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Seite 86 &&&&&&&S>&&&&&&&®&&&&<2> Unsere Heimat -SSWDSSS-SSS>ML)SSSS>-DSSL>-S-L> 9lr. 1

wechselt. Wie groß ist die Schar, die, ohne eine Lücke zu lassen, still ausgewandert ist in das Land, aus dem noch kein Mensch zurückkehrte! Nur in lächelnden Bil­dern schauen die Davongegangenen noch von den Wän­den in den Häusern auf dieBesitzer" von heute, als wollten sie sagen:Sei kein Narr, der sein Herz an vergehende Dinge hängt! Auch du wirst unsern Weg bald gehen müssen I" Ja, anders ist's geworden im Laufe der Jahre, aber auch besser? Bei dem Wörtlein denken viele gleich an die äußeren Ver­hältnisse. Bleiben wir 'mal dabei.

Neulich lief durch die Tageszeitungen folgende Kunde:Der Direktor der Deutschen Bank läßt ein Buch erscheinen über den Besitzstand des deutschen Volkes. Es ist ein Teil des Gedenkwerkes, das ein Verlag dem Kaiser zum Regierungsjubiläum über­reichte. Dr. M. Helfferich, der Verfasser, hat Unter­suchungen angestellt über das Volksvermögen und fein Anwachsen in den letzten 25 Jahren, und gelangt zu folgendem Schlußergebnis: Das deutsche Volksein­kommen beträgt heute rund 40 Milliarden Mark jähr­lich, gegen 2225 Milliarden Mark um das Jahr 1895. Das deutsche Volksvermögen beträgt heute mehr als 300 Milliarden Mark gegen rund 200 Milliarden Mark um die Mitte der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts."

Zum Kuckuck", meinte da einer, als er das ge­lesen hatte,wo nur das Zeug steckt? Wir Schlüchter- ner, Steinauer, Seidenröther usw. haben sicher nicht teil dran!"

Der Gute irrt; er bedenkt nicht, daß es uns allen ohne Ausnahme - etwas besser geht als unsernGroß- eltern und Urgroßeltern. Wer sich mit gesunden Augen umschaut, findet das sicher auch. Unser Kreis Schlächtern hat ja nie Anspruch auf Wohlhabenheit machen dürfen. Wenn's 'mal ein paar Jahrzehnte aufwärts gegangen war, kamen die Heuschrecken in Gestalt von Truppendurchzügen oder andere zehrende Uebel und fraßen das bißchen Fett, das die Gegend angesetzt hatte, wieder an und auf. Und auch heute noch träfe das Wort aus dem Berliner Rathaus: Reichtum ist des Glückes Plunder", das dort für die Katz' geschrieben steht, bei uns sicher auf mehrVer­ständnis". Trotzdem ist auch bei uns sichtlich ein großer Unterschied zwischen heute und der Zeit vor 30 Jahren, da unsereins zur Schule lief. Er ist un­gefähr so groß wie der zwischen dem neuen und alten Rathaus, neuen und alten Kreishaus u. f. f. Zur Ehre der Schlüchterner muß ich sagen, daß die meisten zufrieden sind und es mit Rückerts Wort halten:

Der Reichtum ist der weite Schuh Und die Armut der knappe.

In dem engen hinkest du,

Und hutschen macht dich der schlappe."

Und hinzusägen möcht' ich: Vor 30 Jahren gab's bei uns noch mehr enge Schuhe als passende. Die Schlappschuh' gedeihen besser im Unterland. Es gab damals bei uns entschieden mehr Leute, die sich mit ruhigem Gewissen ihre Unterstützung aus irgend ei­nem Kästlein holen durften, weil's ihnen gar zu schwer ward, die hungrige Kinderschar zu sättigen. Heute klingt's vielen wie ein Märchen, wenn die Großmutter

vom Hungerjahr erzählt, in welchem die Gemeinde, die doch sonst nur tut, was sie muß, den Schulkindern Brotstücklein reichen ließ, weil daheim die Brotkästen leer waren und leer blieben, und die Alten mit Kötze und Schubkarren bittend in gesegnetere Gefilde zo­gen . . . Und wenn heute auf unseren Dörfern irgend­wo wirkliche leibliche Not aufflackert, weil der Sauf- teufel der Mühen Frucht frißt oder Krankheit und Tod Weh' und Waisen machen, wird gleichge- dibbscht", wenn's irgend geht. Gottlob ist der Hunger, der ungestillt bleibt, auf dem Lande auch in den Hütten ein Fremdling geworden, dem keiner von dem Jung­volk ins harte Antlitz sah. Also ein klein wenig zählt unser Haben bei denMilliarden" auch mit, wenn's auch dem Ganzen gegenüber kaum soviel ausmacht, als ein Spatz im Schnabel forttragen kann. Und wer möchte sauer dazu zu sehen, wenn allmählich auch ein bißchen Schmu ck zum Notwendigen hinzukommt?

Es ist kein Schade, wenn auch in Niederzell das Gemeindehaus getüncht und da und dort das Bal­kenwerksein" gemacht wird, wenn vor Hellen Schei­ben Geranien und Fuchsien blühen und die Haus­mutter im Lenz Lust kriegt, nicht bloß Zwiebeln und Rüben zu säen, sondern auch ein Garteneckchen mit Reseda und Astern anzulegen. Es freut sich der Bauer im Bergwinkel, daß er seine Fußböden jetzt sämtlich dielen kann und seine Wände Tapeten kennen! Es ist gesunder, daß den weißen Dielenstreusand das Oelen" undLacken" abgelöst Hat und die Pumpe von der Wasserleitung aus demdurchjauchzten" Hof vertrieben wurde. Daß die Holzbank vom Sofa und die Butter vomFidelio" (ViUllo) verjagt wird, ist vielleicht minder gut und eine Schattenseite derMilliarden". Wir sind mit Freuden bereit, der Dankbarkeit Raum zu gewähren für alles Gute, was dieMilliarden" im Gefolge haben, erblühen doch auch dem Lande dadurch, daß sich Wässerlein vorn Hauptstrom, der die großen Städte und Zentren des Verkehrs durcheilt, abzweigten, mancherlei Wohltaten, sei es auch nur, daß man auch im kleinen Dorfe nun eine Krankenpflegerin halten, menschenwürdige Schu­len bauen und sich der schulentlassenen Jugend besser annehmen kann.

Aber wir wollen um keinen Preis, daß das Spottwort des schlauen Li Hung Tschang bei feiner Heimkehr nach China für alle Wahrheit werde: Der europäische Götze heißt Geld!" DieMilliar­den" sollen nicht unseres deutschen Volkes Herren werden. Schon einmal verwirrten Milliarden die Köpfe und brachten Unheil über Unheil; und seitdem sind auch noch keine 40 Jahre ins Land gegangen. Uns wird angst bei dem Gedanken, daß in dem stei­genden Reichtum die Zufriedenheit und Genügsamkeit ertrinken und die Geduld, auch in kleinen Ver­hältnissen auszuharren und dort le­benslang st illseinePflicht zu tun, überflutet werde von der Sucht, um jeden Preis nun auch soviel als möglich für sich zu erraffen, einerlei, ob die Ge­wissen rein bleiben oder beim wahnwitzigen Wettlauf um Geld und Genuß in der Gosse schleifen . . . Ver­gessen wir's nicht, daß der Reichtum auch furchtbare Gefahren in sich birgt. Nicht nur Festungen fallen, wenn das Gold Sturm läuft.Reichtum macht das .Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei."