Einzelbild herunterladen
 

Seite 154 ^^s^^^^r^^r^^i^w Unsere Heimat ^r^r^^r^r^r^^r^KF^Qs Nr. 2

hier beobachten, mit welcher Geschicklichkeit und Emsigkeit die zarten Kinderhände die Klöppel warfen und die Nadeln aus dem Klöppelkissen mit einer Sicherheit steckten, die mich geradezu staunen ließ. Die Bewohner sind hier meist offener im Benehmen gegen uns, wenn auch etwas träger im Geist, als in Ost-Flandern und vor allem im nördlichen Bra- bant, haben sich schon vollständig daran gewöhnt, deutsch zu werden, wenn auch viele noch fest und steif behaupten, wir wären nur aus Furcht und auf der Flucht vor den „Russen", die schon längst in Berlin wären, hierher nach Belgien geflohen. Die Anschauung ist ja sehr naiv, und werden auch diese Zweifler hoffentlich recht bald eines besseren belehrt werden. Einesteils haben diese Leute ja recht, denn „Russen" haben wir nachgerade bald zur Genüge in Deutschland mitsamt Geschützen und einer erklecklichen Anzahl Maschinengewehren. Uns armen Deutschen wird denn auch alles zur Last gelegt, denn als auf Butz- und Bettag hier ein handhoher Schnee gefallen war, von 6 bis 8 Grad Kälte begleitet, ein Ereignis, dessen sich die ältesten Leute um diese frühe Zeit nicht erinnern konnten, da meinte eine biedere Alte in höchster Ueberzeugung, den Winter hätten natürlich die „Dütschen" mitge­bracht. Also überall sind wir die Urheber alles Bösen! Trotzdem sind die Belgier schon ganz gut „naturalisiert", machen uns deutsche Gebräuche nach, und sogar das unvermeidliche „Puppchen, du bist mein Augenstern" hat seinen Siegeszug bereits ge­halten. Dort hört man auch das „Gloria-Viktoria" und sogar „Es braust ein Ruf wie Donnerhall" von jungen Bengels singen. Ob sie das letztere nun aus angestammtem Patriotismus für Deutschland singen oder aus „Geschäftsrücksichten", (ba es ge­wöhnlich ein 5 Centimes-Stück für die Leistung gibt) war mir psychologisch zu ergründen bisher nicht möglich. Sehr häufig sieht man auch unsere Soldaten in den Wirtsstuben nach den Klängen der Ziehharmonika die belgischen Schönen im Tanze drehen; doch finde ich dieses Bild zu bunt für den ernsten Rahmen. Die Gegend hier ist ziemlich ein­tönig, alles Flachland mit viel Wasserläufen durch­zogen, kleine eingesprengte Feldgehölze und weit auseinander gedehnte Ortschaften. Die einzige Poesie wird durch die vielen Windmühlen hinein getragen, welche Mit ihren sich lustig im Winde drehenden Flügeln die Gegend anmutig beleben. Dieser Tage krarelte ich mal in eine solche hinauf und ließ mir von dem Müller die Einrichtung erklären, war sehr interessant. Doch hat auch diese Poesie einen sehr ernsthaften Hintergrund, seitdem unsere Heeres­verwaltung festgestellt hatte, daß manche etwas erhöht stehende Mühlen durch jedenfalls verab­redete Flügelstellung dem Feinde bestimmte Zeichen über unsere Stellung und Bewegungen machten. Auch die Haushunde spielen hier eine große Rolle, zum Transport über Land, der Milchwagen und aller sonstigen Fahrzeuge, werden sie verwandt, und sogar vor die Fahrräder spannt man sie. Mich packt immer eine gelinde Wut, wenn ich so ein armes Tier sich abhetzen sehe, einen faulen Rad- fahrer zu ziehen, der doch in dem ebenen Gelände keine große Mühe braucht, um die Pedale selbst zu treten. Hier können wir in dieser Beziehung noch einige unserer Gesetzes-Paragraphen anbringen, unb

