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Seite 134 ß^ß^ß^r^ß^ß^ß^ß^r^m^c^ Unsere fjeimnt ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ß^ Nr. 5/6

f eldbrief eines Schlüchterner Landwehrmannes,

Policzna, am 20. Okt. 1914, morgens 7 Uhr.

Meine Lieben! Gestern ist ein wunderschöner Herbsttag gewesen. Wir sind wieder aufgetaut in dem prachtvollen Sonnenschein und wieder in zu­versichtlicher Stimmung. In solcher schreibe ich Euch am liebsten und will dazu meine freie Zeit — wir rücken erst um 11 Uhr ab — benutzen. Wir konnten uns am Sonntagabend wieder einmal unter Dach, in der großen Gutsscheune, zur Ruhe legen. An­genehm ist das doch, wenn man ein Dach über sich hat. Nachts um 1 Uhr brach ein ganz furchtbares Artilleriefeuer los, welches ich jedoch nicht hörte, da ich sehr gut schlief. Pr. sagte mir morgens: „Ich wollte dich nicht wecken, du schliesst zu schön!" Den Grund des Schießens erfuhren wir am Montag morgen. Die Russen waren gegen unsere Stellungen vormarschiert und hatten aus Iwangorod die Schein­werfer spielen lassen, um uns zu finden. Dadurch konnten die Unseren aber auch den feindlichen Auf­marsch sehen; sie ließen den Feind bis auf 300 Meter herankommen und empfingen ihn dann mit furchtbarem Schnellfeuer. Ueber hundert Geschütze und dann noch die Infanterie mit Maschinen­gewehren! Ich sage Luch: Die haben aufgeräumt. In Haufen liegen die Russen auf dem Schlachtfeld. Nach einer Stunde war alles wieder ruhig. Am Sonntagabend war Feldgottesdienst, auch unser Brigade-Kommandeur hielt eine Ansprache und sagte, daß Bericht an den Kaiser abgegangen sei über das tapfere Verhalten der ... er in den Kämpfen vom 12. bis 15. Oktober. Tieftraurig ist nur, Daß so viele brave Kameraden, die man so lieb gewonnen hatte, nicht mehr sind. Gestern haben wir auch die ersten Liebesgaben erhalten. Ich empfing ein Hemd, ein Paar Stauchen, eine Leibbinde, ein Paar Ohren­schützer, 10 Zigarren und etwas Schokolade. Am Abend standen Pr. und ich am Feuer, das wir auf dem Gutshofe angezündet hatten und sprachen von „Schlüchtern und Umgegend." Wir betrachteten den Kometen, der sich in der Nähe des „großen Bären" zeigt. Wir konnten diesen zuerst nicht finden. Ich sagte: „Wenn ich in meiner Haustüre stehe und sehe an den südwestlichen Himmel, dann sehe ich ihn." Wir stellten fest, wo Westen ist, und richtig, da steht er an derselben Stelle. Gerade so muß ich von unserer Haustüre nach dem Himmel sehen wie sind wir doch so nah beieinander und doch so weit von einander entfernt! Einen Gruß gebe ich jeden Abend der scheidenden Sonne mit. Das waren |o unsere Gedanken am Feuer. Line Gruppe sang wunderschön: „Nach der Heimat möcht ich wieder ." Als die letzten Töne verhallt waren: „Sei gegrüßt in weiter Ferne, teure Heimat, sei gegrüßt", suchten wir unser Lager in der Eutsscheune in Russisch- Polen auf. Wir hatten ganz vergessen, daß wir im Krieg waren. Die Geschütze hatten eine Pause ein­treten lassen; es war alles ganz friedlich gewesen. Nun donnern sie schon wieder den ganzen Morgen. Gott gebe guten Erfolg! Der würde uns dem Frieden doch auch wieder ein Stück näher bringen. Leicht ist es nicht. Wir müssen Geduld haben. Seit oem

22. Sept. habe ich nichts von Luch gehört. Was gibt es Neues in Schlüchtern? Wie sind die Kartoffeln ausgefallen? Seid sparsam mit allen Vorräten! Man weiß nicht, was diese schwere Zeit noch alles mit sich schleppt. Wir haben auf einem Acker bei Radom — denkt Luch nur sogar Kartoffel­pfannkuchen gebacken. Es wurde aber gleich be­schlossen, daß wir die nicht wieder machen, und wenn der Krieg nod} so lange dauert. Das Backen dauert zu lange, und das Essen geht zu schnell. Auch fehlen die Zwiebeln, und das Salz ist sehr knapp. Aber sie schmeckten doch; es wird hier nicht so genau genommen. Das Reibeisen hatten wir bei einem Polen geholt, es war verhältnismäßig sauber. Das letzte Mal scheinen Zwiebeln darauf gerieben zu sein; das andere „Anhängliche" ließ sich nicht mehr genau feststellen. Sonst geht es gut. Nur wünschen wir alle, daß die nächste Nachricht von uns eine große Siegesnachricht sein möchte. Gott schütze Euch!

für uns.

Fern, ferne im Osten da gähnt ein Grab;

Da senkt man zu tausend die Toten hinab Für uns!

Im Westen da ragt manch Kreuz schlicht und klein,

Da liegen sie stumm in langen Reih'n Für uns!

Und wo im Winde rauschet das Meer, Da gaben sie freudig ihr Leben her Für uns!

Sie opferten Zukunft und Iugendglück, Sie kehren nie wieder zur Heimat zurück Für uns!

Sie gaben ihr alles, ihr Leben, ihr Blut, Sie gaben es hin mit heiligem Mut Für uns!

Und wir? Wir können nur weinen und beten Für sie, die da liegen bleich, blutig, zertreten Für uns!

Denn es gibt kein Wort, für das Opfer zu danken, Und es gibt keinen Dank für sie, die da sanken Für uns!