Seite 116 ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Unsere Zeitnot ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Nr. 2/3
reichischen und preußischen Streifkorps sind damals als „wilde Jagd" vor, zwischen und hinter den eilenden Franzosen auf dieser Straße dahingefegt. Den Franzosen folgte dann vom 2. November ab die zweite Marschkolonne der Hauptarmee der Verbündeten unter dem österreichischen Feldmarschalleutnant Grafen Bubna. Auch Kaiser Franz von Oesterreich und König Friedrich Wilhelm III. von Preußen sind damals in den ersten Novembertagen nacheinander auf der Frankfurt-Leipziger Straße durch unsere Heimat gekommen. Unter den preußischen Prinzen, die den König begleiteten, befand sich auch der 16jährige Prinz Wilhelm, unser nachmaliger Kaiser Wilhelm I. Die Truppendurchzüge der Verbündeten durch unsere Gegend dauerten bis in den Februar 1814. Nach dem Kriege kehrten dann wieder starke Heeresabteilungen, so z. B. allein 90 000 Mann Russen, auf der Frankfurt-Leipziger Straße in ihre Heimat zurück.
Lange Zeit danach herrschte Ruhe auf dieser Straße. Man hörte nur das Rollen der Frachtwagen, das Knallen der Fuhrmannspeitschen, das Horn der Postillone und den Gesang der wandernden Handwerksburschen. Erst 1850 wieder sah die Straße sehr kriegerisch aus. Die sogenannten „Strafbayern" rückten auf ihr heran, um Kurhessen zu besetzen, und auch in unserer Gegend haben wir damals den Ernst der Lage zu fühlen bekommen. 16 Jahre später, im Juni 1866, zog umgekehrt die nicht kriegsbereite kurhessische Armeedivision auf dieser Straße nach Süden ab, um in der Bundes- festung Mainz den Ausgang des Krieges zwischen
Preußen und Oesterreich, sowie den süddeutschen Staaten untätig abzuwarten. An ihrer Stelle erschienen kurze Zeit darauf von Gelnhausen her die Württemberger in unserer Heimat, zogen sich aber vor den im Anmärsche begriffenen Preußen wieder zurück. Die preußische Mainarmee kam von Hünfeld und rückte in zwei Kolonnen nach Bayern. Aber nur die südliche Kolonne überschritt den Distelrasen, marschierte nach Schlüchtern und bog dann scharf nach Brückeuau und Kissingen hinüber. Seit der Zeit haben sich auf der Frankfurt-Leipziger Straße keine feindlichen Truppen mehr bewegt. Nur in Manöverzeiten hallt von ihr der Marschtritt unserer braven Infanteristen, das Klappern der Hufe unserer Reiterei und das dumpfe Poltern der Geschütze unserer Artillerie herüber. Der Friede breitet jetzt seine Fittiche über die deutschen Lande und unsere Heimat und wir brauchen keinen Feind mehr zu fürchten. Möge es fernerhin so bleiben! Möge niemals wieder „der Tag erscheinen, wo des wilden Krieges Horden dieses stille Tal durchtoben!" Und wenn auch die Frankfurt-Leipziger Straße still und leer geworden ist und ihre Bedeutung an die gleißende Bahn von Stahl und Eisen dort auf der anderen Talseite der Kinzig verloren hat; wenn sie uns modernen Menschen tatsächlich nicht mehr das sein kann, was sie unseren Altoorderen war: der Lebensnerv des Verkehrs, so wollen wir sie doch verehren und lieb behalten, wie man die ergraute und ar- beitsmüde Großmütter ehrt und liebt, und in ihr allezeit ein hervorragendes, geschichtliches Denkmal unserer Heimat sehen unb achten. —
benutzte Literatur.
Außer den im Texte genannten Quellen wurden noch folgende Werke benutzt:
Arnd, Geschichte des Straßenbaues in der Provinz Hanau. Zeitschrift für die Provinz Hanau, I, Hanau 1839.
Falke, Der deutsche Handel im Mittelalter. Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. Iahrg. 1857.
Gaßner, 3um deutschen Straßenwesen von den ältesten Zeiten bis zur Mitte des XVII. Jahrhunderts. Leipzig 1889.
Götz, Die Verkehrswege im Dienste des Welthandels. Stuttgart 1888.
Heller, Die Handelswege Innerdeutschlands und ihre Beziehung zu Leipzig. Dresden 1884.
Hübe r, Die geschichtliche Entwickelung des modernen Verkehrs. Tübingen 1893.
Kretfchme r, Historische Geographie von Mitteleuropa. München und Berlin 1904.
Landa u, Beiträge zur Geschichte der alten Heer- und Handelsstraßen in Deutschland. Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. Iahrg. 1856.
Lotz, Verkehrsentwickelung in Deutschland 1800 bis 1900. Leipzig 1900.
Rauers, Zur Geschichte der alten Handelsstraßen in Deutschland. Petermanns Mitteilungen. Gotha 1906.
v. Sarwep, Römische Straßen im Limesgebiet. Westdeutsche Zeitschrift für Geschichte und Kunst. Trier 1899.
Schneider, Die alten Heer- und Handelswege der Germanen, Römer und Franken im deutschen Reiche. Frankfurt a. M.
S o m m e r l o d, Verkehrswesen im deutschen Mittelalter. Conrad, Handwörterbuch der Staatswissenschaften, Supplement, Bd. II, 1897.