Seite 88 ®®®®®®®®®®®®©®®®®®®®® Unsere Zeitnot ®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®®® 91r. i
abzulösen, und so die Preußen zum weiteren Vormarsch in's Innere Frankreichs freizumachen. Der Teil der reitenden Jäger, bei dem Bey war, hatte Thionville als Marschziel. Hinter Trier sah Bey die ersten Wagen mit Verwundeten, die ins Lazarett nach Trier geschafft wurden. Am 20. Februar hörte er das Donnern der Belagerungsgeschütze von Luxemburg. Tags darauf erreichten sie Hettange (Hellingen) (1 Stunde von Thionville), wo das Hauptquartier des die Blockade von Thionville kommandierenden Generals von Müller war. Drei Wochen nichts als Strapazen, Patrouillen, Bor- poftendienft, dazu schlechte Lebensmittel. Einige Tage hauste Bey mit seinem Piquet in einem verlassenen, nur noch von der Familie des Kastellans bewohnten Schlosse in der Nähe von Maison rouge. Dort hatten sie Ruhe und leidliche Verpflegung. Die Frau des Kastellans buk ihnen einmal sogar Pfannkuchen, Aber gerade als sie sich dieselben gutschmecken lassen wollten, kam eine französische Reiterabteilung angesprengt, und Bey entging mit knapper Rot der Gefangenschaft. Es waren Reiter des französischen Divisionsgenerals Durutte gewesen, der als Kommandant von Metz einen Ausfall gemacht, das Belagerungskorps zurückgedrängt unb nach blutigen Gefechten am 16. März (in einem dieser Gefechte wurde der nachmalige Schwager Bey's, Kaspar Freund von Schlüchtern, verwundet) auch Thionville vorübergehend entsetzt hatte. Bey's Abteilung mußte sich bis nach Hettange zurückziehen, von dort kam sie 311m Belagerungskorps vor Luxemburg in’s Kantonnement. Hier erkrankte Bey schwer. Als er sich etwas erholt hatte, kam er nach Hayange, von da mit seiner Eskadron in ein Dorf bei Thionville. Es war ein unnützes, planloses, aber immer strapaziöses Hin- und Herziehen. Selten kamen sie an den Feind. Bey war froh als diese Art Kriegsführung zu Ende ging. Anfangs April wurden die freiwilligen Jäger zu Pferd und 311 Fuß, sowie die Landwehr in die Heimat zurückbeordert, während die Linientruppen noch in Frankreich blieben. Ueber Köln und das Kölner Sauerland ging’s heimwärts.
Hatten die freiwilligen Jäger auch in Frankreich keine großen Schlachten geschlagen, so hatten sie doch voll ihre Schuldigkeit getan. Sie hatten auf An- erhennung von feiten ihres Landesherrn gerechnet. Ein feierlicher Einzug in die Landeshauptstadt Kassel — der mußte ihnen doch gewährt werden. Sie wurden aber arg enttäuscht, wenigstens die 4. Eskadron. Schon in Köln hörten sie, daß die 4. Eskadron, meistens aus Hanauern unb aus Leuten aus dem blauen Ländchen (Langenschwalbach) bestehend, nicht mit den drei anderen nach Kassel kommen sollte. Der Kurfürst, so hieß es, wollte sie nicht sehen, weil ihre Uniform etwas französischen Schnitt hatte!! Das tat ben Braven sehr leid, und Verwünschungen aller Art wurden ausgestoßen. So kündigte sich damals schon die neue Zeit an, die Zeit der Reaktion und der Demagogenriecherci.
Bey, dein auch unter dem Sägerrock noch ein flottes Studentenherz schlug, empfanb es weiter schmerzlich, daß ihnen auf dem Rückweg nicht einmal die Freude gegönnt ward, in Marburg sich einquartieren zu dürfen. In Kappel mußte übernachtet werden. Aber zum Glück
war der nächstfolgende Tag ein Ruhetag, und da gab’s doch einen Besuch in Marburg bei den alten Freunden.
Die Einwohner von Hanau hatten uon dem wunderlichen kurfürstlichen Verbot, daß die 4. Eskadron nicht nach Kassel kommen sollte, gehört, und es ist erhebend, wie sie sich anstrengten, den Jägern den Verlust des Kasseler Einzugs zu ersetzen durch einen würdigen Empfang in ihrer Stadt. Am Frankfurter Tor empfing die heimkehrenden Reiter der Magistrat. Alle ©locken läuteten. Im „Riesen" wurde den Freiheitskämpfern ein Festessen gegeben, und dann wurden sie alle in Bürgerquartieren wohl beherbergt.
Bey ließ sich in Hanau auf einige Tage beurlauben zu einem Besuch in Schlüchtern. Als er wieder zurück wollte, erfuhr er, daß die freiwilligen Korps bis auf weiteres aufgelöst seien. So blieb er in Schlüchtern. Mit heiler ^^u^ war er aus Frankreich zurückgekommen, bald darauf sollte ihm in Schlüchtern ein Unglück zustoßen. Das kam so. 2hif dem Rückmarsch aus Frankreich im Sommer 1814 hatten einige Kom- pagnien Fuldaischer Landwehr unter dem Kommando von Sergeanten, weil sie längere Zeit keine Löhnung erhalten hatten, bei Heidelberg sich der Kriegskasse bemächtigt, waren nach Stilbn gezogen, um ihre Kommandeurs zu verklagen, unb hatten sich in Frilda der Hauptwache bemächtigt. 3u ihrer Entwaffnung hatte man ein österreichisches Bataillon herbeigerufen. Die Anführer der Rebellen (einer von ihnen war aus Salmünster) ergaben sich ohne Widerstand, nachdem die meisten ihrer Leute sich in ihre Heimatdörfer geflüchtet hatten. So verlief der kleine Soldatenaufstand schadlos, doch für Bey ward er die indirekte Ursache eines körperlichen Schadens. Als nämlich die nach Frilda beorderten Oestreicher durch Schlüchtern marschierten, war Bey grade dabei, das etwas wilde Pferd des Jägers Herche, das dieser dem Amtsvogt oon Salmünster ver- kaufen wollte, bem Käufer vor dem Untertor vorzureiten. Durch das Trommeln der Oestreicher scheute das Pferd, überschlug sich, unb Bey erlitt einen Beinschaden. Er lahmte lange Zeit. Das hinderte jedoch nicht, die Liebe der verwitweten Sternwirtin (Witwe des Ludwig Baift) zu gewinnen. 3m Dezember 1814 ward die Hochzeit gefeiert.
So wurde der ehemalige studiosus theologiae Wirt zum Stern. Er verstand es, durch fein originelles Wesen (trug er doch Jahre lang noch seine Iägeruniform), feinen Mutterwitz, seine Unterhaltungsgaben, fein musikalisches Talent, aber auch durch die gute Verpflegung, die er seinen Gästen bot, ben alten Gasthof zum Stern zu einem bei dem durchreisenden Volk wohl renommierten zu machen.
Oft hat der originelle Wirt feinen Gästen von seiner Studenten- und Kriegszeit erzählt. Einer, der auch gern bei ihm einkehrte (Dr. Lotich-Herolz), hat in einer guten Stunde ausgeschrieben, was er aus seinem Munde gehört hatte. Ihm verdanken wir es, daß wir wenigstens von den Kriegs-Erlebnissen einer der Schlüchterner Freiheitskämpfer etwas Genaueres wissen.
ZreunS-Ramholz.