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Nr. 2/3 ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Unsere Zeitnot ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® Seite 111

hessisches Regierungsausschreiben von 1543 klagt, daß die Fuhrleute aus den schlechten Straßen ihre Geschirre zerbrächen und in den Sümpfen stecken blieben. Ja, um 1571 hatte sich auf der Frankfurter Straße bei Fron- Hausen südlich von Marburg ein solches Loch gebildet, daß drei Wagen mit Wein betritt verunglückten und ein Knecht sein Leben einbüßte. Zu seiner Ausfüllung mußten die benachbarten Gemeinden 500 Wellen Rei­sig (!) Hauen.

Besonders nach dem dreißigjährigen Kriege war der Zustand der Straßen geradezu entsetzlich. Ein Vers aus damaliger Zeit schildert ihn wie folgt:

„Unmöglich ist, wer eine ferne Reyß, Thun will, daß er könnt' treffen das recht' Geleyß. Die Straßen, die gebaut waren vor der Zeit, Mit Hecken, Dornen, Unkraut seyn bekleibt".

In Langenselbold wuchs selbst auf dem „Stein­wege" so hohes Gras, daß man es mähen konnte.

Auch unsere Frankfurt-Leipziger Straße war in den genannten Teil in keiner besseren Verfassung. Im Jahre 1540 zeigte z. B. der Schultheiß von Wirtheim in der Hanauer Kanzlei an, die Wege bei Wirtheim und Kassel seien so schlecht, daß sie von den Kaufleuten gemieden würden. Dies gereiche aber der Herrschaft durch Verlust des Zolles zum Nachteile. Nun ergab zwar eine Untersuchung, daß sich die von der Landes­herrschaft zu unterhaltenden Wegestrecken in gutem Zu­stande befanden, daß dagegen diejenigen Strecken, welche die Anlieger zu unterhalten hatten, völlig vernach­lässigt waren. ®) Daß auch andere Strecken der Straße gerade in unserer Heimat, namentlich die zwischen Steinau und Schlüchtern, in übelster Verfassung ge- wesen sein müssen, geht aus dem Umstände hervor, daß die Fuhrleute von Steinau aus den steilen Aufstieg aus den Ohlberg, der nur durch mehrfache Vorspann zu überwinden war, und den Weg von dort über Breiten­bach und Wallroth in das Fuldische hinein dieser Straßenstrecke vorzogen. Ja, noch um 1789 ließ die Frankfurt-Leipziger Straße manches zu wünschen übrig, wenigstens erzählt Ludwig Emil Grimm, der jüngere Bruder von Jakob und Wilhelm Grimm, der als Kind mit feinen Eltern einmal eine Reise von Steinau nach Hanau machte, folgendes '^): „ . . . unterwegs vor Salmünster (b. h. auf der Rückreise von Hanau), blieb derWagen in einem tiefen, schlammigen Loch stecken, und die vier Pferde waren nicht imstande, ihn heraus- zuziehen. Da versammelten sich viele Leute, die halfen; sie holten Stangen und Hölzer, und nach vieler Mühe kamen wir endlich heraus". s)

Trotzdem bewegte sich auf dieser Straße jahrhun­dertelang ein verhältnismäßig lebhafter Personen- und Warenverkehr; denn sie stand, wie jede andere Reichs­und Königsstraße nach dem Rechtsspruche König Heinrichs VI. vom Jahre 1224, jedem, der reifen, Waren verführen oder andere Geschäfte verrichten wollte,

”5 Zimmermann, „Hanau Stadt und Land", Hanau 1903,

6. 327.

”) „Erinnerungen aus meinem Leben", herausgegeben von

Professor Stoll. Leipzig 1913, S. 57.

”5 Dieses Loch kann sich nur auf der durch das damals

mainzische später bäuerische Gebiet bei Aufenau führenden Strecke

der Straße befunden haben, da diese erst 1822 ausgebaut wurde.

Die Strecke durch das Amt Salmünster war ja schon über

20 Jahre chaussiert.

unbeschränkt offen. Freilich blieb ihr Verkehr bis zum Anfänge des 19. Jahrhunderts weit hinter dem der anderen Straßen, die nördlich am Bogelsberge vorbei oder über dieses Gebirge nach Frankfurt führten, zurück. Einmal war sie eine Talstraße und häufig der Ueber- flutung durch die Kinzig ausgesetzt, dann bot sie einige besonderen Hindernisse für den Wagenverkehr, ") und endlich ließ, wie wir später sehen werden, die Sicher­heit auf ihr manches zu wünschen übrig. Die Kaufleute suchten sie deshalb meistens nur dann auf, wenn sie durch irgend einen Umstand genötigt waren, eine der anderen Straßen nach oder von Frankfurt zu meiden. So zogen z. B. 1597 die Kaufleute aus Sachsen über die Kinzigstraße zur Frankfurter Frühjahrsmesse, weil in Hessen die Pest herrschte; aus demselben Grunde be­nutzten sie diese Straße auch zur Herbstmesse. Auch im Jahre 1621 ging der ganze Meßverkehr von Sachsen nach Frankfurt durch unsere Heimat, weil die Straßen durch die „langen" und „kurzen Hassen" zu unsicher waren. Sonst aber war der kaufmännische Verkehr auf der Kinzigstraße mehr ein Lokal- als ein Fernver­kehr. Nur zum Personenverkehr wurde sie häufiger benutzt. Ebenso diente sie öfters als Heerstraße und zu Truppendurchmärschen.

Die Personen, soweit sie nicht zu Fuß gingen, be­dienten sich zur Förderung meistens des Pferdes oder des Esels und legten reitend täglich etwa 5 Meilen zurück. Zum Warentransporte benutzte man entweder Saumtiere oder Karren und Wagen. Als Saumtiere scheinen auch in unserer Gegend Maultiere Verwendung gesunden zu haben; denn vielfach findet man auch bei Ausschachtungsarbeiten auf dem alten Straßengrunde der Stadt Steinau eigenartig geformte kleine Hufeisen, die nur für dieses Tier bestimmt gewesen sein können. Auch anderwärts, so z. B. in Langenselbold, sind unter dem Slraßenpf.aster dieselben Hufeisen gefunden worden. Nach dem Urteile Sachverständiger sollen sie sich kaum von den altrömischen unterscheiden. Als Lastfuhrwerk diente im Mitlelaltec fast ausschließlich der zweiräderige Karren, dessen Tragfähigkeit man auf 30—50 Zentner berechnet haß Erst seit dem 16. Jahrhundert entwickelte sich der Wagenbau, und seit der Zeit nahm auch das Frachtfuhrwesen einen größeren Aufschwung und wurde zu einem wichtigen Erwerbszweige der Straßenamvoh- ner. Fuhrwerke legten am Tage nur 3—4 Meilen zurück. So dauerte eine Reise in der Kutsche von Hanau nach Schlüchtern um das Jahr 1700 noch einen ganzen Tag. Im Mai 1707 fuhr z. B. ein geist­licher Inspektor morgens zwischen 3 und 4 Uhr in Hanau ab und langte erst „mit Gott abends vor 5 Uhr in Schlüchtern an".20) Ja, noch 1815 brauchte der vorerwähnte Ludwig Emil Grimm 17 Stunden, um mit der Post von Frankfurt nach Steinau zu reisen. Er fuhr nachts 2 Uhr in Frankfurt ab und kam abends 7 Uhr in Steinau an.21) Bei Steigungen mußten sich die Frachtfuhrleute häufig der Vorspann bedienen. Das Vorspannwesen war besonders stark in Steinau und Schlüchtern entwickelt und setzle manchen Fuhrmann in Nahrung.

19 So waren die engen Gassen der Stadt Gelnhausen ein Schrecken der Kaufleute, und von dem Haitzer-Tore dortselbst mußten sie vorher Maß nehmen, um ihre Ladungen danach einzurichten, sonst blieben sie mit ihren Wagen darin stecken.

20) Zimmermann, a. a. O., S. 745.

2I) „Erinnerungen ", S. 555.