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Nr. 5/6 ^^^^^t^r^^i^p^ß^G^ Unsere Heimat MM^^^c^^^DSK^ßsc^ Seite 139

Schlüchterns Kriegsnöte vor hundert Rühren.

Ein Brief aus dem Jahre 1813.

Den nachfolgenden Brief verdanken wir der Freund­lichkeit des Herrn Prof. Dr. H. Bücking in Straßburg, der ihn in alten Papieren des früher staatlichen Bergwerks in Bieder (Kreis Gelnhaufen) fand. Der Schreiber des Briefes war t. I. 1813 Bürgermeister und Eierhändler in Schlüchtern, er hatte eine Nieder­lage des Bieberer Eisens und war mit dem Direktor der Biederer Eisenwerke näher bekannt. Vielleicht war der Empfänger des Briefes ein Herr Iassoy, doch war es Herrn Prof. Bücking nicht möglich, dies genau festzustellen. Der Brief, in seiner einfachen Darstellung eindrucksvoller als manches dicke Buch, das über Kriegsnöte geschrieben worden, lautet wie folgt:

Sehr Werthgeschätzter Herr Director,

Vor allen Dingen wünsche ich, daß mein Schreiben Sie und Ihre werthe Familie bei gutem Wohlseyn antreffen möge. Man hat Ursache, dieses seinen Freunden bei den jetzigen Zeiten zu wünschen. In unserm Städtchen und der Gegend würgte seit kurzer Zeit der Todesengel eine große Anzahl der unglücklichen Einwohner, so daß, wenn man nach einem fragt, so heißt es gemeiniglich: er ist todt er ist todtkrank. Selbst ich war nah an der Pforte des Todes, und würde gewiß nicht davon gekommen seyn, wenn ich nicht so geschickte Aerzte gebraucht, durch deren Sorgfalt ich dieses Mal dem Tode glücklich entrissen worden bin. Diese Krank­heiten mögen wohl dadurch entstanden seyn, daß vor der Franzoeßischen Retraite 6 Wochenlang täglich 2,000 nervenkranke und Blessirte ankamen, welche durch die schlechte Pflege, die sie genossen, und da sie nicht alle verbunden wurden - die pestilenzialischte Luft verbreiteten. Hierzu kamen noch die vielen Schweden, die die Einwohner während der Franz. Retraite überstelzen mußten. - Die meisten flüchteten mit ihren Weibern und Kindern nur wenige blieben zurück. Eltern sah man ihre unerzogenen Kinder, Kinder ihre schwachen, alten Eltern auf dem Rücken in die entferntere Orte tragen. Andere hatten ihre Betten, und was sie noch von dem, was ihnen am liebsten schien, aus den Händen der Plünderer, entrissen hatten, und flüchteten sich durch den wilden Horden mit Lebens­gefahr mitten hindurch. Viele wurden unterwegs mißhandelt, ihnen das gerettete Geld abgenommen, die letzten Kleidungsstücke ausgezogen.

Die Armee die den ersten Tag ankam, wobei sich Napoleon mit der Kaiserlichen Garde selbst befand, ruinirte die Lebensmitteln und was sie sonst fände, muthwillig. Die Kaiserliche Garoe machte den Anfang mit der Plünderung.

Es konnte sich nicht fehlen, daß dadurch schon am Abend des ersten Tags Mangel an Lebensmitteln eintrat, wodurch dann die zurückgebliebenen Ein­wohner, die deren schaffen sollten, die größten Miß­handlungen - oft Lebensgefahren erdulden mußten.

Diese Unglücklichen hatten selbst nichts, um zu leben Kartoffeln war noch das einzige lleber- bleibsel ihrer den Tag zuvor noch hoch angefüllten Scheunen, Kellern und Fruchtböden. - wollten sie sich diese am Feuer braten, nahmen ihnen solche die Franzosen ab. Aus Mangel an Lebensmitteln, welche die Ite Armee muthwillig ruinirt hatte,

fielen die nachfolgenden über die herumliegenden Leichname von Pferden, mit dem größten Heishunger her, - viele griffen die Einwohner auf Leib und Leben an, diese in Verzweiflung wehrten sich und so setzte es die blutigsten Scenen. Tausende von Soldaten und Pferden blieben aus Entkräftung und Mangel an Nahrung auf den Straßen liegen, und füllten die lüfte mit den pestilenzialischen Aus­dünstungen.

In und bei Schlüchtern bivouacquirten jede Nacht zwischen 30 und 60,000 Mann, und durch die vielen Feuer, welche zum Theil auf den Straßen, dicht an und in den Häusern, in den Scheunen und Ställen, ja selbst in den Stuben brannten, entstände mehrer- mals Feuersnoth aber durch die Anstrengungen der wenigen zurückgebliebenen Einwohner wurden doch diese Feuer so gedämpft, daß nur einige Häuser und Scheunen abbrannten. - Aus Mangel an Holz wurden mehrere Gebäude niedergerissen.

Diese Noth dauerte beinahe vier Tage lang.

Als nun die geflüchteten wieder zurückkamen, ste hier einen nakten todten Menschen, dort ein crepirtes Pferd fanden - die Straßen mit dem ekelhaftesten Koth bedeckt waren als sie in ihre Wohnungen kamen, die meisten keine Thüren, keine Fenster, kein Hausgeräthe, kein Holz, um sich vor der Kälte des bevorstehenden Winters zu schützen, sondern nur herumliegende Trümmern davon und Stroh und Misthaufen, mehrere nur noch die rauchenden Ruinen ihrer Häuser, alle aber Scheunen, Keller und Frucht­böden geleert fanden, so daß die erste Aussicht Hungersnoth für Menschen und Vieh war -- Da erhub sich lautes Jammern und Wehklagen - einen Unmenschen nur hätte dieß nicht rühren können.

Das was unsere Lage noch am schlimmsten machte, war daß, so wie die Reraite Aufhörte, die ganze Oestreichische Armee und starke Abtheilungen oer übrigen in unaufhörlichen Zügen ihren Weg hier­durch nahmen. Diese Truppen mußten doch auch verpflegt werden, und die starken Lieferungen, Die für dieselbe geschehen mußten, leerten die Scheunen und Fruchtböden der entfernten Oerter.

Durch die pestilenzialischen Ausdünstungen der herumliegenden Leichname von Menschen und Pferden die wegen der Menge nicht schnell genug begraben werden konnten, und die ausgestandenen Schrecken entstanden Krankheiten - das Nervenfieber grassirte mehrere Wochen lang.

Die Krankheit wurde erst bösartig, als keine Arzney und keine stärkende Lebensmitteln zu haben waren, und nahm so überhand, daß sie täglich 3 bis 4, oft der Blühendsten dahin riß.

Ietzo hat sich das Sterben etwas gestillt, und Die armen Einwohner bemühen sich, den Schutt aus ihren Häusern zu schaffen, worunter sie denn manch­mal noch kleine Ueberbleibsel und Andenken an ihr ehemaliges Eigenthum finden.

Auch puf die bevorstehende Aerndte haben wir uns wenig zu freuen, indem wegen der Retraite und vor derselben, wegen den überhäuften Truppenmärschen, kurz nach derselben wegen Mangel an Zugvieh wenig Felder bestellt, die wirklich bestellten aber durch die täglichen Bivouacqs ruinirt wurden, es aber jetzt zu spät ist, noch etwas vorzunehmen.