ganz be­sonders gefeiert werden. Daher wurde mit großer Majorität beschlossen, „Z w e t s ch enku ch e n" zu backen. Ein geschäftiges Treiben entwickelte sich, Zwetschen wurden geholt, gelernt, alle Kuchenbleche des Ortes, und wenn sie noch so nötig waren, zu- sammengetrommelt, geschruppt und mit Salatöl dick beschmiert. Weizenmehl und Hefe stand uns leider nicht zur Verfügung, aber unser Kompagnie- Bäcker, Freund-Vollmerz, hatte ja genügend Kom­mißbrotteig. Jede Quartiergruppe holte sich Dann einen ordentlichen Kloß davon, mit glatten Knüp­peln wurde er ausgewalzt, belegt, (bie ganz nobeln, zu denen auch die 4 auf meiner Bude gehörten, hatten noch eine schöne Kranzverzierung von Apfel­schnitten gemacht) und dann von heißen Wünschen begleitet ins Backhaus gebracht. Es war ein fiebert und Treiben, so geschäftig, wie es unsere Hausfrauen daheim ungefähr an einem Festsonnabend an den Tag legen. Leidlich schön kamen die Kuchen aus dem Backofen, nur auffallend dünn waren sie ge­blieben, was einen Vorwitzigen natürlich gleich zu der anmaßenden Aeußerung veranlaßte, daß man da auch das M. . ., Verzeihung, den Mund nicht so weit aufzumachen brauchte, wie bei denen auf der Hohenzeller Kirmes. Schön mit Zucker wurden sie abends noch bestreut und am anderen Morgen gings mit den größten Hoffnungen zum Kaffeetisch. Mit aller Kraftanstrengung wurde er aufgeschnitten. Waren die Kuchen schon nicht viel dicker wie eine Schuhsohle, so waren sie auch nicht viel weicher, doch hätte sich beileibe keiner eine Blöße gegeben. Die Zwetschen rutschten ja spielend hinunter, aber

der Teig wollte nicht mit, je länger man kaute, desto zäher wurde er. Na, kurz und gut, er wurde hinunter gewürgt, abwechselnd kniff jeder mal ein Auge zu und machte eine schlängelnde Bewegung mit dem Halse, ähnlich wie ich es schon bei Enten oder Gänsen beobachten konnte, die einen dicken Brocken nicht hinunter kriegen können. Nachmittags wurde dann einstimmig beschlossen, nie wieder Zwetschenluchen zu backen.

Gestern Abend wurde uns durch Telegrammanschlag bekannt, daß Die Russen von unseren braven Waffen­brüdern im Osten, in ganz Polen geworfen wären und unsere tapfere Flotte die an der englischen Ostküste gelegenen Häfen Scarborough und Hact- lepool beschossen hätte. Lauter Jubel erscholl und wurde sofort ein kräftiger Schluck Rum auf Deutsch­lands Ruhm genommen, sowie ein Grog gebraut, der aus allen möglichen vor- und nachsintflutlichen Gefäßen getrunken wurde, und wie selbstverständlich Hangs aus einem Dutzend Kehlen: „Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!"

Doch ich komme zum Schluß, (ist aber auch Die höchste Zeit, höre ich Sie im Geiste sagen) denn es ist 1 Uhr Nachts geworden; alles um mich her schläft und aus der Ecke tönt liebliches Schnarchen, nicht gerade in Molltonart. Nur ich allein sitze noch hier, denke der Lieben zu Haus und des trauten Städtchens im Kinzigtale.

O Heimat - du liebe lockende Stätte, wann werde ich dich wiedersehn?! Bald tritt das neue Jahr an uns heran, möge es allen unseren Wünschen Erfüllung bringen. -

Willi Rollmann.

Begegnung in Feindesland.

(Nach einem Bericht in der „Frankfurter Zeitung".)

Ein Beitrag zum „Edelmut" unserer Feinde.

Es war auf dem Bahnhof von Montlueon, Ein überfüllter Zug fuhr nach Lyon.

Ein anderer kam um Mitternacht Herein gefahren von Bordeaux: Zuaven, Inder in bunter Tracht, Dazwischen Turkos und tausend Franzosen! Im Hin und Her, mit Lärmen und Tosen Umdrängte man einen Güterwagen, Darinnen aus verfaultem Stroh, Bewacht durch Säbel und Bajonette, Qluf einem spott-elenden Iammerbette, Harrend auf Pflege, Labung und Tag — Ein schwerverwundeter Deutscher lag.

Er hob das Haupt jetzt: blondes Haar, Ein Sohn aus deutschem Weizenfeld . . . Ein Antlitz: siebzehn, achtzehn Jahr . . . Zwei blaue Augen: Kind und Held — Staunend in das freche Gedränge . . . Ein jeder hatte nur Hohn für diesen, Man spie aus der erbärmlichen Menge, Ein jeder mußte ein Schimpfwort sagen.

Der Wache, die ihre Kolben erhob, Schien doch dies ekle Gaskognerspiel Mit einem todwunden Soldaten zuviel — Sie drohte und drängte zurück den Mob. Doch Hunderte stürzten mit wüsterem Schreien Herzu, noch ekler zu fluchen, zu speien . . .

Ein deutscher Mann, der unerkannt, Gefährdet unter den Wichten stand, Vernahm erblaßt, was da geschah, Er hätte so gern ihm ein Zeichen gegeben, So nah — so fern! So fremd — so nah!

O möchte er doch das Haupt erheben! Ein Wort? Es wäre sein Tod gewesen. Ein einziger Blick, Gesicht in Gesicht, Der Aermste müßt' im Aug' ihm lesen: „Mein Junge, schau, bist nicht allein! Wie deine ist auch meine Pein! Hier ist ein Herz, eine deutsche Brust, Halt aus! Wie draußen in Todeslust . . ."

Doch ach, er hob die Augen nicht!

Und als die feige, lästernde Meute

Mit Sang und Schimpfwort sich zerstreute, Fühlt eine List er in sich reifen, Harmlos begann er leis zu pfeifen — Ein deutsches Lied, gewohnt dem Ohre, Seit unsrer Ahnen Liebestraum: „Am Brunnen vor dem Tore, Da steht ein Lindenbaum . .

Da hob der Kopf sich aus dem Stroh.

Vier Augen brannten, heiß in heiß, Zwei Herzen flammten lichterloh — „Mein Blick soll euch auf tausend Fragen, Euch, blauen Augen, Antwort sagen — Nicht sprechen! Bruder!"

„Dank, ich weiß — Trotz Schmerz und Schmach — ich halte aus! Grüß mir mein Land, mein Vaterhaus . . .

„Lebwohl, mein Blondkopf!"

Heiß und froh

Sank sanft das Haupt zurück ins Stroh. . ."

Carl Friedrich Wiegand.