auch unsere Tierschutz-Vereine finden hier noch ein lohnendes Feld ihrer Tätigkeit. Sehr viel Abwechs­lung bringen auch die Gefangenentransporte, welche von der Front an die Etappentruppen und von diesen weiter geleitet werden. Erst dieser Tage kamen wieder zwei Transporte von ungefähr 600 und 300 Mann hier an und wurden von unserem Bataillon weiter geführt. Es war dies ein buntes Bild, Fran­zosen, Belgier, Inder, Senegalesen, Tunesier, Zu- aven und wie diese Bande alle heißen mag, aber wenig Engländer, da dieselben sich immer rechtzeitig zu salvieren verstehen. Die Kerle sahen recht be­klagenswert aus, beschmutzt von unten bis oben, und die langen Schoßröcke der Franzosen klatschten nur so gegen einander vor Schmutz und Nässe bei jedem Schritt. Ich sah bei denselben Leute in jeder Alters- abstufung vom 17jährigen Jungen bis zum 48jährigen ergrauten Manne, alle stumpf mit resig­nierten Mienen und doch froh, gesund in deutsche Gefangenschaft geraten zu sein, wie mir ein junger Mann versicherte, der in Heidelberg auf der Universität einige Semester studiert hatte und flie­ßend deutsch sprach. Die braunen und schwarzen Kerle waren lauter stämmige Gestalten und im Faustkampf wahrlich keine zu unterschätzenven Gegner, die Hände sind die reinsten Löwenpranken. Einer derselben hatte eine Kniegelenkentzündung und kam mit zwei seiner Kameraden auf meine Stube, um daselbst vom Arzt auf seine weitere Transport- fähigkeit untersucht zu werden. Seine beiden Beglei­ter hatten ihn abwechselnd auf einem Schubkarren den 22 Kilometer langen Weg, immer mit ber Transportkolonne gleichen Schritt haltend, gefahren, gewiß eine schöne Leistung. Zusammengerollt wie die Igel, lagen sie alle drei frierend ums Feuer, um bei der leisesten Berührung emporzuschnellen wie von einer Natter gestochen und eine unterwürfige Stellung einehmend. Jede kleine Gabe nahmen sie dankend an, dabei nach meiner Hand haschend, um dieselbe, oder wenigstens den Rockärmel, zu küssen. Dankbarkeit steckt demnach auch im wildesten Men­schen. Dann gibts noch ein Ereignis, das jedesmal die Herzen höher schlagen läßt, das ist die Ankunft der Post. Da drückt sich einer nach dem andern auf der Kompagnie-Schreibstube zur Türe hinein, bis es unserem Feldwebel, Fritz Schäfer, zu bunt wird und er mit der bekannten Geste mit beiden Händen in der Luft herumfuchtelt und den ganzen Schwärm mehr oder weniger sanft, je nach Laune, zur Tür hinaus drängt mit den Worten: „Es ist noch nicht sortiert!" Ist dann endlich die Sortierung beendet, sind die Sachen an die Korporalschaften und dann an die einzelnen Empfänger verteilt, da gibts strah­lende Gesichter und frohe Mienen ob der Neuigkeiten von zu Haus und der mancherlei Herrlichkeiten in den Paketen; atmet doch alles Heimat luft und Heimat duft, nicht zuletzt der „Hausmacher Schwartenmagen" der mir kürzlich von lieber Hand aus Hohenzell geschickt wurde. Sehr gefreut haben wir uns über die Zusendung von „Unsere Heimat" mit ihrem reichhaltigen Inhalt, der so recht der jetzigen Zeit angepaßt ist; haben gelacht über die „Russen" in Schlüchtern, mit ihrem tapferen Kom­pagnieführer an der Spitze, sahen die Verwundeten vor dem Kreiskrankenhaus und Freifrau v. Stumm inmitten der Genesenden. Der Gesundheitszustand