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Nr. 2 ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^wß^ß^ß^ß^ Unsere Heimat ßßß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ßSß^ßy Seite 153

bei unserem Ausrücken am 21. August wohl alle nicht geglaubt, daß wir unser liebes Weihnachts- fest, das vor der Türe steht, noch im Felds feiern müßten. Doch wollen wir nicht kleinmütig werden, und wenn manche behaupten, es ginge mit oem Siegen hier im Westen nicht mehr so rasch wie in den August- und Septembertagen, so wollen wir uns vorhalten, was wir schon alles erreicht haben in dieser Zeit und vor allem bedenken, daß wir gegen eine Welt von Feinden zu kämpfen haben. Bereits am 28. August wurden wir in Hanau ver­laden und direkt über Luxemburg nach Belgien befördert. Von da gings in meist größeren Märschen nach Frankreich im glühenden Sonnenbrände der Septembersonne, die es in diesem Jahr gar zu gut mit uns meinte. „Von der Stirne heiß, rinnen muß der Schweiß" hörte man manchen unserer braven Landstürmer stöhnend und keuchend unseren Schiller zitieren und manches, in diesen Jahren mit­unter recht ansehnliche Dimensionen aufweisende Bäuchlein wurde zusehends dünner, so daß wir heute schlank wie die Tannen geworden sind. Auch ich habe so meine 20 Pfund Ballast, wie der Luft- schiffer sagt, ausgeworfen, ohne daß jedoch mein Wohlbefinden darunter gelitten hätte. Der Humor kam auch bei den anstrengendsten Märschen zu seinem Recht; lag der Staub der Straße, (in Schlächtern segt mer Staab) durch die vorbeirasenden Autos und die endlos langen Proviant- und Munitions- Kolonnen rebellisch gemacht, oft fingerdick auf uns, sodaß man kaum den Vordermann erkennen konnte, dann bezeichneten wir uns lachend als „Staab s"- Offiziere. Am 10. Oktober verließen wir auf höheren Befehl das gastliche Frankreich, das uns in durch­aus liebenswürdiger Art und Weise seine Ochsen, Kühe, Hämmel, Schweine, Kartoffeln, Obst und Gemüse und was sonst noch alles zur leiblichen Notdurft gehört, zur Verfügung gestellt hatte. Be­reits am 12. Oktober marschierten wir über oie Maashöhen an dem von 1870 berühmten D nchery vorbei, das diesmal größtenteils in Schutt und Trümmern liegt, um auf historischer Stätte, in Sedan, nach Namur verladen zu werden. Dicht hinter Sedan hatten wir Gelegenheit, eine Bravourarbeit unserer Pioniere und Eisenbahner zu bewundern, die es in 2 Tagen fertig brachten, die von den Fran­zosen beim Rückzüge gesprengte Maasbrücke durch eine ungefähr 80 Meter lange Notbrücke, welche von den schwersten Eisenbahnzügen überfahren wuroe, zu ergänzen. Von Namur bis Brüssel, durch das herrliche Brabant, an schmucken Dörfchen und im Glanz der Herbstsonne prangenden Fluren vorbei fahrend, sah ich nichts mehr von den Zerstörungen und Schrecken des Krieges, wohl aber alles seinen alltäglichen, gewohnheitsmäßigen Gang gehen als besten Beweis für die Verwaltungstechnik der „deut­schen Barbaren!" Nach kOtägigen Gastspielrollen in Brüssel mit seinen Prachtbauten, von denen be­sonders das Siegestor, der Justizpalast und die Börse hervorzuheben sind, in Tubize (spr. Tubiis) und Ninove mit seinen großen Kunstseidefabriken und nach Absolvierung einiger recht „zünftiger" Märsche kamen wir am 22. Oktober in Ostende an, der internationalen Centrale für Kreise von 100 000 Mark Jahreseinkommen aufwärts.

Hei, wie dröhnte der Strand unter den wuchtigen

Schritten der Nagelschuhe unserer deutschen Land­stürmer, wo sich sonst nur leichten und trippelnden Ganges die elegante Lebewelt bewegte. Wie klärte sich der Blick und weitete sich die Brust, und mancher Finger deutete übers Meer mit den Worten: „Dort liegt England!" Voller Ingrimm und Wut ballte sich manche Faust, und manches Kosewort über oie falschen Vettern da drüben klang hinaus. Gar oft habe ich stundenlang am Strande gestanden und dem Spiel der Wellen zugeschaut; wie sie heran- gewäkzt kamen die glitzernden, schäumenden Wogen- lämme, um donnernd an Deich und Mole zu zer­schellen, daß der Gischt viele Meter hoch spritzte; ein Bild der Urwüchsigkeit und Kraft. „Und Wog' auf Wog' ohn' Ende bricht, doch das Meer es erschöpft sich nicht!"

Glaubten wir in Ruhe und Beschaulichkeit unsere Tage k u r g e m ä ß hier zubringen zu können, so hatten wir uns gründlich getäuscht. Schon nach wenigen Tagen kreuzte ein feindliches Geschwader von 14 Schiffen vor Ostende, und als fast sämtliche Offiziere bei der Mittagstafel saßen, wurde das prächtige, am Strande gelegene Hotel-Majestic von einem Torpedoboot durch 8 Granaten be­schossen, die eine furchtbare Verwüstung anrichteten und wobei 1 Marinearzt getötet und 1 anderer Offizier schwer verletzt wurde. Von da an gabs aber Leben in die Bude, die schöne Strand- und Kurpromenade wurde aufgerissen und mit schweren Geschützen gespickt, für jeden Privatverkehr ver­boten und streng abgesperrt, da jedenfalls bei der Beschießung Verrat im Spiele war, denn sonst hätte das feindliche Schiff unmöglich wissen können, daß gerade in d e m Hotel zur bestimmten Stunde alle Offiziere versammelt waren. Unserem Bataillon lag die Bewachung und Sicherung gegen feindliche Landungen, der Bahnlinien und des Kanals Ostende-Jabeeke ob. Viel belacht wurde von uns eine Episode, als wir Abends um 11 Uhr alarmirt und ausrücken mußten. Eine Landung eng­lischer Truppen bei Blankenberge wurde vermutet, eisig kalt strich der Wind vom Meere herüber, frierend und schlotternd lagen und standen wir am Kanal bis 5Hz Uhr morgens, hatten aber beim Abrücken das stolze Gefühl, mit einem Schlage in einer Ziegelei Hunderttausende von „Russen" vollständig umzingelt und bewacht zu haben. Eine Beschießung von Ostende fand während unseres Dortseins nicht mehr statt, da unsere Strandbatterien durch ihre eisernen Grüße die feindlichen Schiffe in sehr respektabler Entfernung zu halten wußten und zwischenzeitig auch eins unserer wackeren Unter­seeboote nach Ostende sich durchgeschmuggelt hatte und von hier aus, wie bekannt, den englischen Kreuzer „Hermes" in den Grund gebohrt hatte.

Seit dem 7. November liegen wir nun hier in Thielt, einem Städtchen von etwa 10 000 Ein­wohnern mit zum Teil Industrie, aber vorwiegend Landwirtschaft treibender Bevölkerung. Auch sehr viel Heimarbeit wird hier gemacht, und hauptsäch­lich das Spitzenklöppeln wird vom zehnjährigen Kinde bis zur Frau von siebzig Jahren, ja sogar von Männern betrieben. Kommen doch die so viel genannten „Brüsseler Spitzen" fast ausschließlich aus diesen Heimarbeitsstätten West-Flanderns, auch Vlamland genannt. Sehr häufig konnte ich