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bei uns alten Landstürmern ist im allgemeinen gut zu nennen, wenns auch bei dem nassen Wetter in manchen Knochen zwickt und reifet und auch mancher Zahn rebelliert, doch wird dem letzteren Uebel mit gewohnter Promptheit von mir abgeholfen.
Seitdem sich kürzlich ein biederer Schwabe in liebevollem Ton über die Engländer äußerte, „dene schlage mer die gansche Zähne ei", trug ich mich mit dem Gedanken, mein Heil mal drüben zu versuchen, da mir nach diesen verheißungsvollen Worten dort ein außerordentliches Geschäft winkte; doch habe ich mir wiederum überlegt, in erster Linie unsere Zähne in Ordnung zu halten, damit wir dieselben unseren Feinden ringsum noch recht tüchtig zeigen können. Kamerad Flemmig berichtete kürzlich in seinen Feldbriefen, daß sich zu ihren Feinden im O st e n auch Läuse und Flöhe gesellt hätten. Ich muß deswegen Ihnen als neutralem Staat eine energische Protestnote mit der Heiligen Versicherung unterbreiten, daß wir hier im Westen auch Läuse und Flöhe haben. Wenn es uns in der Kompagnie auch gelang, der ersteren unter Anwendung sämtlicher Salbentöpfe Herr zu werden, sodaß die Opfer der Katastrophe nur 5 Mann betrugen, so hatten wir in dem „springenden" Punkt einen nicht zu unterschätzenden zähen Gegner gefunden. Da dieser Feind auch noch allem Anschein nach über bedeutende Reserven verfügt und das Gelände für unsere 42-Ztm. Brummer nicht geeignet ist, so hat sich diese Kampfesweise in eine Art von Kleinkrieg um= gewandelt, und werden Erfolge bereits auf der ganzen Linie gemeldet. Sollten trotzdem noch Zweifel herrschen, werden, so lange Vorrat reicht, an ernsthafte Reflektanten selbstgezüchtete Reinkulturen gratis und franko abgegeben. Als letzte Neuheit und Schlager der Saison in Unterkleidern haben wir hier jetzt das „Archibald Douglas"-Hemd, so genannt, weil ein launiger Onkel seinem Neffen ein Hemd als Liebesgabe schickte mit den Worten: „Ich hab es getragen sieben Jahr, ich trag' es nicht länger mehr " Beinah hätte ich noch Die Liebesgaben — Cigarren zu erwähnen vergessen, welche so vom Sparhof landeinwärts in die Rhön versandt werden. Es wird dann dem Raucher einer solchen echten „Henry-Clay" in mehr oder weniger deutlicher Weise zu verstehn gegeben, sich bis zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit derselben im Freien aufzuhalten. Bei oen Spenden dieser würzigen Gewächse wird, (bei aller Hochachtung des edlen Zweckes), doch zu viel an Liebe aufgewandt, sodaß die Gabe drunter leidet.
Als abendliches Stammlokal hier in Thielt haben wir uns eine kleine blitzsaubere Wirtschaft erkoren, die den vielversprechenden Namen „De Vlasbloem" (zu deutsch: Die Flachsblume) führt. Ein holdes Mägdelein, so schätzungsweise zwischen 45 bis 50 Jahren, kredenzt uns den vollen Humpen mit Bier, das hier in Belgien ungefähr so klar (?) aussieht, wie bei uns zu Haus der süße Apfelwein. Wir helfen uns aber über diese Kalamität leicht hinweg, indem wir beim Trinken die Augen schließen und an den „Eckebäcker" in Schlächtern denken, dann schmeckts stark nach München. In der „Flachsblume" wird dann die abendliche Politik gemacht, ähnlich wie bei Ihnen daheim am runden
Tisch der Bierhalle, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß dorten die Sache theoretisch behandelt wird, während wir hier, so „ein klein bißchen" in der Praxis drin stehen. Alles Mögliche und Unmögliche wird erwogen, und wehe dem sogenannten „Miesmacher", der an unserem endgültigen Siege etwa zweifeln wollte. „Und wenn die Welt voll Teufel wär" - Ein Feldgrauer brächte uns dieser Tage aus der Front auch eine Einladung für Weihnachten mit, woraus Sie ersehen können, daß der Humor der Deutschen auch in den Schützengräben unter dem feindlichen Feuer nicht versagt. Es hieß da wörtlich : „Die Feier wird durch einen französisch-eng- lisch-indisch-japanisch-russischen gemischten Chor eingeleitet. Es folgt ein Vortrag über französische Kulturfortschritte in den von deutschem Militär besetzten Gebieten, anschließend daran deutsches Granatfeuerwerk. Hin- und Rückbeförderung erfolgt auf sechsspännigen Geschützprotzen. Massive Regenschirme wegen eventuell eintretenden Kugelregens erwünscht!" Also kommen Sie mal zu diesem verlockenden Programm.
Etwas können sich die Belgier von uns Deutschen noch zum Muster nehmen, das sind unsere Oesen und Betten; beide sind hier miserabel. Die Oefen ziehen entweder nicht, oder rauchen mehr nach hinten wie durch den Kamin. Und die Betten? Das ist eigentlich etwas, das man nur noch dem Namen nach kennt! Hat man nach langer Zeit mal wirklich so ein Ding wie Bett erwischt, ists gewiß eine eiserne Bettstelle und viel zu kurz. In dieser Hinsicht haben wir nun eine großartige Erfindung gemacht, wir lassen die Beine einen halben Meter Überhängen und benutzen die Füße als Kleiderhaken! ! Ja, wir gedenken sogar, nach unserer Rückkehr uns Diese Sache des billigen Anschaffungspreises und der leichten Anwendbarkeit halber patentamtlich schützen zu lassen.
Auch das jüngste Produkt unseres Heimatbundes, der Kalender für 1915, kam mir hier zu Gesicht, freudig von allen Schlüchternern begrüßt. Als Gegenstück zu den „3 Alten" sende in der Anlage einige Karten als kleine Erinnerung an Flandern, (einige Alte vom Schlage der „Friedrichen" in Eundhelm werden Sie auch darauf finden) sowie ein Gedicht über den Landsturmmann bei der Etappe, welcher wir auch angehören. Auch der Artikel über die Zwetschenernte und deren Verwendung ruft noch ein kleines heiteres Erlebnis in mir wach.
Die 1., 2. und 4. Kompagnie unseres Bataillons lagen in La Croir aur Bois, (welches in freier deutscher Uebersetzung — „Das Kreuz im Walde" — recht anheimelnd klingt) während unsere Kompagnie eine Stunde weiter in dem tief in den Ardennen gelegenen Gebirgsdörfchen Toges (Toosch) lag, das mich recht lebhaft an Kressenbach in der Heimat erinnert. Ein sprudelnder klarer Bach, eine Mühle vorm Dorf, von drei Seiten Wald, die vierte eine langgezogene terrassenartige Berglehne, mit prächtigen Obst- und Nußbäumen bepflanzt, so liegt das Nestchen da wie hinein gezaubert, fast glaubt man, die Berge wollten es zerdrücken. Es war in den letzten September- tagen, ein strahlend blauer Herbsttag neigte sich seinem Ende zu. Für den morgigen Sonntag wollten wir auf dem mit schönen Linden bepflanzten freien Platz vor dem Hause des Bürgermeisters, Feld-